Es ist eine verrückte Idee, die Rolf Funda da hat. Und irgendwie doch auch eine naheliegende. Für ihn jedenfalls. Der 71-Jährige träumt nämlich von einer ganz besonderen Bibliothek - einem Archiv mit Büchern über das Leben in der DDR, die von denen geschrieben wurden, die es im wahrsten Wortsinn erlebt haben. Ein Buch dafür hat der Mann aus Staßfurt schon. Fundas Erinnerungen an ein Leben in drei gesellschaftlichen Systemen sind 400 Seiten stark. Aufgeschrieben hat er sie, nachdem der Tierarzt, vorübergehende erste SED-Kreissekretär, frühere PDS-Landtagsabgeordnete und einstige Bürgermeister Rentner geworden war. Zunächst nur für die beiden Kinder, vier Enkel und die, »die hoffentlich danach folgen«. »Ich weiß, dass ich kein Schriftsteller bin. Schlechte Literatur gibt es auch ohne mein Zutun zur Genüge«, sagt er zunächst sachlich, um verschmitzt hinzuzufügen, dass er womöglich aber doch noch den Literaturnobelpreis bekommen könnte - »schließlich hat Obama ja auch den Friedensnobelpreis bekommen, ohne wirklich etwas für den Frieden getan zu haben.«
Nein, Funda will sein Buch »Mein Leben mit Rindviechern, Politikern und Menschen« nicht gewinnbringend vermarkten und verkaufen, auch wenn der Titel ein wenig danach klingt. Aber er will inzwischen auch nicht allein den Nachkommen in der eigenen Familie erzählen, »wie es wirklich war in der DDR, wie wir einst gelebt haben, wie wir das Land erlebt, mitgestaltet und zugrunde gerichtet haben«. Weil es ihn ärgert, dass über das Leben in der »mickrigen, kleinen DDR vorrangig Leute urteilen, die entweder gar nicht hier gelebt haben oder aber zu DDR-Hassern mutiert sind«. Und weil er meint, nachfolgende Generationen sollten aus erster Hand erfahren, wie der Alltag in der DDR stattgefunden hat, welche Höhen und Tiefen es gab, worauf man stolz sein kann und worauf ganz und gar nicht.
Von all dem Auf und Ab hat Funda zur Genüge erfahren. Als Sohn eines Melkers auf dem Lande aufgewachsen, machte er Abitur, ging danach zum Wachregiment und war während seiner dreijährigen Armeezeit im ZK der SED Personenschützer. Dass ihm das zu sozialistischen Zeiten einen Studienplatz für Veterinärmedizin und in der kapitalistischen Nachwendezeit den Vorwurf der Stasispitzeltätigkeit einbrachte, ist nur einer jener Wechselfälle seines Lebens. Wie auch, dass aus dem glühenden Gorbatschow-Anhänger mit den Jahren ein ernsthafter Kritiker des Perestroika-Erfinders wurde. Und dass ihm als Kreistierarzt alle Jahre zur Weihnachtszeit ein Braten an die Tür seines Hauses in Staßfurt gehängt wurde, am Heiligen Abend 1989 aber ein Galgen im Vorgarten stand, weil er sein Parteibuch nicht weggeworfen, sondern nur die alte SED-Führung im Kreis mit in die Wüste geschickt hatte - gehört ebenfalls dazu. Die Pute hat er übrigens mit schöner Regelmäßigkeit ins Volkseigentum zurückgeführt, weil er die edlen Spender kannte - beim Galgen hätte er das auch gemacht, aber die wenig edlen Erbauer blieben anonym.
Gegen namenlose Schuftigkeit lässt sich schlecht wehren. Wohl aber gegen die »Segnungen« der deutschen Einheit, die die Entlassung eines Tierarztes mit der falschen Parteimitgliedschaft zur Zwangsläufigkeit oder zum politischen Hygieneerfordernis erklärten. Funda protestierte 1990 vor dem Palast der Republik, in dem die letzte DDR-Volkskammer tagte, zunächst ziemlich einsam gegen Berufsverbote - bis Hans Modrow ihn mit in den Plenarsaal nahm - und gründete später eine entsprechende Initiative, die ihn zumindest im Osten bekannt machte.
Was womöglich einer der Gründe dafür war, dass er mit der ersten PDS-Fraktion in den Magdeburger Landtag einzog. Nach vier Jahren Parlamentsarbeit, besagten Stasi-Vorwürfen und manch ernüchternder Erfahrung mit den eigenen Genossen, trat er 1994 nicht wieder an - wurde aber für fast ein Jahrzehnt Bürgermeister im größten Dorf des Landkreises. Dann zwangen ihn zunehmendes Alter und abnehmende Gesundheit, kürzer zu treten. Und doch wollte er sich mit seinen beiden langjährigen Hobbys - dem Schnitzen wunderschöner Plastiken und der Taubenzucht bzw. der noch heute praktizierten Behandlung in seiner Taubenklinik - nicht begnügen. Und so begann er zu schreiben. Fünf Jahre arbeitete er an seinen Lebenserinnerungen, hat immer wieder gefeilt, immer wieder neue Kapitel hinzugefügt.
