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Von Rainer Funke 31.12.2011 / Berlin / Brandenburg

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Statistische und allerlei andere Anmerkungen über den gemeinen Berliner

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Zeichnung: Christiane Pfohlmann

Berlin hat was. Die Einheimischen sehen sich seit Jahrhunderten als eine Art Unikat. Denn nach alter Sitte gilt nur derjenige als richtiger Berliner, dessen Großvater bereits in der Stadt geboren wurde. Viele Leute von solcher Würde gibt es nicht. Man muss damit rechnen, dass der Vater oder Großvater des Großvaters ein Sachse, Bayer, Hesse oder Friese gewesen ist. Manche behaupten gar, dass der Berliner in seinem Selbstverständnis nie real existiert hat.

Denn zu den derzeit 3,46 Millionen Bewohnern der Stadt gehören 865 000 Ausländer bzw. deutsche Bürger mit Migrationshintergrund. Ein Viertel der Berliner hat also seine Wurzeln irgendwo außerhalb deutscher Landen. Nur jeder dritte Hauptstädter wurde auch hier geboren. Alljährlich kommt es zu rund 150 000 Zu- und 130 000 Fortzügen. Berlin war in seiner beinahe 775-jährigen Geschichte eine jederzeit im Wandel befindliche Stadt, die Menschen ebenso anzog, wie sie sie vertrieb. Allein im ersten Jahrzehnt nach dem Ende der Teilung verließen 1,2 Millionen Bürger Berlin, um nach Arbeit zu suchen. Und um das Jahr 1700 etwa war jeder dritte Einwohner ein Hugenotte. Wenig später zogen massig Österreicher hierher.

Insofern könnte, wer sich als Ur-Berliner fühlt, ganz gut von Wienern, Helgoländern, Tirolern, Flamen oder Parisern abstammen - oder auch italienischer, polnischer, sibirischer, dänischer oder grönländischer Herkunft sein. Dabei wurde gar nicht erwähnt, dass die Bürger in Gründungszeiten der Stadt auch immer nur von irgendwoher kamen. Wer ist dann überhaupt noch ein (echter) Berliner? Und wie kann es dann sein, dass jeder vierte Hauptstädter negative Einstellungen gegenüber Ausländern verinnerlicht haben soll. Ist er dann nicht sein eigener Fremdenfeind. Letztlich stellt sich der Berliner als Multikulti-Produkt heraus. Selbst die sich oftmals nicht gerade ausländerfreundlich gebärdenden CDU-Abgeordneten sind nach aller Wahrscheinlichkeit irgendwann hier eingereist. Womöglich aus Sizilien, Sibirien oder von Kamtschatka?

All dieses Ungewisse ändert nichts daran, dass der Berliner keineswegs an Selbstzweifeln oder unter Bescheidenheit leidet. Was in geflügeltem Wort mehr als deutlich wird, etwa: »Ick find mir hübsch, ick könnt mir dauernd küssen.« Oder in gehobenem Deutsch: »Wo wir sind, ist vorn, wenn wir hinten sind, ist hinten vorn.«

Dennoch neigt der Einheimische eher zum schlichten, bescheidenen Zeitgenossen, kann Blender nun gar nicht leiden: »Keene Haare uff'm Kopp, aba 'n Kamm inner Tasche«, verspöttelt er neuberlinische Typen, die Schrippen oder Currywurst in schwarzem Anzug holen. Solche gibt es ja mehr als genug, seit die Bundesregierung aus Bonn geflüchtet und in Berlin um Asyl ersucht hat. Als Spezies der Berliner wären Diplomaten und ihre Gefolgschaft hervorzuheben, auf die 2939 Fahrzeuge zugelassen sind. Sie waren im Vorjahr an 14 934 Verkehrsordnungswidrigkeiten und 62 Unfällen beteiligt. In 40 Fällen geriet man in den Verdacht der Unfallflucht. Weil die Diplomatie üblicherweise Immunität genießt, werden solche Missetaten amtlicherseits nicht verfolgt, wodurch der Stadt 156 595 Euro an Verwarnungsgeldern entgangen sind. Die meisten Übeltäter stammen aus Saudi-Arabien, Russland, Ägypten, China, Frankreich, Aserbaidschan und den USA.

Weitab jeder Sünde gilt der gewöhnliche Berliner als moderner Mensch, als großzügig und gelassen, kommt cool daher und fühlt sich wohl in der Gemengelage seines Kiezes. Die Stadt ist kein Kurort, aber nimmt nur den sechsten Platz der 27 deutschen großen Städte ein, was die »Verlärmung« betrifft. Misst man an Hannover, der lautesten unter ihnen, so erweist sich lediglich die Hälfte der Stadtfläche als von Getöse betroffen, der Rest wird von den 2500 Parks und Grünflächen aufgefangen, heißt es in einer Studie. Dass voriges Jahr 3290 Autos geklaut wurden, hat die Lärmbelastung nicht vermindert.

Reichlich 79 Prozent der Berliner benutzen übrigens einen PC. Eine solche Zahl gehört zur absoluten bundesweiten Spitze, Bremen führt mit gut 80 Prozent. Der Bürger erweist sich im statistischen Durchschnitt als 42,8 Jahre alt, 44,4 Monate älter als vor 20 Jahren, zur reichlichen Hälfte von weiblichem, zur knappen Hälfte von männlichem Geschlecht, 73,5 Kilo schwer, 1,71 Meter groß. Frauen haben eine Lebenserwartung von 82, Männer von 77 Jahren. Jede zweite Frau und jeder dritte Mann erleben den eigenen 85. Geburtstag.

Der Berliner gilt als bescheiden, prasst nicht, ungeachtet dessen, dass sich in der Stadt - mehr als anderswo bundesweit - 13 Sterne-Lokalitäten befinden: Im Schnitt gibt jeder Haushalt 248 Euro im Monat für Lebensmittel, Getränke und Tabak aus, darunter 36 Euro für Fleisch und Fleischwaren, 33 Euro für Eier und Molkereiprodukte, 33 Euro für Brot und andere Getreideerzeugnisse, 23 Euro für Gemüse und Kartoffeln, 20 Euro für Obst, 25 Euro für alkoholfreie Getränke, 23 Euro für Alkohol. Brandenburger Haushalte benötigen monatlich 274 Euro.

Eine Tieren freundlich gesinnte, aber zuchtarme Region wird Berlin zudem genannt. Hier gibt es zwar 655 Rinder, aber kein Schwein. Jedenfalls kein amtlich registriertes, sondern lediglich das gemeine Stadtschwein, was freilich ein Wildschwein darstellt, das in der Metropole zu schätzungsweise 4000 Exemplaren wohnt, ruht, vermehrt und sich nährt. Es wird auch Problemschwein genannt. Und ist im Grunde auch nur ein armes Schwein. Die Berliner in ihrer bekannten Liebe zum Tier wissen, wovon die Rede ist.

Nach Analysen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg, des Berliner Senates, von Info und Infratest, dpa, Fraunhofer Institut für Bauphysik sowie vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Szletal81, 31. Dez 2011 11:25

    Nicht überall, wo Berliner draufsteht

    oder die sich jetzt als Einheimische fühlen, sind echte Berliner Unikate drin.
    Es soll ja auch in Berlin geborene geben, die Im Niemandsland gross geworden sind.

    Aber was solls, wie sind ein Volk von Brüdern.

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