Wie misst man Armut und Reichtum? Diese Frage bewegt Sozialforscher schon seit Jahrzehnten. Und auch die Bundesregierung steht wieder einmal vor diesem Problem. Wie eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums gegenüber »nd« bestätigte, soll der vierte Armuts- und Reichtumsbericht im Sommer 2012 veröffentlicht werden. Eigentlich hätte er bereits in diesem Jahr vorliegen müssen. »Doch dafür arbeiten wir diesmal ganz genau«, entschuldigte die Sprecherin die Verspätung.
Laut Bundesarbeitsministerium soll der 2001 erstmals erschienen Bericht »eine detaillierte Analyse der sozialen Lage« liefern und zudem die »Basis für eine Politik zur Stärkung sozialer Gerechtigkeit und zur Verbesserung gesellschaftlicher Teilhabe« sein.
Der vorerst letzte Bericht kam vor drei Jahren zu dem Fazit, dass die Extreme weiter zunähmen. »Während das Armutsrisiko in Deutschland steigt, wachsen die Einkünfte der Reichen«, hieß es aus dem damals SPD-geführten Arbeitsministerium. Demnach galten 13 Prozent der Bevölkerung als arm. Weitere 13 Prozent konnten nur durch staatliche Sozialtransfers vor dem Absturz unter die Armutsgrenze bewahrt werden.
Eine Besserung der Lage wird wohl auch der neue Bericht nicht vermelden können. Zumal die Erfassungsmethoden äußerst umstritten sind. Erst recht seit die Datenbasis des Berichts auf der europäischen Statistik zu Einkommens- und Lebensverhältnissen beruht. Nicht nur die SPD kritisiert, dass die Erhebung der Daten »Lücken, Mängel, Ausblendungen und Verblendungen« enthalte. Der kommende Bericht soll deshalb neu konzeptioniert werden. Bislang ist allerdings nicht bekannt, was geändert werden soll.
Am Montag beschäftigte sich der Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales in einer Anhörung mit dem Thema. SPD und Linksfraktion hatten jeweils einen Antrag als Diskussionsgrundlage eingebracht. So will die SPD Reichtum künftig »ähnlich differenziert und präzise« erfassen wie die Armut. Doch viele der vom Ausschuss geladenen Sachverständigen gaben zu bedenken, dass es schwierig sei, Reichtum zu messen. So betonte Martin Werding von der Ruhr-Universität Bochum, dass den Wissenschaftlern hier lediglich das Mittel der Stichprobe bliebe, da es sich bei den Reichen »um eine »vergleichsweise kleine Gruppe« handele. Zudem gebe es ein »Bewertungsproblem bei Vermögen«. Armut lasse sich leichter erfassen, so Werding.
Die LINKE fordert in ihrem Antrag, die Kosten, die durch Armut und soziale Ungleichheit anfallen, künftig in dem Bericht zu erfassen. Ein Vorbild dafür könnten die Untersuchungen des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sein, wie Rudolf Martens von der paritätischen Forschungsstelle betonte. So habe das IAB die Kosten der Arbeitslosigkeit für das Jahr 2007 berechnet und sei auf einen Betrag von 68 Milliarden Euro gekommen, so Martens.
Irene Becker, Expertin für empirische Verteilungsforschung, erläuterte, wodurch diese »Armutskosten« entstehen: »Verpasste Bildungschancen« oder »Kriminalität« seien direkte Folgen der Armut, so Becker.
Die Linksfraktion verlangte in ihrem Antrag zudem, dass der Bericht künftig »konkrete Handlungsanleitungen« zur Vermeidung von Armut enthalten sollte. »Seit über zehn Jahren werden entsprechende Berichte vorgelegt und parallel wachsen Armut, soziale Ausgrenzung und soziale Ungleichheit«, kritisierte Ausschussmitglied Matthias W. Birkwald (LINKE). Es mangele nicht an Daten, so Birkwald, »sondern an dem politischen Willen, etwas gegen Armut und soziale Ungleichheit zu unternehmen«.
der Armut und des Reichtums können natürlich nicht von Sozialämtern erwartet werden.
Lasst doch einfach mal die technischen Forscher ran.
Messen und Regeln heisst die Devise.
Beobachten und von weiten zugucken reicht nicht mehr aus.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
Über 100 Deutsche im Krieg gegen Libyen Opposition kritisiert: Parlament ausgehebelt
Deutschland leistet sich Armut UN-Bericht kritisiert schwere Versäumnisse bei der Sozialpolitik
Preis: 11,95 €
Preis: 15,90 €
Werbung:
Werbung: