Von Peter H. Feist
07.12.2011

Frau namens Mittelmeer

Zum 150. Geburtstag: Der Bildhauer Aristide Maillol

In Banyuls-sur-Mer an der Mittelmeerküste, dicht an der spanischen Grenze, kam der Sohn eines Tuchhändlers und Weinbauern am 8. Dezember 1861 zur Welt. Seine Muttersprache war Katalanisch. 83 Jahre später starb er im gleichen Ort infolge eines Autounfalls. Zwei von vielen guten Gründen, an ihn zu erinnern, seien genannt. Erstens: Etwa auf halbem Lebensweg, in dem Jahrzehnt ab 1900, schuf Aristide Maillol mit eigentlich nur wenigen, aber vielfach variierten Skulpturen einen der Höhe- und Orientierungspunkte für die internationale Plastik im 20. Jahrhundert, was freilich erst später akzeptiert wurde. Dabei stellten zu diesem Zeitpunkt jüngere Künstler bereits verschiedene andere Auffassungen seiner Art zu gestalten entgegen und wurden mindestens ebenso erfolgreich. Matisse und Picasso achteten aber den Älteren und dessen Kunst. Zweitens: Maillol bietet ein markantes Beispiel dafür, dass sowohl verständnisvolle Künstlerkollegen als auch Nicht-Künstler, also äußere Umstände einen wesentlichen Anteil daran haben können, wie und ob überhaupt eine künstlerische Begabung sich entfaltet.

Nach anfänglicher Ablehnung wurde Maillol an zwei Hochschulen durch Lehrer, die ihn gering schätzten, hauptsächlich in Malerei ausgebildet und wandte sich anschließend, so wie damals viele, einer angewandten, dekorativen Kunst zu. Zwei Frauen bestickten in Banyuls Wandteppiche mit Figurenszenen nach seinen Entwürfen. Gauguin lobte ihre schwungvolle Flächigkeit, als er sie 1893 erstmals ausstellte. Mit einer der Stickerinnen, die er heiratete, übersiedelte er 1895 nach Paris und schloss sich einer neuen Künstlergruppe an, die sich Propheten (hebräisch: Nabis) nannten und heitere Dekorativität mit tiefsinnigem Symbolismus zu vereinen suchten. Er begann, auch kleinplastisch zu arbeiten. 1902 machte ihn der wichtige Kunsthändler Ambroise Vollard durch eine Einzelausstellung bekannt und vertrieb seine Kleinplastik in vielen Abgüssen. Zwei Jahre später vermittelte der führende Kopf der Nabis einen Kontakt zu dem reichen Weimarer Kunstsammler Harry Graf Kessler, der sofort mit Maillol eine Londonreise unternahm und mit Aufträgen begann. Ebenso angetan war der Gründer des Folkwang-Museums in Hagen, später Essen, und gleichzeitig widmete ihm der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe ein Unterkapitel in seinem viel gelesenen Buch über die Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst. So wurde Maillol besonders in Deutschland bekannt. 1908 kam der Auftrag zu vier lebensgroßen Frauenfiguren für die Moskauer Villa des Millionärs Iwan Morosow hinzu.

Maillol hatte sich entschieden, keine historischen Szenen wie Auguste Rodins »Bürger von Calais« zu gestalten. Ihn beschäftigte nur, was die vielfältigen Haltungen, Proportionen und Gesten stehender, gehender, kauernder oder liegender Leiber und ihrer Gliedmaßen an allgemein menschlichen Verhaltensweisen und Empfindungen ausdrücken können. Er arbeitete strikt nach genau studierten, fast ausschließlich weiblichen und vorwiegend unbekleideten Modellen, neigte zu fülligen Gestalten mit runden, kleinen, häufig gesenkten Köpfen, brauchte meistens mehrere Jahre bis zu einer ihn befriedigenden Lösung. Einige Figuren bekamen nachträglich einen Namen aus der antiken Mythologie (»Leda«, »Flora«) oder sollten einen Begriff personifizieren (»Die Nacht«, »Harmonie«), aber diese Bezeichnung konnte sich auch ändern. Die kauernde Frau, die schließlich »Das Mittelmeer« hieß, wurde auch »Der lateinische Gedanke« genannt. Einen festeren Inhalt besaß die kraftvolle, stürmisch ausschreitende Frau, die Maillols erster Denkmalsauftrag war. »Die gefesselte Tat« (1905-08) sollte den viele Jahre eingekerkerten Revolutionär Blanqui in dessen Heimatstadt ehren, wurde dort aber jahrelang abgelehnt.

Nach dem Ersten Weltkrieg schuf Maillol mehrere Kriegerdenkmäler für kleinere Orte, trauernde Frauen, die nun bekleidet sein mussten, aber niemals Heroen. Auch das passte vielen nicht. Aber im Rahmen eines sich ausbreitenden Neuklassizismus nahm die Wertschätzung für die harmoniestiftende Ruhe auch von Maillols Aktfiguren zu. Kräftig, gesund und handlungsbereit konnten sie vorbildhaft wirken. Sie sollten der aktuellen Politik fernbleiben, aber das misslang. Linke wie Rechte beanspruchten ihre Werte für sich, und Kunstkritiker stritten in absurder Weise darüber, ob sie romanischen oder germanischen Geist verkörperten. Maillols Erfolge in Deutschland, wohin ihn Graf Kessler 1930 einlud, schadeten seinem Ansehen bei vielen Franzosen.

Im Zweiten Weltkrieg lebte der altgewordene Maillol in Banyuls in dem von den Deutschen unbesetzt gelassenen Teil Frankreichs. Er reiste aber 1942 ins besetzte Paris zu einer Ausstellung des in Hitlers Deutschland tonangebenden Bildhauers Arno Breker. Der hatte 1927, als er sich in Frankreich weiterbildete, Maillol besucht und bewundert. Jetzt schuf er schrecklich brutale und aggressive Figuren. Maillol kollaborierte mit dem Feind, weil er hoffte und auch erreichte, dass der einflussreiche Breker die Verhaftung seines geliebten Modells Dina Vierny verhindern konnte, einer aus Moldawien geflohenen Jüdin, die Kontakte zum französischen Widerstand hatte. Sie wurde später Kunsthändlerin und verwaltete Maillols Nachlass.

Nach 1945 festigte sich die Erkenntnis, dass Maillol Wichtiges bewirkt hatte, um das Vorbild des dramatischen Realisten Rodin abzulösen, aber der alte Streit zwischen einer »reinen« Kunst wie der seinen und einer politisch engagierten Kunst wie der als sozialistisch realistisch definierten ging in neuen Konstellationen ständig weiter. Inzwischen gehören Aristide Maillols schöne und verhaltene Figuren immer mehr einer vergangenen Zeit an.