Wenn sich zum Jahresende die EU-Landwirtschaftsminister auf die Fangquoten für Fische einigen, berufen sie sich in der Regel auf wissenschaftliche Bestandsermittlungen. Abgesehen davon, dass im Verlaufe der Verhandlungen eben diese Ausgangsdaten praktisch immer unter die Räder kommen, fehlen für viele Fischarten eigentlich verlässliche wissenschaftliche Angaben. Deshalb gehen viele Bestandsschätzungen von der Entwicklung der Fangmengen in den jeweiligen Meeresgebieten aus.
Doch unabhängig davon, wie man die Qualität der jeweiligen Zahlen einschätzt, eine wichtige Größe geht bisher allenfalls indirekt in die Rechnung ein: Fische sind vor allem auch Nahrung für andere Meeresbewohner und Seevögel. Für Letztere hat sich eine internationale Forschergruppe um den Franzosen Philippe Cury etwas genauer interessiert. Die Ergebnisse veröffentlichte sie einen Tag vor Weihnachten im US-Fachjournal »Science«. Das wissenschaftliche Weihnachtsgeschenk dürfte Fischern und EU-Ministern gleichermaßen schwer im Magen liegen.
Denn zumindest für jene kleineren Fische, die nicht selten als Fischmehl in der Lachszucht landen, aber auch gefragte Nutzfische wie Sardinen, Anchovis, Sprotten und Heringe müsste eine wissenschaftlich begründete Fangquote auch den Bedarf dieser natürlichen Nahrungskonkurrenten des Menschen in Rechnung stellen. Und der ist hoch. Beim Vergleich von Fischbestand und Bruterfolg von 14 Seevogelarten in Atlantik, Pazifik und dem Südpolarmeer ergab sich, dass bei diesen »Futterfischarten« etwa ein Drittel des Bestands zur Erhaltung der untersuchten Vogelarten nötig ist. Diese einfache Faustregel trifft zur Überraschung auch der Forscher auf höchst unterschiedliche Arten vom Pinguin im Süden Afrikas über die Tölpel bis hin zu Möwen vor Norwegen zu. Man darf gespannt sein, ob diese Erkenntnis sich bei den nächsten Quotendiskussionen und bei den Versuchen der EU, vor fremden Küsten Fangrechte zu erlangen, Gehör findet.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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