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Wunderschön in diesem Buch sind die Illustrationen von Kjartan Hallur. Das Erstaunlichste aber ist das Lebensalter des Autors und die Entstehungszeit. Bergsveinn Birgisson, geboren 1971 in Reykjavík, hat den Roman »Paarungszeit« in Island 2011 veröffentlicht (für die Übersetzung hatte Angela Schamberger also nur eine kurze Frist; es ist ihr ein Kunststück gelungen). Dabei wirkt der Text wie aus alter Zeit. Wohl geht der Ich-Erzähler, Bjarni Gíslason, seinem Ende entgegen, als er am 29. August 1997 seine Lebensbeichte zu Papier bringt - in Form eines Briefes an die verstorbene Geliebte. Aber der Autor setzt sich kaum von dieser Rollenprosa ab. Nein, es scheint geradezu, als ob er mit Hilfe des alten Mannes eigene Ansichten bekräftigen würde.
»Dorfprosa« - ein Vergleich zu dieser Literaturströmung in der Sowjetunion der 60er und 70er Jahre drängt sich auf, als Autoren wie Wassili Below, Wassili Schukschin, Valentin Rasputin über das schwere Leben russischer Bauern schrieben, das seit der Revolution nicht viel leichter geworden war. Dabei wurden althergebrachte Werte des Zusammenlebens beschworen, die durch einen angeblichen Fortschritt sogar in Gefahr gerieten. Darin war oft ein resignativer Unterton, den man allerdings bei Bergsveinn Birgisson überhaupt nicht findet. Bjarni Gislason würde ganz im Einklang mit sich, seiner Arbeit und der Natur leben, hätte er nicht, ja hätte er nicht seiner Liebe entsagt.
Da ist das Wort »Paarungszeit« für ihn wie ein Trost; Tiere erleben das schließlich auch nur periodisch und nur kurz. »In meiner Brust hat genug Leben geplätschert«, sagt der Alte - und vermittelt doch die ganze Zeit die Sehnsucht, weil eben so vieles unerfüllt geblieben ist.
Mit einem leeren Gerücht hatte es begonnen: Die Dorfbewohner hatten ihm und Helga vom Nachbarhof ein Verhältnis zugetraut, das sich später wirklich ergab. Auf einer Woge der Leidenschaft schwebten sie durch die Tage, aber dann wurde Helga schwanger. Sie bot Bjarni an, mit ihr nach Reykjavik zu ziehen. Doch er, obwohl seiner Frau schon lange entfremdet, konnte sich nicht trennen von seinem Hof, den Schafen, der vertrauten Landschaft. Enttäuscht kehrte sich Helga von ihm ab, blieb bei ihrem Mann. Der einst Geliebte durfte sich seinem Kind nicht als Vater zeigen.
Thema dieses Romans ist also das Leiden um die Liebe, das einen Mann in wilde Ausbrüche treibt und ihn langsam aushöhlt, so dass alles um ihn herum öde erscheint. Aber dabei läuft der Ich-Erzähler doch zu großer Form auf, wenn er immer wieder argumentiert, warum das Leben auf dem Land dem in der Stadt vorzuziehen ist. Da scheint Bergsveinn Birgisson, doch selbst ein Städter, ganz auf seiner Seite zu sein: »Der Kapitalismus, der alle reich machen soll, macht alle arm, und genauso sicher ist, dass die Freiheit, über die so viel gesprochen wird, alle zu Sklaven machen wird.« Wert habe nur, was mit den eigenen Händen angefertigt ist, Gegenstände aus Massenproduktion seien seelenlos. Leer wie das Leben überhaupt in der Stadt, wo die Leute klagen, »statt in die Hände zu spucken und Vorräte zu sammeln« und die Dichter die Einsamkeit zu ihrem Thema machen. »Warum sind sie überhaupt vom Land weggegangen?«
Hier merkt man, dass der Autor in sich gespalten ist, dass er seiner Hauptfigur nicht vorbehaltlos zustimmen kann. Und doch steht Bergsveinn Birgisson nicht allein mit seinem Hang zu rückwärtsgewandten Utopien. Besonders seit der Wirtschaftskrise, so konnten wir erfahren, ist dies zu einer Strömung isländischer Literatur geworden.
Wer hierzulande das Buch liest, wird die Nase darüber rümpfen, dass die Haare glänzen, wenn man sie in Urin wäscht. Niemand wird mit Bjarni tauschen wollen, wenn er seine Arbeit beschreibt. Unsereins ist schon so weit weg von der vorindustriellen Zeit, es lässt sich nicht mehr verklären. Was da in poetischer Sprache zu uns dringt, ist wie ein fernes Lied, das man nicht glauben muss, um es zu genießen: »Ich habe gelernt, das Schnauben in den Nüstern eines Stiers zu deuten. Habe gespürt, wie mich über die Tiere der Wille der Natur umschließt und neu belebt. Habe den blaugekleideten Elfenmann gesehen und Schutzgeister an die Tür klopfen hören. Habe die mystische Kraft des Daseins in Hügeln und mit Bann belegten Stellen wahrgenommen und Dämonen vertrieben, wenn das Pferd stehenblieb. Habe Licht von vor langer Zeit gesehen ...«
Da kommt beim Lesen ein verleugnetes Gefühl herauf: ein Gefühl gegen den Zeitgeist, der alles Junge, Neue zu begrüßen verlangt. Wahr ist aber auch: In jedem Gewinn ist Verlust. Etwas driftet ins Vergangene, das wir nie mehr wiedererlangen können.
Bergsveinn Birgisson: Paarungszeit. Roman. Aus dem Isländischen von Angela Schamberger. Steidl Verlag. 110 S., geb., 16 €.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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