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Von Anna Maldini, Rom 03.01.2012 / Panorama

30 störrische »Gänse« rebellieren

Frauen aus dem Siena-Stadtteil Oca wollen Pferde-Wahlrecht und werden verbannt

Die Frauen des Stadtteils »Oca« (Gans) aus Siena proben den Aufstand. Sie wollen - wer mag es ihnen verdenken - auch in ihrem Viertel das aktive und passive Frauenwahlrecht durchsetzen. Wenn es gar nicht anders geht, dann auch über die Gerichte. Es geht um das Wahlrecht in einem Komitee, das das Pferderennen rund um den Hauptplatz von Siena organisiert. Doch damit haben sie gegen die ehernen Gesetze der »Gans« verstoßen und wurden jetzt regelrecht verbannt.

»Wenn es Probleme gibt, dann regeln wir die unter uns«, erklärt der Sprecher des Stadtteils »Oca« von Siena Antonio Degortes. »Und wer dagegen verstößt, muss eben mit den Konsequenzen leben!« Streng sind die Sitten in der Stadt Siena oder besser gesagt in ihren mittelalterlichen Stadtteilen, den 17 »Contrade«, die so fantasievolle Namen wie »Giraffe«, »Einhorn«, »Drachen« oder auch »Gans« tragen. Die Verwaltungsorgane der Contrade werden gewählt, sind von der Stadt Siena anerkannt und haben in allen sozialen Belangen eine große Autonomie. Eine der wichtigsten Aufgaben ist allerdings die Vorbereitung des Palio, des Pferderennens rund um den muschelförmigen Hauptplatz von Siena, das zwei Mal pro Jahr stattfindet. »Zugereiste« können nicht verstehen, wie viel Herzblut der »contradaioli« (so heißen die Einwohner der einzelnen Stadtteile) an diesem Rennen hängt; und auch der Zusammenhalt zwischen den Stadtteilbewohnern ist für Außenstehende kaum begreiflich.

Doch kommen wir zu den 30 Frauen aus »Oca« zurück, die es gewagt hatten, sich für die Durchsetzung ihres Wahlrechts sogar an das Verwaltungsgericht zu wenden. Seit Jahren wird im Stadtteil über das Frauenwahlrecht diskutiert (in den anderen 16 Contrade gibt es das seit Langem). Auch die berühmteste Bewohnerin von »Oca«, Rocksängerin Gianna Nannini, hatte sich dafür stark gemacht: Es wurden Versammlungen und Diskussionen organisiert und sogar eine Volksbefragung, bei der die Mehrheit der Stadtteilbewohner 2008 allerdings beschloss, dass die Zeit für das Frauenwahlrecht in diesem Fitzelchen Erde noch nicht reif sei. Schließlich ließen sich die Oberen der Gans aber doch erweichen und legten fest, dass Frauen langsam in die verschiedenen Ämter eingeführt werden sollten, angefangen mit den Ausschüssen, um das allgemeine aktive wie passive Wahlrecht dann in ein paar Jahren zu genießen.

Den rebellischen Frauen ging das aber nicht weit genug. Sie reichten eine Klage vor dem Verwaltungsgericht ein, das sich allerdings für nicht zuständig erklärte. Aber auch damit wollten sich die 30 störrischen »Gänse« nicht zufrieden geben: Sie legten Revision gegen diese Entscheidung ein und forderten das Gericht noch einmal auf, sich mit dieser eindeutigen Diskriminierung zu befassen.

Doch da platze den »Obergänsen« endgültig der Kragen. Einstimmig beschlossen sie, den Frauen eine Lektion zu erteilen, die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden: Sie wurden nach mittelalterlichem Recht verbannt. Nun kann man 2011 selbst in Siena keinen Menschen dazu zwingen, sich einen anderen Wohnort zu suchen, aber ab sofort dürfen die rebellischen Weiber an keiner Aktivität der Contrada mehr teilnehmen, egal ob es sich um Wohltätigkeitsveranstaltungen, Feste oder die Vorbereitung des Palio handelt. Etwas Schlimmeres kann echten Senesen und Senesinnen nicht passieren! Da fühlt man sich wie ein Aussätziger und absolut heimatlos!

Aber möglicherweise ist auch das noch nicht das Ende der Fahnenstange in einer aktuellen Geschichte, die allerdings eher wie eine Erzählung aus längst vergangenen Zeiten klingt. Die 30 Damen wollen jetzt gegen ihre Verbannung klagen! Fortsetzung folgt also vielleicht schon bald.

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