Von Kim Leven
02.01.2012

»Hoch mit dem Rock!«

Ein Eindruck vom 28. Chaos Communication Congress in Berlin

Beim Gipfeltreffen der Hackerszene zwischen Weihnachten und Neujahr prägten Männer das Klima. Applaus gab es hier nicht nur für Vorträge über Datensicherheit, sondern auch für frauenfeindliche Zoten.

Mitten in Berlin trafen sich zwischen den Jahren Hacker und Haecksen im Berliner Kongress-Center am Alexanderplatz. Hierzulande erfüllt keine Veranstaltung besser das Klischee einer Zusammenkunft technikbegeisterter junger Männer, leicht skurril vielleicht, aber irgendwie nett. In der Realität stimmt das natürlich nicht, auch wenn es den Ruf des Chaos Communication Congresses seit nunmehr 27 Jahren prägt. Mit den »Haecksen« gibt es einen organisierten Zusammenschluss eines Teils der weiblichen Mitglieder des Chaos Computer Clubs (CCC). Einige feministische Akzente konnten die Haecksen auf dem diesjährigen Kongress setzen, doch am grundsätzlich männlich geprägten Klima auf dem 28C3 konnten auch sie nichts ändern. »Ist nicht alles schlecht am Männerüberschuss«, antwortet eine Teilnehmerin ironisch: »Die Frauenklos sind sauber und bei uns gibt's auch keine Schlangen wie bei den Männern.«

Aber Schlangen gibt es nicht nur vor den Toiletten, das Kongress-Center platzt an diesen vier Tagen im Dezember aus allen Nähten. Überall sind auf den Fluren Menschentrauben anzutreffen, die sich auf Großbildschirmen überfüllte Vorträge ansehen. Mittagessen gibt es in der ebenfalls überfüllten »Art & Beauty-Lounge«. Hier stört sich kaum jemand daran, dass das einzige vegetarische Gericht asiatische Nudeln sind, hoch im Kurs stehen eher Döner und Burger. Und natürlich Mate, das aufputschende In-Getränk mit dem legendären Werbespruch: »Man gewöhnt sich dran.«

Ein gewisser Gewöhnungseffekt dürfte sich auch bei den Nazis einstellen, denn ihre Seiten werden regelmäßig kurz vor Silvester gehackt. Die im Rahmen des Kongresses gehackten Seiten werden im CCC-Wiki, einer zentralen Instanz für den Informationsaustausch im Internet, erfasst. Passend zum vorherrschenden Motto »Copyright is evil« werden hier auch die Daten von Dateiservern gesammelt, über die Unmengen Musik und Filme getauscht werden. Und es gibt eigene Pornoserver im Kongressnetz: »ftp://176.99.151.3 -> 3*1g - only porn«.

Dank der Streaming-Technologie wurden Kurzvorträge, die in wenigen Minuten Themen vorstellten und Ideen präsentierten, live ins Internet übertragen. In einem zählte »ultramegaman« die seiner Meinung nach zehn wichtigsten Punkte auf, um die Sicherheit der eigenen Daten zu gewährleisten. Neun der zehn Ratschläge waren mehr oder minder sinnvolle Verteidigungsstrategien gegen Überwachung. Die letzte Folie jedoch sollte eine Anspielung auf Julian Assange sein, über dessen Auslieferung nach Schweden die britische Justiz zur Zeit entscheidet. Der Sicherheitsexperte »ultramegaman« empfahl schlicht: »Don't fuck Swedish women.« Eine Frau antwortete auf Twitter: »Der Fakt, dass du diese sexistische Scheiße gesagt hast und dafür auch noch *Applaus* bekommen hast, ist ekelerregend.«

In den überaus gut besuchten Vorträgen wurde das beliebte Motiv des »dümmsten anzunehmenden Users« mittlerweile durch die »Mutter« oder »Oma« ersetzt. Fehlerhafte Software wird scherzhaft »Gabi« oder »Mandy« genannt und zotige Witze provozieren erwartungsgemäß Lachen und Johlen beim Publikum. Da verwundert es nicht, dass der 3D-Scan einer Frau von einem Teilnehmer aus dem Publikum mit dem Zwischenruf »Hoch mit dem Rock!« kommentiert wird.

Der CCC reagierte vor einem beliebten Vortrag mit einer Erklärung gegen Diskriminierung. Eine nd-Anfrage zum Thema Sexismus und zur Teilnahme eines Nazis am 28C3 blieb jedoch bislang unbeantwortet. Bereits am ersten Tag des Kongresses twitterte ein Besucher: »Werft bitte Leute mit Thor Steinar Klamotten raus.« Zudem bekannte sich der Thor Steinar-Träger auf der Demonstration des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung auf Nachfrage eines Antifaschisten zum Nationalsozialismus. Doch der Infodesk im Kongress-Center zog die Forderungen nach einem Rauswurf über Twitter ins Lächerliche. »I can haz Nazidebatte?« - mit der Mischung aus Internet-Slang und Babysprache verspotteten die als »Engel« bezeichneten Helfer das Anliegen: »Ich kann kriegn Nazidebatte?« Doch diese Debatte wird auf Twitter und in Blogs bereits geführt: »Im Keller hacken sie die Nazis und im ersten Stock tanzen sie ihnen auf der Nase herum.« Eine Frau hinter dem Infodesk meint: »Dann müssten wir ja auch die Feministen rauswerfen, die sind ja auch menschenverachtend.«

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