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Himmel und Hölle geteilt

Neue Nationalgalerie Berlin: Der Bestand 1945-1968 wird präsentiert

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Heinrich Ehmsen: Wahnsinnige Harlekins vor den Trümmern des Krieges II. 1945/51. Öl auf Leinwand, 121 x 200 cm.

Keine andere Stadt der Bundesrepublik hat das: Kunst Ost und Kunst West auf einer Ebene. Es ist so, als hätte gerade dafür Berlin in den 90er Jahren zum Status der deutschen Hauptstadt zurückkehren dürfen. Die anderen föderalen Metropolen haben ihren Hochmut, der unversehens in Missmut umschlagen kann. Düsseldorf, Hamburg, Köln München - da verstecken die Kunstmuseen, was nicht en vogue oder like mainstream ist. Kunst von drüben, damals Zone genannt, ist da obsolet. Nationalgalerie Berlin, ja, das ist was anderes. Vom Kalten Krieg her wundenbedeckte Schnittstelle. Von der Einheit her Punkt, ja, Höhepunkt der Begegnung. Im Großmut einer Widervereinigung gegen Kleinmut. Die da haben das gesammelt, und die dort das. Da birst der Bestand ja geradezu von vorzeigbaren Schätzen. Ab und zu gibt es also eine Eruption.

Nun ist es wieder soweit. Udo Kittelmann und Joachim Jäger betraten als Neuverantwortliche der Neuen Nationalgalerie in Berlin das Altdepot. Sehen, staunen, sichten, was da ist. Sie erschauern. Sie lassen gucken und zeigen die Jahre 1945 bis 1968. Welche Zeit! Kurzentschlossen eigneten sie sich Christa Wolfs Buchtitel an: »Der geteilte Himmel«, trotz der Erkenntnis, dass der Himmel letzten Endes unteilbar ist. Himmel - das kann ja nur gut werden mit diesem Titel. Ostfreundlich und westanerkannt. Sicherlich, der andere Teil des Himmels war die Hölle. Die Lehrbücher sagen es so. Was aber, wenn da höllisch tolle Kunst zu finden ist?

Gegenüberstellen ist besser als Ausschließen. Ehmsen, Grundig, Lachnit versus Nay, Oelze, Radziwill. Namen setzen Zeichen. Spannendes Spiel. Das knistert vor Spannung. Mattheuer und Tübke von Francis Bacon und Pablo Picasso flankiert. Welche Dimension tut sich da auf! Und erst das Plastische: Fritz Cremers bleiche Mutter Deutschland darf Henry Moores Frau auf Bank überragen. Mensch Wieland Förster konkretisiert Abstraktum Karl Hartung. Einsam allein ficht Rene Graetz’ Krieger. Ist er nun ein Sinnbild dafür, wie lächerlich sich die Aktiven des Kalten Krieges ausnehmen, oder dafür, wie der Künstler sich der Zumutungen desselben erwehrt?

Spätestens da muss der Blitz in diesen Geist eingeschlagen haben. Kein Geistesblitz fürwahr. Die Kuratoren erwachten unsanft aus ihrer Euphorie, nur einem Lustprinzip zu folgen. Welch verheerendes Medienecho hätten sie herauf beschworen, wären sie so weiter verfahren! Bildende Kunst in erster Linie ein subtil politischer Seismograph - das ging zu weit. Die widerspenstigen zeichnerischen Sensibilitäten Gerhard Altenbourgs winken als letzter Gruß des Ostens in die zweite Hälfte der Ausstellung. Diese kommt kunstmarktkorrekt daher.

Das einzig Politische dort bleibt die große Collagemalerei des Isländers Erro: Doch »Die Geburt Hitler« bleibt verrätselt undurchschaubar. Simultanität immerhin neu gesehen. Dagegen muss Willi Sittes Simultanbild »Leuna 1921« am Eingang alt aussehen; folgerichtig bleibt es für Westaugen das Reizbild eines Kunst-Apparatschiks. Nicht nur solche DDR-Alibi-Bilder kamen jedoch seinerzeit in den Sammlungsbestand. Dafür garantierte der Name Willi Geismeier. Mit ihm als Direktor der Nationalgalerie Ost herrschte »Qualitätsgefühl und Zivilcourage«, wie ihm im hochoffiziellen Nachruf 2007 bescheinigt wurde.

Und die Neue Nationalgalerie West wusste damals mit dem documenta-geübten Chef Werner Haftmann, zu kaufen, was opportun war. 60er-Jahre-Sound - das hieß, global kompatibel zu sein. Leitplanken made in USA. Feld frei für Fluxus Informel Minimal Pop Art! Ein wahrer Strom von Strömungen ergoss sich. Schleusen über Schleusen wurden geöffnet. Die westliche Welt geruhte so offen zu sein. Das, was Zone hieß, war mit der Mauer verschlossen, und wurde als kunstfreie Zone angesehen. Die Selbstbesinnung dort brauchte Zeit und neuen Anlauf, ehe sie zu Selbstbehauptung und am Ende vage Fremdbestätigung fand.

Die schon für 2013 angekündigte nächste Auswahl aus diesem Sammlungsbestand müsste die starken 70er und 80er Jahre des Ostens präsentieren. Ohne den Kontakt zur Kunstszene des Westens und Rückbesinnung auf die klassische Moderne waren diese gar nicht denkbar. Fritz Cremer bezog sich auf Jackson Pollock, Bernhard Heisig auf Max Beckmann. Expressivität brach auf ganz neue Weise aus und schoss hoch. Pop Art und Konstruktives und Surreales unterwanderten den mühsam beschworenen Sozrealismus.

Demnächst in diesem Theater? Das sagt heute erst mal Bühne frei für Donald Judd und Nam June Paik und ach so viele andere klingende Namen. Da gab es in der Tat nichts Ebenbürtiges im Weltosten. Leute wie Otto Piene und Wolf Vostell markierten die aufgehenden deutschen Sterne am hellstrahlenden Himmelshorizont westwärts. Was konnte ostwärts der Selbstbemalung des Günter Brus entsprechen? Selbstbescheidung? Gar Selbstverleugnung? Kunstdienst nach Vorschrift? Das bleibt selbstverständlich offen. Das Publikum soll sich schließlich selbstständig auch etwas denken.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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