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Von Klaus Hammer 02.01.2012 / Berlin / Brandenburg

Eingebungen des Religiösen

Emil Noldes »biblische und Legendenbilder« in der Dependance der Nolde-Stiftung

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Emil Nolde, »Verlorenes Paradies«

Für den wichtigsten Teil seiner Lebensarbeit hielt Emil Nolde seine, wie er sie nannte, »biblischen und Legendenbilder« - etwa 50 Werke rechnete er diesem Thema zu. Dabei hat er die Zeichnungen und Aquarelle, auch die Druckgrafik nicht einbezogen, wie er auch eine größere Zahl an Gemälden, die man durchaus diesem Bereich zurechnen kann, nicht berücksichtigte. Weshalb nehmen gerade diese religiösen Bilder eine solche Dominanz in seinem Werk ein? In seiner Autobiografie hat Nolde darauf verwiesen, welch tiefen Einfluss die frühe Bibellektüre auf ihn ausübte: »Es waren Bilder, die ich las, reichste orientalische Phantastik. Sie wirbelten in meiner Vorstellung immerzu vor mir hoch, bis lange, lange danach der nun erwachsene Mensch und Künstler sie, wie in traumhafter Eingebung, malte und malte.«

Seine Bildszenen sind also freie Erfindungen seiner Fantasie, visionäre »Eingebungen«, »jenseits von Verstand und Wissen«, sie halten sich nicht wortgetreu oder illustrativ an die biblische Vorlage, sondern erwachsen aus seinen inneren Vorstellungen, der farblichen Gestaltung, die er mit sicherem Empfinden unmittelbar im Malprozess selbst vornimmt. Sie sind Ausdruck einer neuen Sehnsucht nach Spiritualität, dem »Sehnen nach dem übersinnlich Unfassbaren«, so Nolde, einer seelischen Einkehr, einer neuen Transzendenz des Wirklichen, wie sie auch andere Expressionisten in dieser Zeit erfasst hat.

Die Nolde-Stiftung Seebüll hat jetzt alles in ihre Berliner Dependance gebracht, was aus ihrem Besitz dem Thema biblische und Legendenbilder zuzurechnen ist: 33 Gemälde, 23 Aquarelle und 16 Graphiken. Der neunteilige Zyklus »Das Leben Jesu«, 1938 erstmals auf der Berliner Station der berüchtigten Nazi-Ausstellung »Entartete Kunst« mit diffamierenden Kommentaren zu sehen, ist jetzt zum zweiten Mal aus Seebüll, wo er bisher nie ausgeliehen wurde, nach Berlin gekommen. Die Gesichts- und Gebärdensprache konzentriert sich bei Nolde auf wenige Gestalten. Als »Freigeist« (1906) hat er sich selbst dargestellt, der gelassen die Argumente seiner teils eifernd, teils belehrend gestikulierenden Zeitgenossen anhört. Deren Gesichter werden wie in den Aquarellstudien mit Apostelköpfen zum eigentlichen Spiegel des Erlebens und Geschehens.

Als Nolde eine lebensgefährliche Trinkwasser-Vergiftung erlitten hatte, malte er, »in die mystischen Tiefen menschlich-göttlichen Seins« versunken, die verwandten Bilder mit Christus und den ihn umgebenden Jüngern, »Abendmahl« - der Heiland als Ärmster der Armen - und »Pfingsten« (beide 1909), dessen Leuchtkraft einen eigenartigen Ausdruck der Ekstase vermittelt. Damit trat für ihn, wie er später bekannte, »die Wende vom optisch äußerlichen Reiz zum empfundenen inneren Wert«, also vom Impressionismus zum Expressionismus, ein.

Das Gemälde »Christus und die Kinder« (1910), dem zahlreiche kleine Kinderbildnisse vorausgegangen sind, hat Gustav Pauli, der es 1918 für die Hamburger Kunsthalle ankaufte, so beschrieben: »Glühende Sonne des Orients, die alle Farben durchleuchtet, lauter Getümmel, ein liebevolles Herabneigen, Geschrei, Jauchzen und verwundert geöffnete Augen des mehr oder minder verstehenden Gefolges.« Dann folgten Szenen aus dem Alten Testament, darunter »Pharaos Tochter findet Moses« in strahlender Farbigkeit, oder »Tanz um das goldene Kalb«, die in ihrer Farbgebung und suggestiven Kraft Noldes kultisch ekstatische Tanzbilder - wie das der »Kerzentänzerinnen« (1912) - vorwegnimmt.

Herausragend das neunteilige Werk »Das Leben Christi« (1911/12) mit der »Kreuzigung« als großer Mitteltafel, die von Grünewalds Bild- und Geisteswelt beeinflusst ist. Der Querbalken am Kreuz Christi, unmittelbar mit dem der zwei mit ihm Gekreuzigten verbunden, bildet hier den Rahmen, dessen Zentrum der ausgezehrte, geschundene Körper des Heilands bildet. Symmetrisch rechts und links angeordnet die vier ungerührt von dem Leid um den Mantel Christi würfelnden Soldaten und die drei trauernden Frauenfiguren, Maria Magdalena mit vor Schmerz ineinander gepressten Händen, die in ihrer Trauer zusammengebrochene Mutter Maria, die Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, stützend um die Taille gefasst hat.

Das dramatisch inszenierte Bildgeschehen des Polyptichons beginnt oben links mit der »Heiligen Nacht«. Maria hält mit ausgestreckten Armen das Christuskind »in höchstem Mutterglück«. Es folgen »Die heiligen Könige«. Zwei der Weisen beugen sich über das Jesuskind, während Maria, am Boden kniend und die Hände in die Hüften gestemmt, als Frau aus dem Volk charakterisiert wird. Auf der rechten Seite die »Frauen am Grabe«, ratlos nach einer Erklärung für das Verschwinden des Leichnams Christ suchend. »Auferstehung« ist bei Nolde nachgeordnet: Noch ist Christus mit dem Erdboden verbunden, steigt aber, hinterfangen von einer hellvioletten Feuerzunge, wie eine überirdische Erscheinung auf, während in »Himmelfahrt« Christus seine Jünger segnet, bevor sie als Zeugen und Prediger in die Welt gehen, dann von ihnen scheidet und zum Himmel empor getragen wird. Nolde gab seinen Figuren eine jüdische Physiognomie. »Ich gab sie und auch Christus ihrem Volk zurück«, bekannte er.

Hier gestaltete Nolde Themen, die für die Kunst seit langem verloren schienen und bald auch wieder verloren gehen werden, bis die gegenstandslose Kunst im Gleichnis symbolhafter Formen wieder einen neuen Zugang zum religiösen Bild finden sollte. Die Identifizierung geht so weit, dass Christus mitunter Züge des Künstlerselbstbildnisses erkennen lässt. Der Ausgestoßene, der dem Göttlichen am nächsten ist, die Ehebrecherin, die vor Gott gerechtfertigt wird, die Dirne, die zugleich eine Heilige sein kann, die schutzbedürftigen Kinder, aber auch die Allmacht der Erotik als Urkraft - das sind Polaritäten, zwischen denen der Mensch nicht zu wählen hat, sondern zwischen denen er unauslösbar steht. Nolde hat solchen Problemen mit erschütternder Heftigkeit Ausdruck verliehen.

Bis 15. April, Berliner Dependance der Nolde Stiftung Seebüll, Jägerstr. 55

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