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Von Tom Mustroph 03.01.2012 / Berlin / Brandenburg

Anker für Ortlose

Eine neue Studie unterstreicht die Bedeutung von Residenzhäusern für freie Künstler

In Zeiten knapper Kassen schälen sich Künstlerresidenzen als neue kommunal wie privatwirtschaftlich geförderte Instrumente der Kulturpolitik heraus. Die Initiative PAIR (Performing Arts In Residence), die vom Künstlerhaus Schloss Bröllin bei Berlin ins Leben gerufen wurde und bereits europaweite Ausstrahlung hat, liefert einen ersten Überblick. Sie formuliert zugleich neue Ansprüche. Die aus freien Initiativen stammenden Urheber der Studie sind damit einen konzeptionellen Schritt weiter als die verbeamteten Kulturpolitiker.

Kulturpolitik kennt zwei Gebote an die Adresse der Künstler: Seid mobil und arbeitet international! Wer diesen Geboten nachkommt - und öffentliche Künstlerförderung sorgt mit seinen zwar spärlichen, aber dennoch vorhandenen Mitteln für eine spürbare Drift in diese Richtung - agiert zunehmend ortlos. Doch auch wer ortlos tätig ist, braucht Produktionsinfrastrukturen. Als solche, für die Künstler temporären, aber dennoch mit einem stabilen Gehäuse versehenen Arbeitsstätten haben sich im letzten Jahrzehnt vermehrt Residenzhäuser herauskristallisiert. Die Studie PAIR konstatierte in einer Umfrage unter 100 Residenzhäusern vornehmlich in Europa und Nordamerika, dass die übergroße Mehrheit, nämlich 84 Prozent, nach 1990 ins Leben gerufen wurde. Mehr als ein Drittel entstand gar erst in den letzten zwei Jahren. Die Auftraggeber der Studie interpretierten dies als Reaktion auf die veränderten Produktionsbedingungen vor allem im Bereich von freiem Theater und Performancekunst. »Die Gruppen agieren zunehmend netzwerkartig. Sie sind in internationalen Kontexten unterwegs und selbst international zusammengesetzt. Die Aufgabe, gemeinsame Zeiträume und Produktionsorte zu finden, ist damit komplexer geworden. Residenzhäuser übernehmen zum Teil diese Aufgabe«, meinte Katharina Husemann, eine Mitbegründerin des Künstlerhauses Schloss Bröllin.

Die Studie wies zugleich auf einige Mängel bei den Residenzprogrammen hin. Obwohl sie meist auf internationale Künstler ausgerichtet sind, kommen nur wenige in den Genuss von EU-Geldern. Das stellt eine paradoxe Situation dar. Ähnlich paradox ist die Tatsache, dass die von öffentlicher Hand geförderten Institutionen ihre Mittel zu 100 Prozent aus dem Kulturhaushalt erhalten, zu ihren Aufgaben aber auch Ziele wie die Erhöhung der touristischen Attraktivität der Umgebung und Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung des Umfeldes zählen.

»Warum werden ausschließlich mit Kulturgeldern solche Ziele angestrebt, während aus den entsprechenden anderen Ressorts keine Mittel zur Unterstützung dieser Aktivitäten bereitgestellt werden?«, fragte die Kulturwissenschaftlerin und Mitautorin der Studie Christine Schmalor bei der Präsentation der Ergebnisse in Berlin. Die Frage ist zu Recht gestellt, selbst bei aufkeimendem Verdacht, dass die Betonung von touristischen und ökonomischen Effekten durch Kunst und Kultur im Kultursektor selbst geboren sein könnte und mittlerweile zu einem Begründungsmechanismus für Kulturausgaben überhaupt verkommen ist.

Als zentraler Mangel erweist sich, dass viele Residenzhäuser nicht oder nur unzureichend über Übernachtungsmöglichkeiten verfügen. »Wir brauchen keine weiteren Residenzen des Typus ›Zahl Deine Reise und Deine Übernachtung selbst‹«, lautete eine Quintessenz der Befragung von Künstlerinnen und Künstlern. Sie plädierten eindeutig für das Komplettpaket aus Arbeitsraum, technischer Infrastruktur, Reise- und Übernachtungsmöglichkeiten sowie Projektzuschüssen. Bei der Künstlerbefragung ergaben sich Wünsche nach Arbeitszeiträumen von mindestens einer Woche bis drei Monaten, nach jeweiligen Bedürfnissen auch gestaffelt sowie nach einer kontinuierlichen Anbindung an einmal gefundene und für geeignet erachtete Orte. Eine festere Anbindung könnte auch im Interesse der Residenzhäuser sein, die eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem unmittelbaren Umfeld erwarten. Dies verringert jedoch den Spielraum für die Einladung neuer Akteure.

Als problematisch stellte sich aus Sicht der Künstler die zuweilen undurchdringliche Struktur der Häuser und damit verbunden die wenig transparenten Auswahlkriterien für einen Aufenthalt heraus. Die Initiative PAIR will durch regelmäßigen Austausch zwischen internationalen Residenzorten und den Künstlern zumindest diese Mängel abstellen. PAIR will sich auch für ein stärkeres Gewicht von Residenzprogrammen in der Kulturpolitik selbst einsetzen.

Dass die Studie prägnante Einblicke in die prekäre ökonomische Situation von Künstlern bieten würde, war zu erwarten. 90 Prozent der befragten Künstlerinnen und Künstler bezeichneten sich selbst als professionelle Künstler, aber nur 10 Prozent von ihnen können ihren Lebensunterhalt mit diesem ihrem Hauptberuf verdienen. Jeder zweite beschafft sich sogar die Projektmittel durch Tätigkeiten in anderen Berufen.

Informationen zur Studie sind über schloss broellin e.V., Berlin-Büro: (030) 44 05 55 66, Mail: pair@broellin.de, www.broellin.de zu erhalten.

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