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Von Hans-Dieter Schütt 03.01.2012 / Feuilleton

Dein unverlierbarer Name

»Bell Island im Eismeer«: Neue Gedichte von Ulrich Schacht

Das Boot oben auf dem Bild wirkt fremd, gehört aber unbedingt ins Bild. Ohne das Boot wäre das Bild leer - das doch erst mit Boot wahrhaftig von großer Leere, von gar verhängnisvoller Einsamkeit zu erzählen vermag.

So sind auch die neuen Gedichte von Ulrich Schacht. »Bell Island im Eismeer« ist, in etwa hundert Gedichten, eine Erzählung von Eis und Stein, diese beiden Worte kommen am häufigsten vor, es sind Gedichte, in denen der Mensch ins Leere greift, aber selbst da, wo er ins Leere greift, doch etwas festhält für sein Leben. Ja, man kann die Einsamkeit festhalten, als würde man eine Festgemeinde hereinbitten. Man kann das Unzugängliche behandeln, als wohnte man darin. Tritt einer in dieser Landschaft zur Tür hinaus, »durchschaut er/ die Finsternis mit geschlossenen Augen«.

Schacht, 1951 geboren, ist ein Mensch des Nordens geworden. Er lebt in Schweden, immer wieder zog es ihn in die norwegische und russische Arktis. Er will, um gegen die Kälte zu leben, Kälte spüren. Er erfährt so, was er schreibt: Gedichte gegen den modernen Mitte-Bewohner, der vergessen hat, was er vermissen könnte. Für den, der keine Erfahrungen mehr »im Nebelgarten« macht, gibt es keinen Trost. Worin dieser Trost bestünde? »Wenn du erhörst, was du/ nicht siehst, und erblickst, was du nicht/ hörst nennt die Sekunde dich bei/ deinem unverlierbaren Namen«.

Der Dichter ist ein Bilder-Maler, dem sich Farben, Namen, Klänge zu einem geografisch-mythischen Gewebe fügen, das Tjustgöl mit Troja verbindet, Dörfer und Inseln aufruft, die Rückseite der Sonne, Müllers Philoktet. Vejbystrand, Ny Alesund, Grimsey, Kulusuk, Tylösand; Kirschbäume, Regen, Novembertänze, Herbstbuchten. Und der Gedanke beim Lesen: Wirklich starke Gedichte verwischen zwischen den Dichtern, als gebe es keine Eigenart, sondern nur Bindung. Nur Auflösung in einer Gemeinsamkeit: Es kommt kein Loslassenswunsch auf. Ein Warten, das nur aus Unbestimmtem bestand, hat nun, beim Lesen, ein Ende und wechselt hinüber in eine Bestimmung: du und das Gedicht.

Zu erleben ist in den Strand-, Abendrot-, Wellen-, Traum- und Taggedichten Vehemenz, Unruhe, Strömung, Wucht, also Kraft. Kraft nicht als Protz, sondern als Problem. Schacht steht schauend, fühlend einer abweisenden Welt gegenüber. Deren Wucht wird durchs Gedicht gebremst. Aber sie teilt sich doch mit. Eine eigentlich unglaubliche Balance obwaltet: Das Wilde, Unbezähmbare, dieses sich allen Zugriffen Entziehende und die festlegende dichterische Gestaltung kommen wunderbar miteinander aus.

Offenbar ist im Dichter eine Existenzwut und -trauer zu stillen - und zwar dadurch, dass sie sich in immer riskanteren Bildräumen ausmalt. Polare Lichtausschüttungen, Farbverfinsterungen - ein ins Vorchristliche tendierender Streit findet statt zwischen Ursprung und Urbarmachungstrieb. Einmal, bitte, sagt der Dichter, unser wirkliches Muster, das noch keinen Namen hat! Einmal, bitte, nicht den Fallschirm Zivilisation! Der Mensch in diesen Gedichten wird gerettet werden, nicht gerettet aus Eis und Stein, die liegen in uns. Gerettet wird er werden durch Vertrauen zum Risiko, demütig zu sein. Also durch Kunst.

Es geht ein Sog von diesen Gedichten aus: auf einer Reise zu sein hin zu letzten Orten, wo einer zentralen Erfahrung heftig wie nie nachzulauschen ist. Einer Erfahrung, der jeder Mensch den Beginn seiner Subjektivität verdankt: dem Zusammenprall von fremder und eigener Wahrheit, von Möglichem und Wirklichem, von Bewegung und Festgefrorensein. Zwischen den Wörtern gleichsam viele Gesichter - die Wetter, die Stille einer Sternennacht, das Knirschen des Eises, »der Wind vernarrt ins Schweigen«und das Rasen mondweißer Wellenkämme. Die Gewalt der Natur ist nichts weiter ist als sie selber. Träume vom glücklichen Ende jedes ungewissen Beginnens, sie kreuzen sich mit dem Wissen um Gefangenschaft des Menschen - in den unausweichlichen Gesetzen eines Verwitterns und Verschwindens im Kreislauf einer größeren Ordnung.

Dies Buch ist Beitrag zu einer Poetik von der Ausleerung der Welt. Beim Lesen das Gefühl, als sei alles Leben eines gewesenen Tags durch deckende Schichten an die Oberfläche gestiegen und ans Licht getreten, um irgendwann wieder in einer ungeheuren Tiefe zu versinken. Man wähnt sich, an fernem Gestade, einem Geheimnis der Existenz nahe - und man ahnt, dass alles, was wir Geheimnis nennen, an seinem Ursprung doch absolute Klarheit, Einfachheit, Einfalt war. Und wohl noch immer ist. Frag das Eis, frag den Stein.

»Licht/ Jahre: Die/ Welt scheint, schon/ gestorben, noch/ zu sein.« Glaub's. Und besteig also - in welcher Leere auch immer - das Boot, das unbedingt ins Bild gehört.

Ulrich Schacht: Bell Island im Eismeer. Gedichte. Edition Rugerup Berlin/Hörby. 140 S., engl. Broschur, 17,90 Euro


ES KÖNNTE SEIN, DASS WIR DIE
Welt verändern indem wir
gehn: Leer sind ein Bett ein
Stuhl ein Haus auf einer
Straße keine Spur mehr die
uns folgt an einem Morgen
spiegeln sich im Spiegel
nichts als schön gestrichne
Wände bald fallen Fäden von
der Decke reißen Farben und
werden blaß rieseln herab, und
keine Hand kein Wind die diese
letzte Linie überfliegen: Indem
wir gehn könnte es sein daß
wir die Welt spurlos verändern

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 02. Jan 2012 22:33

    Ohne das Boot wäre das Bild leer

    Ohne hds wäre das nd leer. So kann man sich täuschen. Und es ist wumbaba, daß es Leute gibt, die Tjustgöl mit Troja verbinden.

    • Permalink

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