Weil Funda sich in seinem Buch mitnichten nur mit sich selbst beschäftigte, sondern ein Zeitzeugnis vorlegte - wie das die meisten Verfasser von Autobiografien ja tun - ist ihm jetzt die Idee mit der besonderen Bibliothek gekommen. »Ich möchte dazu beitragen, dass möglichst viele Lebenserinnerungen gesammelt werden und so die Zeit überdauern. Was wir gegenwärtig erleben, kann nicht das letzte Wort der Geschichte sein. Weit nach uns wird es Generationen geben, die eine gerechtere Gesellschaft aufbauen werden und dann wird man sich noch sehr dafür interessieren, wie das denn mit dieser kleinen DDR einst war, die sich 40 Jahre lang trotz unerbittlicher Feinde gehalten hat und dann, auch durch schlimme Fehler ihrer eigenen Führung, sang- und klanglos eingegangen ist«, erklärte er gegenüber »nd«. Nicht ganz uneigennützig. Will er doch möglichst viele Mitstreiter gewinnen, die in den letzten Jahren landauf landab für sich das Schreiben entdeckten, um sich zu hinterfragen oder zu erklären, ihre Erfahrungen weiterzugeben - bei Kindern und Enkeln Spuren zu hinterlassen. Auch Funda setzt ganz fest auf die eigenen Nachfahren. Das ist seinem Buch zu entnehmen, denn da steht ganz zum Schluss: »Was mir letztlich bleibt, ist die Feststellung, an einem missglückten Versuch für eine bessere Welt mitgearbeitet zu haben. Dass dieser Versuch nicht gelang, macht das Ringen um eine menschliche Alternative zum bestehenden System nicht unnütz. Packt es also besser an, wenn die Zeit dafür reif ist!«
Solange er selbst noch anpacken kann, will Rolf Funda »mit Blick auf meine ablaufende Lebensuhr nicht jahrelang untätig herumsitzen«. Deshalb möchte er mit dem Einsammeln solcher Lebenserinnerungen zunächst auf eigene Faust beginnen. In seinem Haus sei dafür schon genügend Platz, sagt er - hoffend, dass sich eines Tages für die Bücher ein festes Zuhause finden wird. Wenn sie die Zeit ihrer Schreiber überdauern sollen, das ist Funda ganz wichtig, müssen feste Verantwortlichkeiten vereinbart werden. Sein erster Gedanke war die Peter-Sodann-Bibliothek. Der Schauspieler baut bekanntlich in einem Kuhstall im sächsischen Staucha eine Bibliothek für alle zwischen dem 8. Mai 1945 und dem 3. Oktober 1990 in der DDR erschienenen Bücher auf. Sodann zeigte sich gegenüber »nd« gewogen. In den zehn Kilometer Regalen gebe es schließlich auch eine »konterrevolutionäre Ecke«, sagte er in der ihm eigenen bissig-scherzhaften Art, das wäre der rechte Platz. Sodann weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer man es als Einzelkämpfer hat. Er hat, so erzählt er, trotz heftigster Bemühungen weder bei Ex-Bundespräsident Horst Köhler noch bei Kulturstaatsminister Bernd Neumann Unterstützung für sein einzigartiges Projekt gefunden.
Offenbar soll es Rolf Funda nicht ganz so schwer haben. Nein, beim Bundespräsidenten hat er freilich nicht nachgefragt - sich aber mit Erik Rohrbach in Frankfurt an der Oder ins Benehmen gesetzt, über den »neues deutschland« im Mai berichtet hatte. Der hat nicht nur selbst bereits 39 Minibücher herausgebracht, sondern immerhin elf Mitstreiter in seinem LINKEN-Stadtverband und darüber hinaus zu eigenen Buchproduktionen ermuntert. Von den »Roten Federn« wird im Februar ein neues Buch mit dem Titel »Lebenszeiten« vorgelegt. An dem hat auch Louise Stebler-Keller mitgearbeitet, eine 87-Jährige aus Basel - einer von 50 Kontakten, die Rohrbach nach Erscheinen des nd-Artikels neu geknüpft hat. Dass dem Mann aus Frankfurt die Idee des Staßfurters gefällt, war zu erwarten. Auch, dass er mithelfen will, daraus materielle Gewalt werden zu lassen - und gegenwärtig mit ihm über eine endgültige Herberge für die gesammelten Erinnerungen nachdenkt. Denn aus eigener Erfahrung kann Rohrbach Rolf Funda schon mal prophezeien, dass sich genug Autoren finden werden, die das ganz besondere Archiv mit DDR-Lebenserinnerungen füllen.
Hallo lieber Herr Rolf Funda, das ist von Ihnen ein sehr löbliches Unterfangen. Überaus sehr viele Erinnerungen, bereits geschriebene, verlegt oder noch in Arbeit, schwirren durch die Gegend. Müßte natürlich gebündelt werden. Ich bin 75, habe auch geschrieben und kenne sehr viele Ehemalige, die bereits veröffentlicht haben. Vielleicht könnten wir Kontakt aufnehmen. Würde gerne - je nach Möglichkeit - bei der Schaffung dieser Bibliothek ein wenig mithelfen. Schade, dass keine Anschrift unter dem Artikel steht. Hier dafür meine E-Mail: harry.popow@gmx.de
Schöne Weihnachten und alles Gute
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
Preis: 120,00 €
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