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Von Andreas Fritsche 31.12.2011 / Inland

TeBe holte sich beinahe Veilchen

Bei einem Turnier in Frankfurt (Oder) griffen Neonazis Fußballer und Fans an - verletzt wurde niemand

Flaschen, Steine und Pyrotechnik gegen TeBe-Anhänger und -Sportler. So endete für den Berliner Verein eine Reise nach Frankfurt (Oder).

Anhänger der Fußballmannschaft von Tennis Borussia Berlin (TeBe) haben es nicht leicht, wenn sie zu Begegnungen in die brandenburgische Provinz fahren. Allein schon die jüdischen Wurzeln des Vereins, dessen Heimat das Mommsenstadion im Westberliner Stadtteil Charlottenburg ist, reichen aus für antisemitische Beschimpfungen. Außerdem gelten die Fans als linksalternativ, was Rechtsradikale zusätzlich auf die Palme bringt.

Nicht in allen ostdeutschen Städten gebe es Probleme, aber in vielen, sagt Kevin Kühnert. Fast jede Woche höre er Beleidigungen, erzählt der Vorsitzende der TeBe-Abteilung »Aktive Fans«. Da sei man schon »abgehärtet«. Er könne da nicht jedes Mal eine Pressemitteilung schreiben. Doch was sich am Dienstag bei einem Hallenturnier in Frankfurt (Oder) abspielte, sei das Heftigste gewesen, das er in den vergangenen acht bis zehn Jahren erleben musste.

Dutzende offenbar rechtsradikale Hooligans haben am Rande des Turniers TeBe-Spieler der zweiten Mannschaft und ihre Fans zunächst in der Halle mit Begriffen wie »Juden« und »Zecken« angepöbelt und bedroht. Der Spieler Efkan Yüksel, der sich dazwischen stellte, soll wegen seines sichtbaren Migrationshintergrundes - er hat Verwandte in der Türkei - angegangen worden sein. Als die Situation noch mehr zu eskalieren drohte, entschieden sich die gemeinsam in einem Bus angereisten Berliner Sportler und Fans, sich vorzeitig zu verabschieden. Schließlich sind sie auf dem Parkplatz mit Steinen, Flaschen und Pyrotechnik angegriffen worden.

Nach Darstellung von Kühnert gingen die Attackierten in »Verteidigungsstellung«. Das heißt, sie ballten die Fäuste oder nahmen selbst Bierflaschen in die Hand und drohten, diese zu werfen. Es seien nur drei oder vier Polizisten am Bus gewesen, berichtet der Abteilungsleiter. »Es war klar, die können uns nicht beschützen, weil sie der Übermacht nicht gewachsen sind.« Erst später sei Verstärkung eingetroffen.

Kühnert selbst hat zwar in Notwehr eine Bierflasche ergriffen, versichert aber, sie nicht geworfen und auch nicht gesehen zu haben, dass überhaupt etwas zurückgeflogen sei. Allerdings sei man um den Bus herum postiert gewesen. Er könne nur für die eine Seite sprechen, auf der er gestanden habe. Die Polizei meldete, dass zunächst Fans des Frankfurter FC Victoria warfen. »Die Würfe wurden von den Berlinern erwidert.« Die Seitenscheibe eines geparkten Pkw ging zu Bruch. Verletzt wurde zum Glück niemand.

Nach Ansicht von Kühnert hätte es zu den Ausschreitungen gar nicht kommen müssen. TeBe habe die Polizei vorher über mögliche Gefährdungen informiert. Trotzdem seien erst gar keine und dann zu wenige Beamte vor Ort gewesen. Auf mehrere Notrufe sei viel zu spät reagiert worden.

Polizeisprecher Peter Salender dementiert. Beamte hätten immer wieder vorbeigeschaut. Als die Notrufe eingingen, habe die Zentrale die Kollegen vor Ort gebeten, beim Veranstalter, dem FC Union Frankfurt nachzufragen, was denn los sei. Die mehrmals Angesprochenen wussten jedoch von nichts, was bei einer großen Veranstaltung mit 550 Zuschauern vorkommen könne. Kleinere Zwischenfälle seien bei einem derartigen Turnier nicht ungewöhnlich. Als die Lage eskalierte, habe die Polizei jedoch schnell Einsatzkräfte zusammengezogen.

Was den Polizeisprecher bei all den Vorwürfen wundert: Wenn es wirklich so schlimm war, warum wurde das von TeBe erst so spät öffentlich gemacht? Außerdem sei bis jetzt keine einzige Anzeige gestellt. Leute, denen Unrecht geschehen ist, forderte Salender auf: »Bitte Anzeige erstatten!«

Der FC Victoria 91 sieht sich in der Tradition jenes Armeesportklubs »Vorwärts«, der 1971 vom DDR-Verteidigungsminister von Ostberlin nach Frankfurt (Oder) verlegt wurde. Zu den Vorgängen wollte sich der Geschäftsstellenleiter nicht sofort äußern, weil er selbst nicht bei dem Turnier gewesen ist. Der Polizei ist bekannt, dass sich unter den Victoria-Fans Rechtsradikale befinden, die immer wieder Probleme bereiten. Da gab es nach Auskunft von Salender schon schlimmere Vorfälle, etwa Schlägereien mit Verletzten.

Es ist aber keineswegs so, dass die Übergriffe bei dem Hallenturnier allein von rechtsradikalen Victoria-Anhängern ausgingen. Bei insgesamt lediglich 100 Zuschauern bei Heimspielen des FC Victoria könne man auch gar nicht davon ausgehen, dass die mehr als 50 Neonazis in der Halle alle etwas mit diesem Klub zu tun hatten, sagt TeBe-Mann Kühnert. Er beobachtete, wie Nazis unter den Victoria-Anhängern Gesinnungskumpane herbeitelefonierten, um Stunk zu machen. Das Interesse am Geschehen auf dem Spielfeld sei bei diesen Leuten sehr gering gewesen. Dass es Rechtsradikale waren, erkannte Kühnert unter anderem an der Kleidung: die Winterkollektion von »Thor Steinar«. Diese Marke ist bei Neonazis bekanntlich beliebt.

Die Veranstalter bedauerten die Vorfälle inzwischen. Trotzdem würde Kühnert es sich in Zukunft dreimal überlegen, wieder nach Frankfurt (Oder) zu reisen und dort möglicherweise seine Gesundheit zu riskieren. Zu den Gründern des 1902 gegründeten Vereins Tennis Borussia Berlin gehörten jüdische Sportler. Außerdem wirkte der bekannte ARD- und ZDF-Fernsehmoderator Hans Rosenthal einige Zeit als Vereinspräsident. Rosenthal war Verfolgter des Naziregimes, versteckte sich ab 1943 in einer Berliner Kleingartenanlage und überlebte so, während Angehörige von den Faschisten ermordet wurden.

Immer wieder Zielscheibe von Neonazis ist nicht nur Tennis Borussia. Auch der SV Babelsberg und seine teils linksalternative Fanszene sieht sich häufig Angriffen ausgesetzt. Das Turnier in Frankfurt (Oder) ist nach der Abreise von TeBe fortgesetzt worden. Es gewann: Victoria.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Terror von Rechts

    Die Mordserie von Neonazis wirft weiter Fragen auf. Täglich kommen neue Details ans Licht. Doch vor allem die Arbeit von Polizei und Verfassungsschutz gibt Rätsel auf. Mehr

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26.05.2012 | Marcus Meier

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