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Von Hendrik Lasch, Chemnitz 02.01.2012 / Ausland
Jahr der Genossenschaften

Genossenschaften hoffen auf einen Klimawandel

MGV-Verbandspräsident Berger: »Steilvorlage«, um solidarisches Wirtschaften populärer zu machen

2012 wurde von den Vereinten Nationen zum Jahr der Genossenschaften erkoren. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon begründet diese Entscheidung mit der Verbindung von Wirtschaftlichkeit und sozialer Verantwortung, die die Genossenschaften der internationalen Gemeinschaft vorleben. In Deutschland stoßen sie noch allzu oft auf Vorbehalte. »nd« wird das Thema das Jahr über begleiten.
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Vor einigen Jahren hat sich Dietmar Berger Gründerfibeln der Industrie- und Handwerkskammern in Sachsen besorgt. In den Heften suchte der Verbandspräsident des Mitteldeutschen Genossenschaftsverbandes (MGV) danach, welche Informationen angehende Unternehmer zu Genossenschaften erhalten. Das Resultat fiel ernüchternd aus: Eine einzige Broschüre erwähnte die Unternehmensform. Tenor des Satzes: Wenn sonst gar nichts hilft, kann man notfalls eine Genossenschaft ins Leben rufen.

Ein Unding, sagt Berger - nicht zuletzt in einem Land, in dem die Genossenschaftsidee in Deutschland einen ihrer Ursprünge hat. In Delitzsch schlossen sich 1849 fünf Dutzend Schuhmacher zu einer »Assoziation« zusammen - eine Geburtsstunde der Bewegung, die von einem in der Stadt gebürtigen Mann besonders gefördert wurde: Hermann Schulze-Delitzsch gilt als ihr Gründervater; als Abgeordneter im Reichstag machte er sich für eine gesetzliche Grundlage stark. An sein Wirken erinnert ein sehenswertes Museum in Delitzsch.

Ein Besuch wäre angehenden Unternehmern, IHK-Funktionären und Politikern zu empfehlen. Vielen gelten Genossenschaften eher als ungeliebtes Relikt des Sozialismus denn als etablierte Form solidarischen Wirtschaftens. Nach Ansicht Bergers fehlt es vielfach an der nötigen gesellschaftlichen Akzeptanz. Der Verbandspräsident spricht gar von einem »genossenschaftsfeindlichen Klima«.

Dass nun die Weltorganisation UNO der Unternehmensform, die andernorts in der Welt völlig selbstverständlich ist, offiziell den Segen erteilt, könnte in Deutschland - und, wie Berger hinzufügt, vor allem im noch auffällig skeptischeren Ostdeutschland - für eine Art Klimawandel sorgen. Berger jedenfalls erhofft sich vom bevorstehenden UNO-Jahr deutliche Popularitätsgewinne: »Das ist eine Steilvorlage für die genossenschaftliche Idee.« Die Unternehmensform könne bundesweit mit einer Vielzahl von Veranstaltungen bekannter gemacht werden. Zudem hofft man auf politischen Rückhalt. Während es für die bundesweiten Veranstaltungen nicht gelang, rechtzeitig einen »Paten« zu finden, haben in den drei mitteldeutschen Ländern die jeweiligen CDU-Ministerpräsidenten die Schirmherrschaft übernommen.

Regionaler Höhepunkt im Rahmen des UNO-Jahres der Genossenschaften soll ein Kongress in Leipzig am 23. Mai sein, den fünf genossenschaftliche Verbände aus Mitteldeutschland gemeinsam ausrichten wollen. Neben dem MGV. der Agrar- ebenso wie gewerbliche, soziale und Kulturgenossenschaften vertritt, gehören dazu beispielsweise auch die Verbände der Wohnungsgenossenschaften. Auch viele weitere Aktionen wie Mieterfeste, Tage des offenen Hofes und andere Veranstaltungen sollen für die Genossenschaftsidee werben. Popularisiert werden soll deren Grundanliegen, das nach Angaben Bergers »nicht in Gewinnmaximierung, sondern im Förderauftrag zugunsten der Mitglieder« besteht. Im Mittelpunkt stünden gemeinschaftliches Wirtschaften und Solidarität.

Das UNO-Jahr soll einen viel größeren Schub bringen als eine Gesetzesnovelle von 2006. Die habe zwar »nicht geschadet«, so sagt Berger; ein Boom bei Grün- dungen aber blieb aus. Wich- tiger als juristische Regularien sei das öffentliche Bewusstsein, sagt Berger. Inzwischen ist sein Verband immerhin auf den Homepages von IHK und Handwerkskammern schon verlinkt. Und irgendwann, hofft er, könnte es auch im konservativen Sachsen Schülergenossenschaften geben, wie sie in Niedersachsen lange Alltag sind.


Zahlen & Fakten: Eigentümer und Kunden

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Briefmarke zum 200. Geburtstag des Gründers der deutschen Genossenschaftsbewegung, Hermann Schulze-Delitzsch

Die Vereinten Nationen haben 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen, um auf die weltweite Bedeutung von Genossenschaften aufmerksam zu machen und ihre Rolle für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung vieler Länder zu betonen. »Genossenschaften zeigen der internationalen Gemeinschaft, dass beides möglich ist: Wirtschaftlichkeit und soziale Verantwortung«, begründete UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Entscheidung. Unter dem Motto »Ein Gewinn für alle« wird die genossenschaftliche Idee in diesem Jahr in Deutschland durch Aktionen und Veranstaltungen rund um das Thema begleitet.

Nach Angaben der UNO gibt es weltweit 800 Millionen Genossenschaftsmitglieder in mehr als 100 Ländern; über 100 Millionen Arbeitsplätze werden von Genossenschaften bereitgestellt. Die Hälfte der Weltbevölkerung - so schätzt die UNO - findet ihre Ernährungsgrundlage in Genossenschaften. So tragen Kreditgenossenschaften, ländliche und gewerbliche Genossenschaften dazu bei, regionale Wirtschaftskreisläufe zu stabilisieren und lokale Beschäftigung zu fördern.

Genossenschaften haben sich im Verlaufe ihrer 150-jährigen Geschichte in den verschiedensten Märkten etabliert und sich dabei in Größe und Struktur unterschiedlich ausgebildet. Allen Genossenschaften ist jedoch gemein, dass die Mitglieder zugleich Eigentümer und Kunden ihrer Genossenschaft sind.

Besonders an Genossenschaften ist zudem, dass diese zur wirtschaftlichen Förderung ihrer Mitglieder unterhalten werden. Im Vordergrund steht somit der genossenschaftliche Förderzweck und nicht die Zahlung einer Rendite. Dennoch sind Genossenschaften auch der Wirtschaftlichkeit verpflichtet, eben zum Wohl ihrer Mitglieder.
nd

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • nd-Serie: Jahr der Genossenschaften

    2012 wurde von den Vereinten Nationen zum Jahr der Genossenschaften erkoren. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon begründet diese Entscheidung mit der Verbindung von Wirtschaftlichkeit und sozialer Verantwortung, die die Genossenschaften der internationalen Gemeinschaft vorleben. »nd« wird das Thema das Jahr über begleiten. Mehr

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