Von Ralf Hoffrogge
28.12.2011

Abstinenz und Solicocktail

Eine kleine Betrachtung zur Bedeutung des Alkohols für politische Bewegungen

Der besoffene Prolet macht keine Revolution, doch politische Aufstände wurden nicht selten in Kneipen vorbereitet - sicher nicht bei Wasser. Diskussionen über Schnaps und Bier begleiteten die Arbeiterbewegung. Bis heute sorgt der Umgang mit Alkohol regelmäßig für Ärger in der Linken.

Nach den Drogenexperimenten der 60er Jahre ist die gängigste Droge in der außerparlamentarischen Linken längst wieder der Alkohol. Aus Hausprojekten, Szenetreffs und Szenekneipen ist er kaum wegzudenken. Hin und wieder gibt es hitzige Debatten dazu: Dann wird ein Bierverbot auf Plena eingeführt und als lustfeindlich wieder verworfen, nicht selten kommt es unter Alkoholeinfluss zu Übergriffen verschiedenster Art, und auch die Bierflasche auf Demos wird immer wieder kritisiert.

Der Alkohol lässt sich nicht ächten, das Bedürfnis scheint zu stark. Und mangels Mitgliedsbeiträgen finanzieren Cocktails und Bier die Mehrheit aller Aktivitäten in der außerparlamentarischen Linken, dies meist auf Soliparties, mitunter aber auch auf unkonventionellere Weise: Beim Abbau der Protestcamps gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm im Jahr 2007 blieben Berge von Pfandflaschen zurück, die von einer eigens gegründeten AG aufgesammelt wurden und mehrere Tausend Euro zur Finanzierung des Protests einbrachten. Stillschweigend ist der Alkohol als soziales Fundament politischer Aktivitäten anerkannt worden.

Die Bewegungslinke des 21. Jahrhunderts hat damit unausgesprochen eine Erkenntnis nachvollzogen, zu der bereits die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts kam. Die Industrialisierung schuf damals den Markt für Schnaps als neue Volksdroge, das teurere Bier war für viele zunächst unerschwinglich. Schnaps wirkte als Betäubungsmittel für fast unbegrenzte Arbeitstage mit einer Dauer von bis zu fünfzehn Stunden. Alkohol am Arbeitsplatz war die Norm, er betäubte die Sinne und das Zeitgefühl - was dem Unternehmer gut passte: Oft wurde Schnaps gleich als Teil des Lohns ausgegeben.

Daher wundert es kaum, dass seinerzeit über eine regelrechte »Branntweinpest« geklagt wurde. Ab 1830 entstand daher aus kirchlichen und bürgerlichen Kreisen eine erste Abstinenzbewegung. Deren Appelle richteten sich jedoch stets gegen die Konsumenten, nie gegen die Produzenten. Aus diesem Grund war den Arbeitenden diese Bewegung suspekt und verlor sich schnell.

Mit dem versoffenen Proletariat alten Stils war jedoch die seit den 1870ern geforderte Produktion auf Weltmarktniveau nicht durchzuführen. Auch die Arbeiter selbst hatten Interesse an einer Mäßigung: Ihre Gesundheit und die politische Organisation verlangten ein Mindestmaß an Nüchternheit.

Im Kampf gegen den Alkoholismus trat nun ein ungewöhnlicher Bündnispartner auf: das Bier. Die Einführung untergäriger Biere - etwa des bekannten »Pils« - hatten die Beliebtheit dieses Getränkes seit den 1870er Jahren erheblich gesteigert. Bier am Arbeitsplatz erlaubte einen langsameren Rausch. Biertrinken wurde daher auch vom Chef gern gesehen und der Gerstensaft in Großbetrieben direkt am Arbeitsplatz verkauft - als Alternative zum Schnaps.

Die Veränderung des Trinkverhaltens wurde begünstigt durch Arbeitszeitverkürzungen und Lohnerhöhungen - jedoch nur für Facharbeiter. In Ziegeleien fand ein Potsdamer Gewerbeaufsichtsbeamter daher noch 1907 einen Schnapskonsum von bis zu zwei Litern am Tag vor. Erst um 1900 wurde mit Unfallverhütungsvorschriften das Trinken am Arbeitsplatz untersagt. Das Bier auf Arbeit wurde zum Feierabendbier.

Kürzere Arbeitstage führten dazu, dass Lohnarbeit, Schlaf und Mahlzeiten den Tag nicht mehr komplett ausfüllten. Erstmals entstand so etwas wie Freizeit. Wo sollte man diese Zeit verbringen, was tun? Die engen proletarischen Wohnungen, fielen als Freizeitort aus. Somit wurde die Eckkneipe schnell zum proletarischen Wohnzimmer. Kneipen dienten jedoch nicht nur dem Trinken, sondern auch als Versammlungsort. In den »Parteikneipen« tagten Gewerkschaft und SPD, hier wurde politisiert und diskutiert, hier entwickelte sich auch die Gegenkultur der Arbeiter mit ihren zahlreichen Vereinen. Nicht mehr Schnaps, sondern Bier war dabei das Getränk der Wahl. Aber auch die Alkoholgegner waren mangels Alternativen gezwungen, ihre Versammlungen im Gasthaus abzuhalten.

