Von Jürgen Amendt
09.12.2011

Ballmädchen statt Mitspielerinnen

Trotz zahlreicher Reformen ist das Fach Sport eine Jungendomäne geblieben

Der Sportunterricht hat sich in den vergangenen Jahren verändert: Kooperative Lernformen, das Erlernen sozialer Kompetenzen und allgemeinbildende Aspekte werden stärker berücksichtigt. Dennoch ist das Fach eine Jungendomäne geblieben.
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Attraktiver Schulsport – nicht nur für Mädchen: Miteinander und nicht 
gegeneinander ein Ziel erreichen

Mädchen müssen nicht unbedingt unsportlich sein, um den Sportunterricht nicht zu mögen. Die 13-jährige Johanna aus Berlin ist alles andere als bewegungsfaul, fährt jeden Tag die drei Kilometer zur Schule mit dem Fahrrad. Die Gymnasiastin mit der sportlichen Figur steht in Sport auf einer glatten Zwei und trotzdem sagt sie: »Wenn ich dürfte, würde ich das Fach abwählen.« Warum? »Wir machen mehr gegeneinander als miteinander Sport.« Selbst in Mannschaftssportarten gehe es immer darum, wer der bessere sei. »Wenn ich entscheiden könnte, was man im Sportunterricht anders machen könnte,dann würde ich Klettern einführen. Da kann jeder sich sein eigenes Ziel setzen und das zu erreichen versuchen. Ob dann jemand fünf oder zehn Meter die Wand hochklettert oder wie schnell er das schafft, ist dann egal.«

Aktuelle Studien lassen den Schluss zu, dass Johannas Haltung durchaus repräsentativ ist. So untersuchten Sportwissenschaftler der Universität Dortmund anhand einer Befragung von 536 hessischen Schülern (43 Prozent davon weiblich, Altersschnitt: 16,5 Jahre), ob Mädchen den Schulsport anders erleben als Jungen. Ergebnis: Für 62 Prozent der Jungen, aber nur für 38 Prozent der Mädchen steht der Leistungsvergleich mit Mitschülern im Vordergrund. Mädchen legen Wert auf die Befähigung zu fairem sozialen Verhalten. Die Rollenklischees, sie leben also im Schulfach Sport fort.

Dabei hat sich in der Sportdidaktik in den vergangenen 20 Jahren viel getan, um das Fach Sport auch für Mädchen attraktiv zu machen. Stand früher der Leistungsgedanke im Mittelpunkt, so wird heute das Erlernen von sozialen Kompetenzen (Einhalten von Regeln, Kooperationsfähigkeit) als Unterrichtsziel betont. Neben der körperlichen Bewegung im Sportunterricht (»Erziehung zum Sport«), sei »gleichberechtigt der Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung im Sinne allgmeinbildender Kompetenzen in den Blickpunkt gerückt« (»Erziehung durch Sport«), betont z.B. die Sportpädagogin Ingrid Bähr (»Kooperatives Lernen im Sportunterricht«, in: Sportpädagogik. 6/2005).

Das ist Schülern nicht immer einfach zu vermitteln, schreibt Bähr, denn während individuelle Verantwortlichkeit für die Gruppe bei Bewegungsaufgaben wie Staffellauf, Akrobatik oder kleinen Gruppenwettkämpfen selbstverständlich ist, gilt das schon für Mannschaftssportarten nicht mehr unbedingt (ein Fußballteam siegt auch dann, wenn nicht alle Mitglieder am Spiel beteiligt sind). Bei Individualsportarten ist das überhaupt nicht mehr selbstverständlich (Karl kann den Handstand lernen, auch wenn sich Klaus längst aus der Gruppe verabschiedet hat). Als Lösung schlägt Bähr vor: Tore beim Fußballspiel zählen in der Bewertung nur dann, wenn vorher alle Spieler angespielt wurden, die Handstandübung wird in Form einer Olympiade präsentiert und es erfolgt eine Gruppenbewertung. Das, so Bähr, motiviere auch die leistungsschwächeren Schüler, sich zu engagieren.

Es liegt auf der Hand, dass dies vor allem für Mädchen eine Motivation darstellt, sind sie in der Regel den Jungs doch körperlich unterlegen. Denn (Bähr): »Absolute Leistungsmaßstäbe und individualisierte Lernformen fördern in der Regel das Konkurrenzverhalten der Schüler.« Durch kombinierte Bewertungskriterien (absolute Leistung des Einzelnen, Leistungsentwicklung, Gruppenbewertung) werden leistungsstarke Schüler motiviert, sowohl die eigene Leistung zu steigern als auch das Gruppenergebnis durch Einbringen ihres »Knwo-hows« gegenüber den Schwächeren zu verbessern.

