29.12.2011

Die Kinder vom Bahnhof Hermannplatz

Insbesondere unter muslimischen Jugendlichen grassiert der Tilidin-Konsum, sagt der Arzt Chaim Jellinek

Sozialarbeiter und Ärzte, die in der Drogenprävention arbeiten, warnen, die Polizei ebenfalls: Der Konsum der Droge Tilidin nimmt auf Berlins Straßen immer mehr zu. Besonders junge Menschen muslimischer Herkunft sind betroffen. Über das »neue Heroin« sprach mit dem Arzt CHAIM JELLINEK für »nd« MARTIN KRÖGER.
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Chaim Jellinek ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Suchtmedizin und Naturheilkunde. Der Experte für Suchtfragen arbeitet seit vielen Jahren in der Ambulanz für Integrierte Drogenhilfe (a-i-d) im Berliner Stadtteil Neukölln.

nd: Das Schmerzmittel Tilidin wird als das Heroin der Gegenwart bezeichnet. Gerade für Jugendliche aus Vierteln mit sozialen Problemen wie Neukölln. »Wir Kinder vom Bahnhof Hermannplatz« sozusagen. Ist das nicht übertrieben und zu zugespitzt?
Jellinek: Das glaube ich nicht. Tilidin ist ein Schmerzmittel, das noch unterhalb der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung verordnet werden kann, das aber wesentlich stärker ist als die gängigen Schmerzmittel. Und das Potenzial süchtig zu machen, suchtkrank zu machen, ist sehr, sehr hoch.

Wie schnell wird man beim Gebrauch von Tilidin abhängig?
Sechs bis zwölf Monate täglichen Konsums - und man erfüllt sicherlich alle Kriterien eines Abhängigkeitssyndroms: innere Unruhe, motorische Unruhe, Muskel- und Gelenkschmerzen bis zur Übelkeit. Eine Unruhe, die so handlungsbestimmend ist, dass man loszieht und wieder konsumiert, obwohl man genau weiß, dass man das eigentlich nicht will.

Tötet Tilidin?
Tilidin allein tötet nicht. Was tötet, ist die zunehmende Illegalisierung, die Beschaffung von anderen unters Betäubungsmittelgesetz fallenden Substanzen, um den Tilidin-Affen, also die Entzugserscheinungen, aufzufangen. Damit einher geht eine zunehmende Chronifizierung des Konsums hin in Richtung Opiate.

Seit wann beobachten Sie unter Jugendlichen den Missbrauch dieser Droge, die ursprünglich als Medikament für Krebspatienten entwickelt wurde?
Vor zehn Jahren fing das an, massiv ist das Problem seit fünf Jahren zu beobachten. Hauptsächlich muslimische Jugendliche in Neukölln, in Kreuzberg und in Wedding konsumieren es. Tilidin ist eine Art Kompromiss: Weil es im Islam streng verboten ist, Drogen zu konsumieren, reden die Jugendlichen sich ein, sie würden nur ein Medikament nehmen. Dabei haben auch diese Jugendlichen einen Bedarf nach Drogen.

Um den täglichen Problemen zu entfliehen, wie damals die Kinder vom Bahnhof Zoo?
Das hat ganz sicher was zu tun mit der sozialen Situation, in der die Jugendlichen aufwachsen: Mit völlig unzureichenden schulischen Bedingungen und einem miesen Arbeits- und Ausbildungsangebot. Die Kids wissen sehr früh von ihren älteren Brüdern, dass sie die »Kanaken« sind und in dieser Gesellschaft keine Rolle spielen. Sie bieten die klassischen Kriterien von Anfälligkeit für Drogen.

Konsumieren auch Mädchen Tilidin?
Es gibt auch Mädchen und junge Frauen, das ist aber die Ausnahme. In der Regel sind es Jungs. Das hat was damit zu tun, wie die sich nach außen zu präsentieren haben. Der Straßenmythos ist, dass Tilidin dazu da ist, sich gut prügeln zu können und guten Sex zu haben. Das Einstiegsalter liegt deshalb kurz vor der Pubertät oder um die Pubertät herum.

Was heißt das heutzutage?
Das geht bei 12- bis 13-jährigen Schülerinnen und Schülern los. Diese Kinder kennen aus ihrem Alltag bereits Medikamente genug, die Regale in den Schulen stehen voll Aspirin und Ibuprofen, damit die Kinder leistungsfähig bleiben. Man muss sich nur die Verschreibungszahlen für Ritalin angucken, dann offenbart das eine totale Sehnsucht, sich mit Stoffen zu manipulieren.

