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Von Sandra Rauch
10.12.2011

Maria und Josef im Lavendelfeld

Die Krippenkunst der Provence inszeniert die Weihnachtsgeschichte in typisch südfranzösischem Ambiente

Bild
Mireille Fouque beim Bemalen einer Figur mit Ölfarbe.

Draußen am Cours Gambetta schiebt sich der Nachmittagsverkehr durch Aix-en-Provence. Drinnen, im Reich der »kleinen Heiligen« von Hausnummer 65, sind Auto und Hektik längst noch nicht erfunden. Hier stemmt sich ein Hirte gegen den Mistralwind, sein brauner Umhang flattert. Nicht weit entfernt, und trotzdem viel gemütlicher, sitzen die Kartenspieler in der »Bar Provençal«, Gläser mit Pastis stehen auf dem Tisch. Im Hinterhof des kleinen Gasthauses liegt ein Säugling auf Stroh gebettet. Mutter und Vater beugen sich über ihn, ihre Kleidung ist reich verziert mit kleinen Ornamenten, die typische Tracht der südfranzösischen Provence.

Es ist nur eine Welt in Miniatur, ein detailverliebtes Arrangement kaum daumengroßer Tonfiguren. Doch die Krippe im Ausstellungsraum des Atelier Fouque zieht Betrachter wie mit Magie in ihren Bann. Vielleicht ist es der Reiz des einfachen, aber klischeehaft heilen Lebens der Provence des 19. Jahrhunderts. Die Knoblauchhändlerin, Fischer oder Olivenpflücker gehen hier ihrem Tagwerk nach, Boulespieler bevölkern die platanenbestandenen Dorfplätze. Mittendrin Jesus und Maria, denn die Krippen sind ein Weihnachtsbrauch.

»Nach unserer Tradition wurde Jesus nicht vor 2000 Jahren in Bethlehem, sondern im letzten Jahrhundert in einem kleinen Dorf in der Provence geboren«, erklärt Mireille Fouque das kuriose Ensemble aus biblischen Figuren und typisch provenzalischen Charakteren. Die runde, energische Frau mit schokoladenbraunen Augen fertigt die bunt bemalten Krippenfiguren, die im Französischen Santons oder »kleine Heilige« genannt werden, seit ihrer Kindheit. »In der Provence ist Weihnachten ohne eine Krippe nicht denkbar«, sagt die 61-Jährige. Jedes Jahr vom 4. Dezember an, dem Barbarafest, stellen die Familien ihre Miniaturwelten auf. Sie gruppieren die Figuren und bilden die typische Landschaft mit Moos, Steinchen und trockenen Rosmarinzweigen nach. Am Heiligabend kurz vor Mitternacht wird das Jesuskind in die Krippe gelegt, die Heiligen Drei Könige kommen am 6. Januar dazu. Erst nach Lichtmess, am 2. Februar, verschwinden Krippe und Santons bis zum nächsten Jahr wieder in ihren Schachteln.

In vielen Orten der Provence finden von November bis in den Januar Krippenmärkte unter freiem Himmel statt. Zu den größten und bekanntesten zählen jene in Marseille, Aix, Aubagne und Arles. In breitem Spalier stellen sich die Tonfiguren hier zur Schau - der Beginn manch lebenslanger Beziehung zwischen Mensch und Figur. Rund 200 Santon-Handwerker, sogenannte Santonniers, gibt es in der Provence. Die Figuren der Besten unter ihnen sind weit über die Region hinaus bekannt, einige tönerne Gefährten sind mit ihren neuen Besitzern schon bis nach Südamerika gereist. Der Schäfer, der sich gegen den in der Provence typischen Mistralwind stemmt, hat etwa die Santons aus dem Hause Fouque berühmt gemacht. Miniaturklone französischer Politiker oder Charaktere aus den Romanen des großen Provence-Schriftstellers Marcel Pagnol sind das Markenzeichen von Daniel Scaturro aus Aubagne, einer verwinkelten Kleinstadt vor den Toren Marseilles. Während Henry Vezolles, Vizepräsident der jährlichen Santon-Messe im Kreuzgang des berühmten Klosters St. Trophime von Arles, seine Lavendelpflückerinnen und Winzer nicht bemalt, sondern aus verschieden gefärbtem Ton brennt.

Natürlich finden sich auf den Märkten längst auch Massenware und Santons »Made in China«. Liebhaber schätzen jedoch die in aufwendiger Handarbeit gefertigten Figuren, die sich mit realistischen Gesichtszügen oder detailreich verzierten Trachten von billigen Kopien unterscheiden. Gut 20 000 Santons entstehen im Atelier von Mireille Fouque und ihrem Sohn Emmanuel jedes Jahr. Eine helle Werkstatt mit Schraubstock, Farbtuben und Pinseln ist ihre Arbeitsstätte, jeder Fertigungsschritt ist Handarbeit. Diesen Nachmittag plättet Emmanuel zuerst mit einem Nudelholz einen Klumpen feuchter Tonerde. »Das entfernt Luftblasen aus der Modelliermasse«, sagt der 40-Jährige. Eine walnussgroße Kugel des feingekneteten Tons gibt er in eine zweiteilige Pressform aus Gips und klemmt sie in einen Schraubstock. Als er die Form kurze Zeit später wieder auseinanderzieht, hat sich der Tonklumpen bereits in den Kopf eines alten Mannes mit Bart verwandelt. Mit einem spitzen Kratzwerkzeug ritzt Emmanuel Augen, Mund und Nasenlöcher. Später setzt er den Kopf auf den in gleicher Weise geschaffenen Körper. Mit der Pressform kann eine Figur mehrfach identisch gefertigt werden. »Den Prototyp, das Modell für die Form, kreieren wir dagegen völlig frei, wie ein Bildhauer«, erklärt Mireille Fouque. Jedes Jahr kommen neue Gestalten dazu. Die Ideen dafür stammen oft aus alten Bildern oder historischen Dokumenten.

Nach dem Formen backen die Santons im großen Wandofen viele Stunden bei Temperaturen von bis zu 960 Grad Celsius zu festem Stein. Nach vollständigem Abkühlen werden sie mit Ölfarbe bemalt. Es klingt wie ein Ziegelstein, als Mireille Fouque eine etwa 20 Zentimeter große Figur auf die Arbeitsplatte stellt. Die Farben für Kleider, Haare und den Weidenkorb der Bäuerin hat Mireille schon in den vergangenen Tagen aufgetragen. Heute setzt sie noch mit einem feinen Pinsel kleine Ornamente auf das rote Kleid. Erst wenn jedes Detail stimmt, kann ein Santon seine Reise in die Krippen und Vitrinen von Einheimischen und Touristen antreten. Und damit ein Stück Provence in die Häuser der Menschen bringen.

  • Infos: Französisches Fremdenverkehrsamt Atout Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt am Main, E-Mail: info.de@franceguide.com, Fax: (069) 74 55 56, www.franceguide.com
  • Santon-Märkte und Ateliers:
  • Foire aux Santons Marseille - Der berühmte Santon-Markt findet seit mehr als 200 Jahren statt. Noch bis 31.12.2011 am Place Charles de Gaulle, Marseille Vieux Port/La Canebière, täglich von 10 bis 19 Uhr;
  • 54. Salon international des Santonnier Arles - Santon-Messe im Kreuzgang des Klosters St. Trophime, bis 15.1.2012 täglich von 10 bis 18 Uhr , 25.12. und 1.1. geschlossen.
  • Atelier Fouque Aix-en-Provence - Ganzjährig kostenlose Führungen durch Werkstatt und Krippenausstellung nach Voranmeldung. Info unter www.santons-fouque.com

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