Mitten in Berlin trafen sich zwischen den Jahren Hacker und Haecksen im Berliner Kongress-Center am Alexanderplatz. Hierzulande erfüllt keine Veranstaltung besser das Klischee einer Zusammenkunft technikbegeisterter junger Männer, leicht skurril vielleicht, aber irgendwie nett. In der Realität stimmt das natürlich nicht, auch wenn es den Ruf des Chaos Communication Congresses seit nunmehr 27 Jahren prägt. Mit den »Haecksen« gibt es einen organisierten Zusammenschluss eines Teils der weiblichen Mitglieder des Chaos Computer Clubs (CCC). Einige feministische Akzente konnten die Haecksen auf dem diesjährigen Kongress setzen, doch am grundsätzlich männlich geprägten Klima auf dem 28C3 konnten auch sie nichts ändern. »Ist nicht alles schlecht am Männerüberschuss«, antwortet eine Teilnehmerin ironisch: »Die Frauenklos sind sauber und bei uns gibt's auch keine Schlangen wie bei den Männern.«
Aber Schlangen gibt es nicht nur vor den Toiletten, das Kongress-Center platzt an diesen vier Tagen im Dezember aus allen Nähten. Überall sind auf den Fluren Menschentrauben anzutreffen, die sich auf Großbildschirmen überfüllte Vorträge ansehen. Mittagessen gibt es in der ebenfalls überfüllten »Art & Beauty-Lounge«. Hier stört sich kaum jemand daran, dass das einzige vegetarische Gericht asiatische Nudeln sind, hoch im Kurs stehen eher Döner und Burger. Und natürlich Mate, das aufputschende In-Getränk mit dem legendären Werbespruch: »Man gewöhnt sich dran.«
Ein gewisser Gewöhnungseffekt dürfte sich auch bei den Nazis einstellen, denn ihre Seiten werden regelmäßig kurz vor Silvester gehackt. Die im Rahmen des Kongresses gehackten Seiten werden im CCC-Wiki, einer zentralen Instanz für den Informationsaustausch im Internet, erfasst. Passend zum vorherrschenden Motto »Copyright is evil« werden hier auch die Daten von Dateiservern gesammelt, über die Unmengen Musik und Filme getauscht werden. Und es gibt eigene Pornoserver im Kongressnetz: »ftp://176.99.151.3 -> 3*1g - only porn«.
Dank der Streaming-Technologie wurden Kurzvorträge, die in wenigen Minuten Themen vorstellten und Ideen präsentierten, live ins Internet übertragen. In einem zählte »ultramegaman« die seiner Meinung nach zehn wichtigsten Punkte auf, um die Sicherheit der eigenen Daten zu gewährleisten. Neun der zehn Ratschläge waren mehr oder minder sinnvolle Verteidigungsstrategien gegen Überwachung. Die letzte Folie jedoch sollte eine Anspielung auf Julian Assange sein, über dessen Auslieferung nach Schweden die britische Justiz zur Zeit entscheidet. Der Sicherheitsexperte »ultramegaman« empfahl schlicht: »Don't fuck Swedish women.« Eine Frau antwortete auf Twitter: »Der Fakt, dass du diese sexistische Scheiße gesagt hast und dafür auch noch *Applaus* bekommen hast, ist ekelerregend.«
In den überaus gut besuchten Vorträgen wurde das beliebte Motiv des »dümmsten anzunehmenden Users« mittlerweile durch die »Mutter« oder »Oma« ersetzt. Fehlerhafte Software wird scherzhaft »Gabi« oder »Mandy« genannt und zotige Witze provozieren erwartungsgemäß Lachen und Johlen beim Publikum. Da verwundert es nicht, dass der 3D-Scan einer Frau von einem Teilnehmer aus dem Publikum mit dem Zwischenruf »Hoch mit dem Rock!« kommentiert wird.
Der CCC reagierte vor einem beliebten Vortrag mit einer Erklärung gegen Diskriminierung. Eine nd-Anfrage zum Thema Sexismus und zur Teilnahme eines Nazis am 28C3 blieb jedoch bislang unbeantwortet. Bereits am ersten Tag des Kongresses twitterte ein Besucher: »Werft bitte Leute mit Thor Steinar Klamotten raus.« Zudem bekannte sich der Thor Steinar-Träger auf der Demonstration des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung auf Nachfrage eines Antifaschisten zum Nationalsozialismus. Doch der Infodesk im Kongress-Center zog die Forderungen nach einem Rauswurf über Twitter ins Lächerliche. »I can haz Nazidebatte?« - mit der Mischung aus Internet-Slang und Babysprache verspotteten die als »Engel« bezeichneten Helfer das Anliegen: »Ich kann kriegn Nazidebatte?« Doch diese Debatte wird auf Twitter und in Blogs bereits geführt: »Im Keller hacken sie die Nazis und im ersten Stock tanzen sie ihnen auf der Nase herum.« Eine Frau hinter dem Infodesk meint: »Dann müssten wir ja auch die Feministen rauswerfen, die sind ja auch menschenverachtend.«
http://www.youtube.com/watch?v=XpDYrWP5XtQ&t=2m0s
Hier ein Mittschnitt.
Man kann das als Applaus werten, allerdings sind deutliche Bu-Rufe wahrnehmbar.
Vor dem nächsten Vortrag gab es übrigens auch noch eine Entschuldigung für den Mist.