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Das klingt gut - in der Theorie, denn die Realität sieht oft noch anders aus. So heißt es z.B. in einer Handreichung für die Leistungsermittlung und Leistungsbewertung im Schulsport für das Land Berlin (2004): »Ergänzende Bereiche für die Bewertung der Leistung in den Mannschaftsspielen können [Hervorhebung durch den Autor] z.B. das ›Miteinander‹, die ›Einsatzbereitschaft‹, die ›Leistungsbereitschaft‹, die ›Regelkenntnis‹, die ›Schiedsrichterleistung‹, die ›Turnierführung‹ usw. sein.« Einheitliche Regeln, welchen Anteil diese Form der Leistungsbewertung an der Sportnote haben soll, gibt es nicht, sie variieren von Bundesland zu Bundesland und von Schule zu Schule. Und verbindlich sind diese Empfehlungen schon gar nicht. »Es liegt in meinem Ermessensspielraum, welchen Anteil das kooperative Lernen bei der Notengebung hat«, kritisiert z.B. die Grundschullehrerin Antonia Reith aus Frankfurt am Main die Bewertungsrichtlinien für ihr Unterrichtsfach..

»Sportlehrer müssen sich immer fragen: Will ich mir die Platzhirsche heranzüchten oder das Miteinander fördern«, betont Siegfried Eith von der GEW-Sportkommission. Wenn man als Lehrer immer nur den Konkurrenzgedanken betone, brauche man sich nicht zu wundern, dass gerade die Mädchen nach und nach die Lust am Fach Sport verlieren. »Aus Mitspielerinnen werden so schnell im wahrsten Sinne des Wortes Ballmädchen«, sagt der Sportlehrer im Ruhestand. Wie wichtig aber der Schulsport gerade für Mädchen in der Pubertät ist, zeigt die Befragung der Dortmunder Sportwissenschaftler, denn auch außerhalb der Schule zeigen sich die weiblichen Heranwachsenden sportmuffeliger als ihre männlichen Mitschüler. So treiben nur 23 Prozent dreimal und mehr Sport pro Woche (Jungen: 33 Prozent), 21 Prozent der Mädchen sind überhaupt nicht sportlich außerhalb des Unterrichts aktiv (Jungen: 13 Prozent).

Könnte der getrennte Unterricht von Mädchen und Jungen im Fach Sport eine Alternative sein?Ja, sagten zumindest 89 Prozent der Jungen und 78 Prozent der Mädchen in besagter Studie der Universität Dortmund. Siegfried Eith ist eher skeptisch. »Das Aussetzen von Koedukation muss man von Fall zu Fall entscheiden, meint er. Eine »Generallinie« gebe es da nicht. In einer Klasse, in der eine gute Gemeinschaft herrsche, funktioniere auch die Koedukation im Sportunterricht. Das sieht auch Antonia Reith so. Für die Grundschulen sei die sogenannte reflexive Koedukation sogar schädlich. Die Grundschule sei durch den hohen Anteil weiblicher Pädagogen sowieso schon sehr feminin, ein nach Geschlechtern getrennter Unterricht könnte dazu führen, dass sich Mädchen in eine geschützte Nische zurückzögen. »Mädchen müssen auch lernen, sich gegen Jungs zu behaupten.«

Das Fach Sport zählt meist zu den ersten Opfern, wenn in der Stundentafel gekürzt wird. Offiziell stehen bundesweit im Schnitt drei Stunden Sport auf dem Plan, zieht man aber die Unterrichtsausfälle ab, bleiben gerade einmal 2,3 Stunden übrig (Quelle: Deutscher Sportlehrerverband - DSLV). So hatten z.B. Bayerns Gymnasiasten 2005 durchschnittlich 2,48 Stunden pro Woche Sport, 1990 waren es noch 2,9 Stunden. Noch dramatischer ist nach Angaben des DSLV die Entwicklung an den bayerischen Hauptschulen: Hier wurden im gleichen Zeitraum 31 Prozent weniger Sportunterricht erteilt (2,55 statt 3,7 Stunden). Problematisch ist vor allem die Lage an den Grundschulen. Hier werden laut DSLV bundesweit bis zu 50 Prozent des Sportunterrichts von fachfremden Lehrkräften unterrichtet. jam