Viele mögen es heute für selbstverständlich halten, dass am 1. Januar jeweils ein neues Jahr beginnt. Doch dieses Datum ist nicht nur willkürlich gesetzt, wie ein Blick in die Geschichte zeigt, sondern auch abhängig von den verwendeten Kalendersystemen.
Blicken wir zunächst in die Geschichte: Im Mittelalter und darüber hinaus wurde in weiten Teilen Europas das Jahresende auf den 24. Dezember und der Jahresanfang entweder auf den 25. Dezember oder den 6. Januar datiert. Im zweiten Fall sprach man sogar davon, dass die Zeit bis zum Beginn des nächsten Jahres »zwischen den Jahren« liege. Mit diesen Festsetzungen wollte namentlich die katholische Kirche verhindern, dass der christliche Kalender am gleichen Tag begann wie der heidnisch-römische. Denn die Römer hatten bereits im Jahr 153 v.u.Z. den Jahresanfang vom 1. März auf den 1. Januar verlegt, auf den Tag des Amtsantritts ihrer Konsuln. Gewöhnlich wurde dieses Fest so ausschweifend begangen, dass Cicero auf die Frage, was von den Konsuln am 1. Januar zu erwarten sei, antwortete: »Ausschlafen der Räusche!«
Doch alle kirchlichen Einwände konnten die Menschen nicht davon abhalten, das Jahr im Geschäftsleben in der Regel mit dem 1. Januar beginnen zu lassen. Im Vatikan reagierte man darauf nur zögerlich. So wurde im Zuge der gregorianischen Kalenderreform (1582) zunächst der letzte Tag des Jahres vom 24. auf den 31. Dezember verlegt. Dieser Tag bekam die Bezeichnung Silvester (nicht Sylvester!), was auf Deutsch soviel bedeutet wie »Waldmensch« (von lat. silva = Wald). Damit ehrte die Kirche Papst Silvester I., der am 31. Dezember 335 gestorben war und von dem die Legende erzählt, dass er den römischen Kaiser Konstantin vom Aussatz geheilt und getauft habe. Den letzten Schritt auf dem Weg zu einem Kalender ohne »tote Zeit« tat Papst Innozenz XII., der 1691 den 1. Januar zum Neujahrstag erklärte. Gleichwohl vergingen noch Jahrzehnte, bis alle europäischen Länder sich dem anschlossen. In England geschah dies offiziell erst 1753.
In der jüdischen Tradition fällt der Neujahrstag (Rosch ha-Schana) auf den Ersten des Monats Tischri, der als Monat der Erschaffung der Menschheit gilt. Sonach fand das letzte jüdische Neujahrsfest nach unserer Zeitrechnung am 29. September 2011 statt; das nächste folgt am 17. September 2012. Denn im gregorianischen Kalender ist dieses Datum zwischen September und Oktober beweglich. Das wiederum liegt am lunisolaren Charakter des jüdischen Kalenders, der 12 Mondmonate umfasst, die 29 oder 30 Tage dauern, und der zur Angleichung an das längere Sonnenjahr in festgelegten Abständen um einen Schaltmonat ergänzt wird.
Anders noch liegen die Verhältnisse beim islamischen Neujahr, an dem die Muslime der Hidschra gedenken, der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Weil dies dem islamischen Kalender zufolge am 1. Muharram (622 u. Z.) geschah, zählen die Muslime ab jedem 1. Muharram ein neues Jahr. Der islamische ist jedoch ein reiner Mondkalender und daher rund 11 Tage kürzer als der gregorianische Kalender. Das heißt: Die islamischen Monate und mithin auch die Fest- und Feiertage wandern durch das Sonnenjahr. Zuletzt fand das islamische Neujahr (gregorianisch gesehen) am 26. November 2011 statt. Dies war jedoch kein offizieller Feiertag. Überhaupt wird im Alltags- und Wirtschaftsleben der meisten islamischen Länder der gregorianische Kalender benutzt, während der islamische die religiösen Feiertage bestimmt.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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