Eine Dosis Tilidin als Tropfen oder Pillen kostet 10 bis 20 Euro am Tag. Vor dem Berliner Landgericht ist derzeit ein 38-Jähriger angeklagt, der allein 455 Rezepte für Tilidin gefälscht haben soll. Das klingt, als wäre es ziemlich einfach, an die Droge heranzukommen.
Das ändert sich zur Zeit. Die Nachfrage nach Tilidin wächst stetig. Genaue Zahlen sind unbekannt. Zu uns in die Praxen kommen aber immer mehr junge Menschen. Gleichzeitig, das zeigt ja auch dieser Prozess vor dem Landgericht, gibt es immer weniger naive Ärzte und Praxen, als das früher der Fall war. Aber dafür wird in Giftküchen in Polen und Tschechien gepanscht und für Nachschub gesorgt.

10 bis 20 Euro sind für junge Menschen ohne eigenes Einkommen eine hohe Summe.
Das ist nicht anders als bei Hartz-IV-abhängigen deutschen Alkoholikern um die 50 ohne jede Perspektive, die über Ladendiebstähle und Schwarzfahren bei der BVG, also mit dieser Form von Beschaffungskriminalität, die Knäste füllen. Das ist bei Tilidin-Abhängigen genau das Gleiche.

Was passiert in der Stadt, um dieses Problem anzupacken?
Es gibt wenige Bereiche, wo die Differenz zwischen verlautbartem Willen zur Prävention und tatsächlicher Prävention so groß ist. Wir bräuchten nicht nur einen Drogenbeauftragten pro Schule, sondern auch Sozialarbeiter, die aktiv werden, bevor die Jugendlichen in die Pubertät kommen. Das Nichtwissen ist immens. Die Ahnungslosigkeit ist gigantisch. Aufklärung wäre das Mindeste.

Was bringen Verbote? Immerhin wollte das Land Berlin nach reißerischen Presseberichten zu der »Killerdroge Tilidin« das Mittel unter das schärfere Betäubungsmittelgesetz stellen.
Killerdroge, das ist alles Blödsinn. Die Leute sind bereits vorher aggressiv, sie empfinden nur keine Schmerzen mehr. Was Verbote wie in den USA angeht, glaube ich nicht, dass das etwas ändern würde. Im Gegenteil: Uns würde ein bewährtes Medikament für Krebspatienten fehlen. Dafür bräuchten wir ein anderes, das möglicherweise genauso anfällig für Missbrauch wäre.

Also was sollte die Politik tun?
In dieser Stadt wird immer wunderbar auf Verhaltensprävention rumgehackt, aber Verhältnisprävention kommt nicht vor. Ein Beispiel aus der Versorgung der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Es gibt 56 000 Minderjährige in Neukölln, aber nur eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie. In Charlottenburg teilen sich 20 000 Kinder und Jugendliche eine Kinder- und Jugendpsychiaterin. So sieht es an allen Ecken und Enden aus. Da ist kein Schutz möglich. Analog zur Gewaltprävention an der Grundschule oder noch besser im Kindergarten müsste es eine Schulung zum Umgang mit psychoaktiven Substanzen geben.

Wäre nicht auch ein Bündnis nötig, bei dem Eltern, Politik, Polizei, Jugendämter und Medizin an einem Strang ziehen?
Die Rütli-Schule hat gezeigt, dass so ein Bündnis handlungsfähig werden kann und dass so etwas geht. Aber es ist nur eine Schule von vielen, die mehr Qualität bräuchte. Das heißt, wer diese Probleme in den Griff kriegen will, muss investieren.

Wie ist es um die Eltern bestellt, kriegen die Familien überhaupt mit, was mit ihren Kindern los ist?
Im Gegensatz zur Heroin-Szene am Bahnhof ist die Tilidin-Szene eine vollkommen versteckte. Die größte Hürde, um in ein therapeutisches Bündnis mit den Patienten zu kommen, ist in aller Regel, dass Papi nichts wissen darf. Das verhindert zum Beispiel, dass für diese Patienten psychosoziale Betreuung beantragt werden kann, weil dann die Sozialverhältnisse der Herkunftsfamilie überprüft werden. Das fürchten die Jugendlichen extrem, weil sie nicht in ihren Familien oder in ihrer Gemeinde als suchtkrank gelten wollen.

Was sagen die Imame zu den Problemen? Bräuchte es nicht auch analog zu den Stadtteilmüttern eine kultursensible Betreuung und Aufklärung?
Im Einzelfall gibt es so etwas. Ich habe allerdings meiner Moschee gegenüber schon lange angeboten, Aufklärung zu betreiben. Aber da kommt kein Feedback. Das hat was damit zu tun, dass dieses Tabu so unglaublich stark ist. Da ist die Politik gefordert, Mittel in die Hand zu nehmen und endlich aktiv zu werden. Genug Fachleute gibt es in der Stadt.

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