Von Volker Stahl
27.12.2011

Feierabend in »Sun City«

Seniorenwohnpark Meppen: Dorf der zufriedenen Alten

Wenige Kilometer vor der holländischen Grenze hat ein Bauunternehmer das erste Seniorendorf Deutschlands aus dem Boden gestampft. Die Siedlung der Alten ist noch nicht ganz fertig. Die Auffahrt versinkt im Matsch, am Gemeinschaftshaus wird noch gewerkelt. Doch fast alle sind bereits eingezogen. Ein Besuch bei den Pionieren Am Heideweg in Meppen.
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Skat-Kloppen den ganzen Tag ...

Vor wenigen Monaten kannten sie sich noch nicht, jetzt zocken sie zu viert Karten. Eine Keksdose macht an diesem trüben Donnerstagnachmittag im Dezember die Runde. Getrunken wird nicht Bier, sondern Cola. »Eigentlich darfst du hier gar nicht wohnen«, frotzelt der Kölner Dieter Laux (65). Der Emsländer Walter Jansen ist mit 58 Jahren das Küken in der Runde und durfte nur deshalb einen der 36 Bungalows auf dem zwei Hektar großen Grundstück erwerben, weil er Frührentner ist. »Stimmt gar nicht«, sagt der joviale Rheinländer: »Gib's zu: Deine Frau ist älter als du!« Laux spielt damit auf das zweite Kriterium an, das Menschen unter 60 Mitglied der Gemeinschaft der Alten werden lässt: Jüngere Ehepartner dürfen mit einziehen.

Laux und sein neuer Skatbruder Georg Merten (70) haben aus dem Fernsehen vom »Seniorenwohnpark« erfahren. Laux war sofort klar, dass er mit seiner »Nanni« nach Meppen fährt und sich vor Ort informiert. Eine Woche hat das Paar überlegt, dann war die Sache geritzt: »In ein Altenheim wären wir nie eingezogen, aber hier stimmt alles, vor allem die Betreuung ist gesichert.« Kurzerhand tauschten die Laux’ »die Großstadt gegen das Kuhdorf«.

Altersgerecht und barrierefrei

Georg Merten war das Leben in seinem Haus zu beschwerlich geworden: »Der Keller, die Treppen - jetzt ist alles ebenerdig und behindertengerecht ausgebaut.« Dass er sein soziales Umfeld in einer anderen Stadt verlassen hat, stört den Rentner nicht: »Ich vermisse keinen.« Der vierte Mitspieler und Gastgeber, Klaus Middeldorf (70), wusste, was ihn in Meppen erwartet: »Ich habe früher im Emsland gewohnt und mich im Münsterland verheiratet.« Ihn zog es im Alter mit seiner Frau zurück in die alte Heimat: »Wir haben uns das angesehen und kurz entschlossen gekauft.« Die extrabreiten Türen, das Wohnen auf einer Ebene, die barrierefreie Dusche und die höher angebrachten Toiletten haben die Middeldorfs überzeugt: »Das alles ist für uns alte Säcke doch ausschlaggebend.«

Worte, die dem Bauunternehmer und Architekten Josef Wulf wie Musik in den Ohren klingen. Vom Alter her könnte das Meppener Urgestein in die gemütliche Runde einsteigen - doch der 66-Jährige sprüht vor Tatendrang und reist quer durch die Republik, um seine Idee vom Seniorendorf anzupreisen. Ein bisschen stolz sei er schon, gesteht Wulf und wundert sich, dass er die Idee in Deutschland als erster in die Tat umgesetzt hat: »Die ist so simpel, aber es hat keiner vorher gemacht.« Wulf ist sicher: So möchten die Senioren leben. Gern erzählt er die Anekdote von einem alten Facharzt, der ihm vor einigen Jahren in einer Gesprächsrunde entgegnete: »Woher wollt ihr Jungen wissen, wie wir Alten leben wollen?« Heute sagt Wulf: »Der Mann hat mir damals die Augen geöffnet. Die heutigen Senioren haben 40, 50 Jahre gearbeitet, Deutschland mit aufgebaut, viele Erfahrungen gesammelt - die wissen doch, wie sie im Alter wohnen wollen.« Daraufhin habe er auf seinen Reisen durchs Land Senioren nach ihren Wünschen befragt und war von dem Ergebnis überrascht. Von 63 Senioren antworteten fast alle: Gesundheit, Geld - na klar. Ebenso wichtig war den Befragten »Eigenständigkeit«, aber mit »Hilfe, wenn man sie braucht«. Für die Sicherheit hat Bauunternehmer Wulf im Seniorendorf eine »Kümmerin« angestellt: »Sie ist die gute Seele der Anlage«, sagt er. Zu den Aufgaben von Annette Kellersmann zählt das Mitbringen von Medikamenten, das Besorgen von Essen, Gartenpflege und die Hilfe bei Behördengängen. »Ich bin die Ansprechpartnerin für alle Bewohner, egal, mit welchem Anliegen sie zu mir kommen«, sagt die 47-Jährige, die auch ausgebildete Trauer- und Sterbebegleiterin ist.

