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Von Martin Hatzius 06.12.2011 / Feuilleton

Lieder vom Lieben

Annekathrin Bürger

Mit dieser CD habe sie sich einen viel zu lang aufgeschobenen Wunsch erfüllt, schreibt Annekathrin Bürger im Booklet. Sich selbst - und ihren treuen Fans. Bürgers warm timbrierten, klar artikulierten Gesang nicht allein in flüchtigen Bühnenminuten aufzusaugen, sondern die Lieder auf einem Tonträger mit nach Hause zu nehmen, zum Nachhören, wieder und wieder - das ist nun möglich.

Gemeinsam mit Arrangeur und Pianist Fred Symann, der das romantische Klavierlied so gut beherrscht wie das Theaterchanson, und dem Saxophonisten und Flötenspieler Christian Georgi, dessen leidenschaftliches Spiel die gesungenen Texte wahrlich stimmungsvoll auszumalen versteht, hat die bald 75-Jährige im November ihre Platte »Liebe ist das schönste Gift« aufgenommen. Mit einem gleichnamigen Konzert- und Gedichtprogramm waren sie 2011 durch die Lande gereist.

Als Interpretin von Brecht-Songs und als Teil des renommierten Ensembles »Vier im Konzert« hat die Theater-, Film- und Fernsehschauspielerin Annekath-rin Bürger oft genug gezeigt, wie ausdrucksstark und wie facettenreich sie singen kann. Die CD ist nun einem einzigen Thema gewidmet, der Liebe. Freilich: Es gibt gar kein anderes Thema, das sich facettenreicher und stärker im Ausdruck besingen ließe - und dies über alle Zeiten hinweg. Von den Versen der Louise Labé, einer Dichterin des 16. Jahrhunderts, über Eichendorffs romantische »Mondnacht« bis hin zu Liedern von Gisela Steineckert und Gedichten von Annekathrin Bürgers Schwägerin Chrsitine Rammelt-Hadelich reichen die zwanzig auf dieser CD interpretierten Texte. Worte, Töne, Gesten - nie fliegen sie höher, greifen sie tiefer als im Streben, sich den Sehnsüchten, Tagträumen, Lüsten und Ängsten zu öffnen, welche die Liebe erweckt. »Doch immer diese Frage«, singt die Bürger in einem eigenen Text: »Doch immer diese Frage / die mich so schmerzhaft trifft: / Warum gehört zur Liebe / nur dieser kleine Tropfen Gift?«

Er gehört schon deshalb dazu, weil es sonst keinen Grund gäbe, solche Lieder zu singen. Bliebe Liebe ohne Makel, bräuchte sie keine Kunst. Die wortmächtigste Poesie und die ergreifendste Musik sind selten aus Glück, fast immer aus dem Unglück darüber geboren, dass zwischen Traum und Wirklichkeit eine Lücke klafft. Ja, eine Lücke. Von einem Abgrund zu reden, fiele einem bei den Liedern auf dieser Platte nicht ein. Denn auch wo sie traurig, wo sie romantisch sind, sind sie nie hoffnungslos und oft gar verschmitzt. Selbst der Tod ist, wenn ein Poet wie Peter Hacks ihm die Stirn zeigt, keine düsterer Dämon, sondern ein Auftraggeber, dem Leben alles abzutrotzen, was es an Lust zu bieten hat: »Gehabtes Glück hilft sterben./ Der Tod, er soll nichts erben / als blankgeleckte Scherben/ Und Schläuche ausgepresst.«

Auch Annekathrin Bürger befasst sich in einem ihrer Gedichte mit dem Tod - »Verschiedene Arten, die Welt zu verlassen« - und tut das so gelassen, dass man das Sterben für ein schönes Naturschauspiel hält: »Ich möcht' einmal in einem Sonnenuntergang verschwinden / und nicht im Altersheim«. Aber diese Sonne, sie steht ja noch am Himmel. Und wärmt.

Annekathrin Bürger bei »nd im Club«: morgen, 18.30 Uhr.

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