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Sie saß auf einem Stuhl, den Kragen hochgeschlagen, die Augen geschlossen, saß so in ihrem weiten roten Mantel vor ihrem Maler und seiner Staffelei.
Der Maler, der mehrere Anläufe brauchte, bis ihm das »real irreale« Porträt halbwegs gefiel, war Friedrich Dürrenmatt und sie, Charlotte Kerr (Foto: dpa), seit 1984 seine zweite Frau. Sie waren sich im Jahr zuvor erstmals begegnet, er seit dem Tod seiner Frau Lotti im Januar 1983 ein verzweifelter Eremit, ratlos und verdüstert, sie eine attraktive Schauspielerin, namhafte Journalistin, Produzentin und Regisseurin von Dokumentarfilmen über Billy Wilder, Fred Zinnemann, Melina Mercouri oder Mikis Theodorakis. Ihr verdankte er sein neues Leben. Peter Rüedi, der im vorigen Herbst bei Diogenes die erste große Biografie über den Schweizer Schriftsteller vorgelegt hat, spricht von Dürrenmatts Wiedergeburt.
Charlotte Kerr, 1927 geboren in Frankfurt/Main (aber nicht als Tochter von Alfred Kerr, wie zuweilen behauptet wird), holte ihn in die fremd gewordene Welt zurück, gab ihm die Neugier, die Reiselust, die verlorene Kreativität wieder und ermöglichte so das reiche, noch immer unzureichend gewürdigte Spätwerk, darunter »Minotaurus. Eine Ballade«, die Romane »Justiz« und »Durcheinandertal«, die verschiedenen Fassungen von »Achterloo«, die Novelle »Der Auftrag«. Sie war an all seinen Projekten beteiligt, drehte einen Film über ihn, verwaltete nach seinem Tod 1990 den Nachlass, gründete das Centre Dürrenmatt in Neuchâtel, dessen Vizepräsidentin sie war, und sie veröffentlichte 1992 ihr Buch »Die Frau im roten Mantel«, den schönen, damals in manchem Feuilleton mit böser Lust verrissenen Bericht über ihre Jahre an der Seite des Dramatikers und Erzählers.
Am letzten Mittwoch ist Charlotte Kerr, wie erst am Wochenende bekannt wurde, nach längerer Krankheit in Bern gestorben. Sie wurde 84 Jahre alt.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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