Sie dürfte zu den eindringlichsten und gleichsam malerischsten unter den laufenden Berliner Ausstellungen zählen. Eindringlich sind die Fotos, weil sie den Verfall dokumentieren und so, mit den Worten der Fotografen Yves Marchand und Romain Meffre, als Sinnbild auch des menschlichen Schicksals stehen. Und malerisch sind sie, wiederum die zwei Autoren zitierend, als fantastische Landschaften zwischen Traum und Wirklichkeit. Kaum 30 sind die beiden Franzosen, arbeiten seit 2005 zusammen und legen nun als Resultat ihres fünfjährigen Rechercheprojekts »The Ruins of Detroit« vor. Rund 30 großformatige Aufnahmen vom Sterben in Schönheit zeigen sie im Kühlhaus, das selbst noch Ruine ist und durch dessen marodes Gemäuer neben den Fotos Regen tropft, als sei er die Klangkulisse zum Bildinhalt.
Endlose Zeit scheint über die porträtierten Gebäude hinweggegangen, und doch liegt ihre Glanzzeit so lange noch nicht zurück. Denn bis Mitte des 20. Jahrhunderts war Detroit als Stadt der Autos, Motoren und Maschinen eine bedeutende Industriemetropole. Erbaut hat sie der deutschstämmige Architekt Albert Kahn - auf ihn zumindest gehen die abgebildeten Bauten zurück. Etwa das Wohnhaus, das 1893 der vermögende William Livingstone in Auftrag gab: als verwunschenes Märchenschloss mit Zinnen und Türmchen. 1990 trug man es ab, baute es in einem Park wieder zusammen. Ehe es 2007 dort zusammenbrach, hielt das Fotografenduo den Momentanzustand fest: schief, wacklig und wunderschön.
Beeindruckend sind auch die Aufnahmen der offenbar zahlreichen Detroiter Theater. Das United Artists Theater, 1928 eröffnet, gehörte neben weiteren Kinos gemeinsam Chaplin, Fairbanks, Pickford, Griffith und besaß 2000 Sitze; danach diente es ein Jahrfünft dem Detroit Symphony Orchestra als Aufnahmestudio. In seinem spanisch-gotischen Stil mit Stalaktitendekor erinnert es an die Alhambra, würden nicht die unterfütternden Ziegel an vielen Stellen vorlugen. So zerstört ist schon das prachtvoll ornamentierte Michigan Theater, dass ein Auto einfahren konnte. Aufgerissen und wund bieten sich die Ränge mit dem sichtbaren technischen Stützgerüst. Besonders tragisch der Niedergang des 1911 eingeweihten Nationaltheaters: Von der Music Hall sank es zum Kino für Erotikfilme herab, ehe es 1975 geschlossen wurde. Stuck gliedert prunkhaft den gesamten Raum, den die Fotografen aus der Tiefe des Balkons fixiert haben, mit ihrem untrüglichen Sinn für effektvolle Perspektive.
Dem Verfall preisgegeben sind auch einst noble Einkaufsarkaden wie im Lafayette Building. Gläserne Ladenfronten mit Tympanon über den Türen zerbersten, das Deckendekor bröckelt ab. Noch prächtiger mutet die Eingangshalle des Broderick Tower an: Das farbige Kassettengewölbe mit Marmorwänden atmet Aristokratie. Gut 1000 Paare konnten im Vanity Ballroom Charleston, Foxtrott, Black Bottom tanzen. Auf jetzt schuttbedecktem Boden und unter löchrigem Plafond erhebt sich die der Mayapyramide von Chichén Itza nachempfundene Bühnenwand; Jugendstil manifestiert sich im Deckenornament. Wandfarben blättern im Treppenhaus des Ansonia Hotels mit seinem schönen blaugrauen Holzgeländer. Von geradezu kathedralenhafter Bogenarchitektur mit Nischen und Portikus ist der Michigan-Hauptbahnhof, den heutige Graffiti zieren.
Am ärgsten indes hat der Zerfall von ehemaligen Fabrikanlagen Besitz ergriffen, die einst als Synonym für Detroits Wohlstand fungierten. Noch immer imposant ist die Lagerhalle der lokalen Eisenbahn- und Hafenstation mit ihrer verrostenden Technik, den Zylinderkolben und Armaturenbrettern. Eine schier endlose Front wulstiger Säulen trägt jene der 40 Anlagen von Fisher Brothers, wo Karosserien für Marken wie Buick, Cadillac, General Motors gefertigt wurden. In Grün hat Kahn sie 1919 gebaut, knapp 100 Jahre später droht der Zusammensturz.
Bis 10.1., Do.-Sa. ab 18 Uhr, Kühlhaus, Luckenwalder Str. 3, Kreuzberg, Tel.: (030) 21 00 56 05, www.kuehlhaus-berlin.de
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