Fotografie ist heute ein Akt bestürzender Mühelosigkeit. Die Wirklichkeit nutzt dies, um immer mal wieder ihr ungeschminktes Selbstbild ins Bild zu schmuggeln - just da, wo dies unerwünscht ist. Wie jede an Boden gewinnende Unternehmung hat auch die Fotografie von Beginn an in Mächtigen, in Tonangebenden das Bedürfnis geweckt, den reinen, unbefleckten Wert ihrer Bedeutung zu spiegeln. Das geht auf Dauer nicht ohne Fälschung.
Vom jüngsten Trauer-Opus in Pjöngjang ging ein Foto um die Welt, das kurze Zeit später jene Komik eingestehen musste, die ehrgeiziger Schönfärberei nun mal eigen ist. Die Realität hatte nämlich leider beim Giga-Zug für Kim Jong Il Schmutz und militärfeindliche Unsauberkeit verbreitet: Der Schnee war nicht weiß genug, einige Leute störten die wahrlich linientreue Ausrichtung. Einen kräftigen Retusch für die Meister der Korrektur!
Zu 2011 gehörte das Bild, auf dem Obama und engste Mitarbeiter die Tötung Osama bin Laden per Video verfolgen - in der jüdischen Zeitung »Der Tzitung« fehlten - aus religiöser »Rücksichtnahme« auf Leser - die Frauen: Hillary Clinton und Audrey Tomason. Es gibt Angela Merkel mit und ohne Schweißfleck unterm Arm, Nicolas Sarkozy mit und ohne Fettröllchen über der Badehose; Paul McCartney überquert den Zebrastreifen auf dem berühmten »Abbey Road«-Cover zunächst mit Zigarette in der Hand, später ohne. Es existieren auch Bilder ägyptischer Attentatsorte mit Blutlachen, die auf anderen Fotos Wasserlachen sind. Im Zusammenhang mit dem Stauffenberg-Film mit Tom Cruise wurde vom Verleih ein Originalfoto des Hitler-Attentäters verbreitet, das so retuschiert worden war, bis es Ähnlichkeiten mit Cruise aufwies. Der Sturz eines Saddam-Denkmals in Irak wurde aus einer Perspektive fotografiert, die ein Grüppchen Neugieriger zur euphorischen Menge erhob ...
Für den US-Meisterfotografen Ansel Adams muss Fotografie »der umfassende Ausdruck dessen sein, was man im tiefsten Sinne über das, was fotografiert wird, fühlt«. Diesen ästhetischen Grundsatz machten sich Propagandisten des jeweiligen Herrschertums seit jeher zunutze. »Wahrer Ausdruck« statt getreues Protokoll, das Weltbild bestimmt das Abbild. Marx' Satz vom Bewusstsein, welches das Sein bestimme, wurde zwar von den wissenschaftlichen Wahrheitsbesitzern postuliert, aber die Treue zu dieser These war oft genug gelogen: Das Bewusstsein hatte weit höheren Stellenwert, es sollte das Sein bestimmen, sollte überhaupt das Entscheidende sein, mit dem die mangelhafte, störende, unreine Wirklichkeit andauernd bewältigt, ausgeschaltet wird.
Lenin steht 1920 vor dem Moskauer Bolschoi-Theater, irgendwann fehlen auf dem Foto Trotzki und Kamenew: (Vermeintliche) Verräter sind nicht existent. Stalin ließ andauernd jemanden verschwinden (erst morden, dann retuschieren). Moskaus Generalsekretäre konnten greiser, grauer, faltiger werden, die Porträtfotografie bewies die hinlänglich bekannte Geduld des Papiers: Die mittlere knitterfreie Reife der Gesichter dauerte an. Glasnost war erst wirklich Glasnost, als selbst Gorbatschow seinen Blutschwamm zeigen durfte.
So erzählen auch Fotos die Geschichte des unsterblichen Wunsches Herrschender oder anmaßender Pädagogen, die von ihnen propagierte Welt möge so bleiben, wie sie doch nie war.
...einmal sieht man das Geschichte das ist was in Büchern steht und Büchern von "Manipulatoren" geschrieben werden können.
Liebe Grüße
Zeischold
photographie-zeischold.de
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Preis: 120,00 €
Preis: 11,95 €
Werbung:
Werbung: