Die Marschroute steht bereits seit 2008: »Wir müssen das Land wieder produktiv machen«, lautete die Parole von Kubas Staatschef Raúl Castro am 26. Juli 2008. Ausgegeben hatte er sie in seiner Rede anlässlich des Jahrestags des Sturms auf die Moncada-Kaserne 1953, des offiziellen Auftakts der kubanischen Revolution, die 1959 im Sturz der Batista-Diktatur gipfelte. Da hatte das Nationale Statistische Amt (ONE) gerade bestätigt, dass von 6,6 Millionen Hektar Nutzfläche nur noch 2,9 Millionen Hektar bestellt werden. Ein Desaster für die Nahrungsmittelproduktion auf der Insel, denn sinkender Anbau bedeutet im Umkehrschluss steigende Importe. Und die kosten Devisen. Devisen, die die Regierung von Raúl Castro eigentlich nicht hat. Das war 2008 so und das ist auch 2011 so. Die Rechnung für die Nahrungsmittelimporte beläuft sich auf rund 1,5 bis 2,5 Milliarden Dollar pro Jahr - je nach Weltmarktpreisniveau.
2008 zogen gleich drei Hurrikane binnen weniger Wochen über die Insel, die Anbauflächen verwüsteten, Nahrungsmittellager zerstörten und letztlich alle Rücklagen der Regierung in kürzester Zeit aufzehrten. Kuba fror selbst Konten von Investoren ein, weil die Regierung am Rande der Zahlungsunfähigkeit stand.
2011 liegen die Dinge anders. Die Insel hat sich leidlich von den Folgen der Hurrikane erholt, es wurden mehr als 1,1 Millionen Hektar Ackerland an Klein- und Neubauern verteilt, um die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern, aber die Importe an Lebensmitteln werden erneut über der magischen Grenze von zwei Milliarden US-Dollar liegen. Das prognostiziert zumindest das gewöhnlich gut informierte Studienzentrum der kubanischen Wirtschaft (CEEC). Das legt nahe, dass die im Juli 2008 verkündete 4. Agrarreform bisher keine reichen Früchte getragen hat.
Seit Juli 2008 konnten landlose Bauern bis zu 13,43 Hektar Staatsland zur landwirtschaftlichen Nutzung erhalten. Private Kleinbauern, die ihre Felder nachweislich bestellen, können ihre Anbaufläche auf maximal 40,26 Hektar erweitern. Das Recht der Landnutzung erhielten die Bauern für 10 bis maximal 25 Jahre. Zudem wurden den Bauern flankierende Maßnahmen versprochen - wie Kreditprogramme und die Einrichtung von Geschäften für landwirtschaftlichen Bedarf, also Pflanzenschutz- und Düngemittel, Saatgut, landwirtschaftliche Maschinen und Technologie. Doch dann schlugen die drei Hurrikane ins Kontor. Für das wichtigste Reformprojekt der Regierung standen fortan keine Mittel mehr zur Verfügung, und das ist ein Grund, weshalb der Importbedarf Kubas nicht sinkt. Der andere sind die steigenden Lebensmittelpreise, die Kuba zu einem finanzpolitischen Drahtseilakt nötigen und den Reformdruck hochhalten.
Raúl Castro hat bereits vor dem Parteitag im April Reformen verlangt und auf dem Treffen der Delegierten auch mehrfach auf die hausgemachten Defizite im Agrarsektor hingewiesen. Die sollen nun in mehreren Schritten abgebaut werden. Einer davon ist die Novellierung des Gesetzes zur Landverteilung, Ley No. 259, ein weiterer die Freigabe des Verkaufs von Nahrungsmitteln durch Staatsgüter und Kooperativen an Tourismuseinrichtungen, und ein Dritter die Bewilligung von Kreditprogrammen für Klein- und Neubauern sowie Selbstständige. Zudem will Kuba beim Reisanbau mit Vietnam kooperieren. Weizen will Kuba künftig auch selbst anbauen, statt den ganzen Bedarf für knappe Devisen zu importieren. Reformschritte mit Einschränkungen: So wurden Privatbauern ausdrücklich ausgenommen von der Legalisierung des freien Verkaufs von Nahrungsmitteln an Hotels und Restaurants. Doch das kann ja noch kommen.
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