Die IG Metall will künftig Tarifverträge in industrienahen Dienstleistungen abschließen - und tritt damit ihrer Schwestergewerkschaft ver.di auf die Füße. Der IG-Metall-Vizechef Detlef Wetzel hatte in der gewerkschaftsnahen Zeitschrift »Mitbestimmung« über »einen neuen Betriebsbegriff« und gewerkschaftliche Verantwortung der Metall für die gesamte Wertschöpfungskette gesprochen. Industriebetriebe würden »jede Menge Vorleistungen« ausgliedern und als Dienstleistung deklarieren und damit »niedrigeren tariflichen Bedingungen und auch gewerkschaftsfreien Zonen zugeführt«, beklagte er. Traditionelle gewerkschaftliche Organisationstrukturen seien mit diesen industriellen Veränderungen nicht mehr kompatibel. Die IG Metall wolle daher auch zuständig sein für Vorleister, Leiharbeiter und Werkvertragsnehmer.
Als Beispiel nennt Wetzel die Schnellecke-Gruppe im sächsischen Zwickau mit rund 1200 Beschäftigten. Die eigentlich von ver.di vertretene Belegschaft sei nun zu 80 Prozent in der IG Metall. Der Wechsel im Organisationsbereich sei nicht »schiedlich-friedlich, sondern wuchtig« durchgesetzt worden. Aber man habe einen »außerordentlich guten« Tarifvertrag abgeschlossen, so Wetzel. Bislang galt dort ein (schlechterer) ver.di-Tarif. Schnellecke ist ein Zulieferer für den Volkswagen-Konzern, der auch Montage, Wartung und Vorfertigung leistet und mittlerweile an allen internationalen VW-Standorten vertreten ist.
Die IG Metall will mit diesem Vorgehen das Lohndumping im Bereich ausgegliederter industrieller Vorleistungen stoppen. Die Durchsetzung von ordentlichen Einkommen und Arbeitsbedingungen werde nicht ausschließlich aus der Kraft der ausgegliederten Belegschaften möglich sein. Dabei sei oftmals die »geliehene Kraft der Stammbeschäftigten« nötig, so Wetzel. Der Metall-Vize mahnt »Diskussions- und Klärungsprozesse« zwischen den Gewerkschaften« an, »sonst geht das zu Lasten der Arbeitnehmer«. Schließlich sei »nicht überall, wo heute Service draufsteht, auch eine Dienstleistung drin«.
Bei Schnellecke in Zwickau scheint dieser Klärungsprozess faktisch abgeschlossen zu sein, auch wenn »wuchtige« Methoden der Metaller bei ver.di Wunden hinterlassen haben dürften. So kritisiert ein regionaler ver.di-Funktionär laut Medienberichten die »harten Bandagen« der IG Metall, die sich um Schnellecke »lange nicht gekümmert« habe. Eher zurückhaltend äußert sich ein Sprecher in der Berliner ver.di-Zentrale gegenüber »nd«: »Die DGB-Gewerkschaften tun gut daran, in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck eines zerstrittenen Haufens zu hinterlassen, der sich vor allem mit organisationspolitischer Nabelschau befasst.« Im Sinne einer Stärkung der Gewerkschaftsbewegung müssten bei Abgrenzungsproblemen »tragfähige und verlässliche Lösungen« für die betroffenen Beschäftigten gefunden werden. Vorhandene Regularien böten dafür viele Möglichkeiten, so der ver.di-Mann.
Bei zugespitzten Organisationskonflikten ist in der Regel eine DGB-Vermittlungsstelle am Zuge. Im äußersten Falle wird ein Schiedsgericht eingeschaltet. So weit kommt es aber selten. Beobachter haben im letzten Jahrzehnt nur etwa eine Handvoll solcher Schiedsverfahren gezählt. Angesichts der rasanten Umwälzungen in allen Branchen sehr wenig.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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