Die Kneipe war auch der zentrale Zufluchtsort der Arbeiterbewegung von 1878 bis 1890, als Bismarck Arbeiterpartei und Gewerkschaften für illegal erklärte. Die Bewegung überwinterte in den Hinterzimmern der Wirtshäuser, sie wuchs und radikalisierte sich trotz Verbots: Das nach Bismarcks Fall verkündete Erfurter Programm von 1890 bekannte sich erstmals offen zum Marxismus.

Die Kneipen waren Männerwelten, Fluchtorte vor der Familie und dem häuslichen Elend. Denn trotz erster Lohnerhöhungen lebten viele Proletarier auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch am Existenzminimum.

Zwar arbeiteten auch Frauen in Betrieben und betäubten den Stress am Arbeitsplatz mit Alkohol. Dennoch blieb ihnen die Etablierung eines gemäßigten Alkoholkonsums in der Kneipe verwehrt. Der Besuch galt als unschicklich. Es war die Verbannung der Frauen aus der Kneipe, die ihnen über Generationen auch die gleichberechtigte Integration in die Arbeiterbewegung verwehrte. Denn obwohl die Sozialdemokratie Gleichberechtigung in ihren Programmen verankerte: Solange Frauen in der Parteikneipe ein Fremdkörper waren, blieben sie von den wesentlichen Diskussionen ausgeschlossen. Die Parteikneipe war ein widersprüchlicher Ort. Sie hielt die Bewegung zusammen, schloss jedoch gleichzeitig die Hälfte der Klasse aus.

Anhaltender und immer wieder aufblühender Elendsalkoholismus außerhalb der Facharbeiterkreise führte in den 1880er Jahren zu einer Renaissance der Abstinenzbewegung. Neue medizinische Einsichten über die Folgen des Alkohols trugen dazu bei, dass sich erstmals auch Sozialdemokraten anschlossen. Eine der ersten und zentralen Debatten um 1890 war daher die Alkoholfrage. Die Forderungen gingen so weit, nur abstinenten Arbeitern und Arbeiterinnen die Mitgliedschaft in der SPD zu gestatten.

Diese Ideen fanden jedoch den Widerspruch des Chefideologen Karl Kautsky. Er kritisierte die vernichtende Wirkung des Alkoholismus auf Gesundheit und proletarische Solidarität, prangerte insbesondere den Schnaps als Feind der Arbeiterklasse an. Vehement verteidigte er jedoch die Parteikneipe: »Das einzige Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariers, das ihm so leicht nicht konfisziert werden kann, ist - das Wirtshaus. […] Gelänge es dagegen der Temperenzlerbewegung […] die deutschen Arbeiter in Masse zu bewegen, das Wirtshaus zu meiden […] dann hätten sie erreicht, was dem Sozialistengesetz niemals auch nur annähernd gelungen: der Zusammenhalt des Proletariats wäre gesprengt ...«

Die Basis in den Wirtshäusern schloss sich Kautsky an. Die Abstinenzler waren gezwungen, sich in einem »Arbeiter-Abstinenten-Bund« gesondert zu organisieren. Sie trugen allerdings zu einer gewissen Mäßigung des Trinkverhaltens bei, denn auch der »gepflegte« Bierrausch war oft eine Form des Alkoholismus mit oft schweren gesundheitlichen Folgen. Die Forderung nach komplettem Alkoholverzicht als Voraussetzung des Sozialismus wurde aber von einer überwältigenden Mehrheit abgelehnt. Die Zeitschrift »Der Abstinente Arbeiter« hatte um 1913 etwa 5100 Abos - das Fachblatt der sozialdemokratischen Kneipenbesitzer »Der freie Gastwirt« 11 000. Denkt man sich zu jedem Wirt eine volle Kneipe, sind die Mehrheiten klar.

Bier und Bewegung waren also untrennbar verbunden, die Wende zum Bier fiel sogar in eins mit der Hochphase der Arbeiterbewegung. In heutigen Eckkneipen ist von Protest und Politik allerdings meist wenig zu spüren - der »Stammtisch« gilt eher als Einzugsgebiet der CSU.

Obwohl Parteikneipe und Szenetreff faktisch dieselbe soziale Funktion erfüllen, gibt es einen großen Unterschied: Die proletarische Parteikneipe war keine Subkultur, sondern ein Massenphänomen. Ihr Erfolg beruhte darauf, dass auch unpolitische Arbeiter beim Bier in Debatten einbezogen wurden und mit politischen Menschen in Kontakt kamen. Gewöhnliche Proleten - neudeutsch als Prolls bezeichnet - würden sich jedoch in heutigen Szenekneipen kaum wohlfühlen, denn diese sind eben Teil einer Szene: eines subkulturellen Zusammenhangs, der sich von der Restgesellschaft absetzt. Dies hat Vorteile: antirassistische und antisexistische Standards lassen sich in solchen »Freiräumen« eher durchsetzen. Andererseits wirken diese und andere Prinzipien kaum noch in die Gesellschaft, die man doch eigentlich verändern will.

Ralf Hoffrogge hat zum Thema in diesem Jahr das Buch »Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland« im Schmetterling-Verlag veröffentlicht (216 S., 10 €).

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