Seine Idee hat derart gezündet, dass selbst der Optimist Wulf überrascht war: »Wir hatten 300 Unterlagen erstellt und gedacht, bei rund 40 Bungalows würde das reichen.« Bis zum Jahresende 2010 verschickte er 3000 Mappen ins gesamte Bundesgebiet. Ursprünglich war Wulf davon ausgegangen, das letzte Grundstück bis Ende 2012 zu verkaufen. Doch im Herbst 2010 war alles weg.

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Das Seniorendorf ist barrierefrei, hat verkehrsberuhigte Straßen, keine Bordsteine und keine anderen Stolperfallen. Für Rollatorfahrer oder Gebrechliche, die am Stock gehen, ist die Siedlung in Meppen eine Oase für den Lebensabend. Junge Leute? Gibt es nicht.

Die meisten der 66 Pioniere reagieren mit erstaunlicher Offenheit auf den Medienrummel, der das Projekt seit zwei Jahren begleitet. Nur wenigen ist der Bohei zu viel. Hinter einem Fenster bewegt sich eine Gardine. Zu sehen ist niemand. Dann stürzt eine Frau aus ihrem Haus und fuchtelt mit den Händen: »Hier bitte nicht fotografieren!« Nachbarin Renate Kapahnke stören die Reporter nicht: »Dann ist hier wenigstens was los.« Ansonsten liebt auch sie die Ruhe, besonders seit dem Tod ihres Mannes, mit dem sie im Frühjahr 2009 als erste an den Heideweg gezogen war. Ihre Erwartungen seien erfüllt, sagt die 73-Jährige, die aus der Region stammt. Sie schwärmt vom Flüsschen, das an ihrem kleinen Garten entlangfließt, und von den Füchsen und Rehen, die sie durch ihr Wohnzimmerfenster beobachten kann. Auch ihre beiden Kater hätten an dem Heimkino ihre Freude.

Die meisten Bewohner haben die bis zu 180 000 Euro teuren Bungalows gekauft, einige wohnen zur Miete - beispielsweise bei Rudi Steinkamp. Ob der 54-Jährige später in seinem Haus wohnen wird, weiß er nicht: »Aber wenn sich meine Mieter dort wohl fühlen, hat sich meine Investition schon gelohnt.« Steinkamp lebt in Schleswig-Holstein, wuchs in der Nähe von Meppen auf. Er ist von der Altendorf-Idee »fasziniert«. Seine Begründung: »Viele Alte sind allein und vegetieren vor sich hin. Die Gefahr sehe ich dort nicht.«

Forscher befürchten »Subkultur«

Doch nicht alle sind begeistert von der Graukopf-Monokultur. Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf (73), der in einer Hausgemeinschaft lebt, sagt: »Das Trennen der Generationen ist nicht von Vorteil.« Scherf findet Altenheime und Seniorendörfer »so was von gestrig«. Bedenken kommen auch aus der Wissenschaft. Horst Becker von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig kritisiert, Ältere würden in ihrem »Sonderleben« eingeschlossen. Die Soziologin und Altersexpertin Silke von Dyk erinnert das Meppener Rentnerdorf an die »Sun Citys« in Florida und Arizona, die sich »im Niedergang« befänden.

Auch der Pflegeforscher Stefan Görres meint, das »erste deutsche Gerontopolis« (»Süddeutsche Zeitung«) fördere eher Separierung denn Integration: »Der Alltag wird in eine künstliche Umgebung verlagert. Integration hieße, im angestammten Umfeld zu bleiben«, sagt der Bremer Professor. Dort könnte eine »Subkultur« entstehen. Und ein Zusammenleben der Generationen stelle die Normalität dar.

Derlei Vorwürfe weist Initiator Wulf brüsk von sich: »Der Seniorenpark bietet eine Gemeinschaft und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben«, ist er sicher.

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