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Von Andreas Fritsche 03.01.2012 / Berlin / Brandenburg
Brandenburg

Auschwitz überlebt

Gelesen

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»Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.« Das sind die letzten Worte, die Erna von ihrer Mutter Jeanette gehört hat. Es war 1943 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Mutter und Tochter mussten sich trennen, weil Erna für einen Transport ins KZ Ravensbrück vorgesehen war. Jeanette wurde bald darauf ermordet. Erna überlebte - und inzwischen erfüllt sie das Vermächtnis ihrer Mutter und berichtet. Sie spricht vor Schulklassen und sie redete mit Gabi Fischer, Marianne Walther und Birthe Weiß, die ihre bewegenden Erinnerungen aufschrieben und veröffentlichten.

Erna kam 1923 in Kaiserslautern zur Welt. Die Mutter war Jüdin und verpasste die Gelegenheit, nach Chile auszuwandern, weil sie die Großmutter nicht allein in Nazideutschland zurücklassen wollte. Ernas Vater starb bereits, als sie sieben Jahre alt war. Dass er kein Jude war, rettete ihr das Leben. Denn in Auschwitz litt Erna an einer Bindegewebsentzündung mit Wunden an den Beinen - so groß wie Fünf-Mark-Stücke. Sie wurde ausgesondert und in den Todesblock 25 gesteckt. Nach einer schrecklichen Nacht fuhr am Morgen ein Lkw vor, der die Häftlinge in die Gaskammer bringen sollte. Die nackten Menschen wurden in den Wagen getrieben und geprügelt. Erna betete: »Lieber Gott, ich möchte leben...«

Da hörte sie einen SS-Mann, der ihre Nummer rief. Sie meldete sich. Erna stand auf der Liste für einen Transport nach Ravensbrück - ein Mischlingstransport, wie sie erst Jahrzehnte danach erfuhr. Wäre der SS-Mann nur Minuten später gekommen, wäre es für die damals 19-Jährige zu spät gewesen. Auf dem Todesmarsch vom KZ Ravensbrück erlebte Erna die Befreiung.

1947 heiratete sie den jüdischen Viehhändler Josef de Vries und zog mit ihm in dessen Heimatgemeinde Lathen im Emsland. Der Mann saß in den Konzentrationslagern Neuengamme, Sachsenhausen und Auschwitz. Dass er überlebte, verdankte er der Hilfe des Kommunisten Kurt Blum. Aber Josefs Eltern, die erste Frau und sein erstes Kind wurden in Auschwitz umgebracht.

Josef und Erna de Vries konnten sich über ihre traumatische Vergangenheit unterhalten. Doch die meisten Nachbarn hat es nicht interessiert. Die Kinder schnappten manches auf, erfuhren aber erst Genaueres, als Erna anfing, Vorträge zu halten. Nach dem Tod ihres Mannes sorgte sie dafür, dass Lathen einen Gedenkstein für die ermordeten jüdischen Bürger erhielt. Sie ist jetzt die einzige Jüdin dort. Wenn sie mit ihrer Enkelin in Israel spazieren geht, dann empfindet Erna de Vries dies als Triumph über die SS.

Erna de Vries: »Der Auftrag meiner Mutter. Eine Überlebende der Shoa erzählt«, Metropol, 112 Seiten (brosch.), 14 Euro

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