Es gab einen Tag später, nachdem die Geschichte eben durch die Medien ging ein Statement, dass derartiges Verhalten unerwünscht ist. Hier übrigens der Ausschnitt wo jemand aus dem Publikum "Up her skirt" ruft: www.youtube.com/watch?v=mO1EO-QJqks Kann man das auch nur als Applaus "werten", oder ist es das vielleicht?.
Statements und vereinzelte Buhrufe negieren keine frauenfeindliche Grundstimmung, wie sich auch schön am Infodesk-Zitat zeigt.
Schade, dass der Artikel so ein platter Verriss ist.
Vollkommen klar, dass einzelne Burufe das nicht negieren.
Die Lightning-Talks werden übrigens spontan gehalten, d.h. es gibt keinen Review.
Das heißt aber auch, dass solche Sprüche eine negative Grundstimmung auch nicht belegen.
War Frau Leven eigentlich vor Ort oder hat sie nur andere Berichte zur Recherche genutzt.
Ich hatte bei meinen Kongressbesuchen immer das gegenteilige Gefühl, auch wenn bei über 3000 Besuchern immer ein paar Idioten zu finden sind.
Ja. Ein paar Idioten sind immer da. Nur sitzen sie normalerweise nicht am Infodesk. Aber Hacker sind ja die Guten und postgender, also alles halb so wild.
... aus unserer internen (kontroversen) Diskussion, der ich mich anschliessen möchte:
“Die Frau hat es geschafft ca. 15.000 Manntage Veranstaltung auf exakt
einskommafünf Sexismen, einen Nazi und ein Nudelgericht
herunterzubrechen.”
Volker Birk
CCC ERFA Ulm
Sehr geehrte Frau Leven,
"In den überaus gut besuchten Vorträgen wurde das beliebte Motiv des »dümmsten anzunehmenden Users« mittlerweile durch die »Mutter«"... "scherzhaft »Gabi« oder »Mandy« genannt und zotige Witze provozieren erwartungsgemäß Lachen und Johlen..." Dieser Umstand war mir bis ich Ihren Artikel gelesen habe nicht bekannt und ich kann Ihnen versichern, dass dies sicherlich unter Hackern nicht die bevorzugten Umgangsformen sind. Eine relativ einfache Begründung hierfür ist unter anderem die Hackerethik, der sich die meisten Hacker doch verbunden fühlen sollten. Diese verbietet Diskriminierungen aufgrund "des Aussehens ... des _Geschlechts_ ..." explizit!
Ich möchte nicht abstreiten, dass Zwischenrufe wie der von Ihnen genannte "Hoch mit dem Rock!" unangebracht sind. Ich finde es jedoch ebenso unangebracht, diesen einzelnen Zwischenruf eines Teilnehmers, derart überzubewerten. In deraritgen Massen sagen Menschen immer wieder Dinge, die von einem Großteil der Teilnehmer als unangemessen empfunden werden.
Auch die Aussage "Don't f*** swedish women!" wurde in den letzten Tagen stark diskutiert. Ich persönlich finde die Äusserung zwar unangebracht, sehe aber keine Abwertung gegenüber einer ethnischen Gruppe oder einem Geschlecht. Dieser "Witz", welcher zugegeben niveaulos ist, bezog sich lediglich auf die Bredouille in welche Julian Assange in 2011 geraten ist. Der Redner hat sich später für diese Äusserung enschuldigt.
Ich finde es persönlich wirklich sehr schade, dass diese wenigen Vorfälle in Ihrem Artikel derart aufgebauscht werden. Denn lassen wir uns doch mal ehrlich sein: 3 Vorfälle in 4 Veranstaltungstagen bei über 3000 Teilnehmern ist unter dem Durchschnitt deraritger Vorfälle auf anderen Großveranstaltungen.
Es ist sehr schade, dass Ihr Artikel sich überhaupt nicht mit Vorträgen auseinander gesetzt hat, da es auf dem C3 doch um genau diese Dinge geht.
Jenn
Unter dem Titel "Hoch mit dem Rock" schreibt Kim Leven am 2.1.2012
systematisch am Thema vorbei. Als "Eindruck vom 28th Chaos
Communication Congress" werden Klischees serviert, zusammen mit
Genörgel über das Essen und belanglosen Bemerkungen über die Schlangen
vor den Herrentoiletten.
Kim Leven übergeht komplett den ausgezeichneten Vortrag "Sachsen dreht
frei" von Anne Roth, und auch "Almighty DNA? - Was die
Tatort-Wahrheitsmaschine mit Überwachung zu tun hat" von Susanne
Schultz und Uta Wagenmann erwähnt sie nicht. Constanze Kurz als
Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC) ist fast schon omnipräsent
auf dem Kongress - kein Wort davon in Kim Levens Artikel.
Wenn Martin Haase in seinem exzellenten Vortrag die Sprache der
Mächtigen zerlegt und dafür tosenden Applaus bekommt, dann darf das in
einem seriösen Artikel über den Kongress nicht fehlen. Ich habe
während der vier Kongresstage viele gute Vorträge gehört - was aber
hat Kim Leven getan? Nichts davon mitbekommen, oder die Inhalte
absichtlich ausgeblendet?
Wer an den spannenden Themen des "28th Chaos Communication Congress" interessiert ist, kann bei Youtube nach "28c3" suchen und sich selbst ein Bild machen. Weiteres Material findet man auf den Webseiten des
CCC, siehe events.ccc.de/congress/2011/Fahrplan/
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