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Von Fabian Lambeck 04.01.2012 / Inland

Unvollständige Erfassung

Die Zählweise der Bundesagentur für Arbeit ignoriert ganze Betroffenengruppen

Arbeitslosenzahl sinkt auf niedrigsten Stand seit 20 Jahren, hieß es am Dienstag. Ein realistisches Bild der Lage vermitteln die Jubelmeldungen der Bundesagentur für Arbeit allerdings nicht.

Der Bundestagsantrag hatte es in sich: Die Fraktionsmitglieder forderten darin, dass in die Erwerbslosenstatistik »auch all diejenigen Personen (...)einbezogen werden, die arbeiten wollen, aber keinen Arbeitsplatz finden und bislang nicht als arbeitslos« mitgezählt würden. Diese durchaus berechtigte Forderung stammt aus dem Jahr 2004 und wurde - man höre und staune - von der Unionsfraktion erhoben. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Union ist nun Regierungspartei und brüstet sich mit den geschönten Arbeitsmarktzahlen, die immer noch viele der Mängel aufweisen, die man im Jahre 2004 beheben wollte.

Und weil Millionen Menschen nicht erfasst werden, konnte der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, am Dienstag die frohe Botschaft verkündigen: »Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich auch zum Jahresende 2011 positiv entwickelt.« Damit könne man auf ein gutes Jahr zurückblicken, so Weise.

Im vergangenen Jahr seien demnach durchschnittlich 2,976 Millionen Arbeitslose registriert gewesen. Weniger Betroffene habe man letztmals 1991 erfasst. Allerdings rechnet Weise zum Jahresanfang mit einem Anstieg der Zahlen auf dann über drei Millionen.

Insgesamt habe man über das Jahr gesehen etwa 263000 Arbeitslose weniger gezählt als im Jahr 2010, so Weise. Das bedeute einen Rückgang der Quote um 0,6 Prozent auf nun 7,1 Prozent. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) lobte daraufhin in einer Erklärung die »grundsolide Verfassung« des deutschen Arbeitsmarktes. Doch wie solide ist dieser wirklich?

Ein etwas realistischeres Bild der Lage zeichnet die »Unterbeschäftigungsrechnung«, die die BA in ihren Monatsberichten veröffentlicht. So zählte die Bundesagentur im November letzten Jahres mehr als 3,85 Millionen Unterbeschäftigte. Neben Arbeitslosen erfasst die BA hier auch Menschen, die »an Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik teilnehmen oder zeitweise arbeitsunfähig erkrankt sind«. Selbst bei der Nürnberger Behörde hält man diese Zählweise für realistischer, denn damit werde »ein umfassenderes Bild vom Defizit an regulärer Beschäftigung in einer Volkswirtschaft gegeben«, so die BA in ihrem Monatsbericht.

Wie willkürlich die Erfassungskriterien sein können, zeigt das im selben BA-Bericht veröffentlichte Erwerbskonzept der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Das Statistische Bundesamt rechnet nach dem ILO-Konzept und kam für November auf eine Arbeitslosenzahl von lediglich 2,19 Millionen. Die ILO verwendet andere Erhebungsmethoden und Kriterien. Bei ihr gilt die Arbeitslosigkeit als beendet, wenn der Betroffene eine Stunde pro Woche arbeitet. Die BA ist hier etwas ehrlicher und zählt auch jene mit, die weniger als 15 Stunden wöchentlich tätig sind.

Vollkommen ignoriert werden hingegen Menschen, »die zwar Arbeit suchen, jedoch im Moment kurzfristig für eine Arbeitsaufnahme nicht zur Verfügung stehen«, wie das Statistische Bundesamt moniert. Auch Personen, »die aus verschiedenen Gründen keine Arbeit suchen, aber grundsätzlich gerne arbeiten würden und für diese Arbeit auch verfügbar sind«, werden nicht erfasst. Das Bundesamt selbst schätzte diese »Stille Reserve« im Juni 2010 auf etwa 1,2 Millionen Personen. Die Statistiker zählten zudem 8,6 Millionen Bundesbürger, die gerne mehr arbeiten würden, als sie es derzeit tun. Neben den Erwerbslosen seien dies vor allem »unterbeschäftigte Erwerbstätige und Personen in der Stillen Reserve«. Für die Betroffenen bedeute dieser »unerfüllte Wunsch nach Arbeit oder Mehrarbeit mitunter starke Einbußen in der Lebensqualität«.

Ganz grundsätzlich mahnt das Statistische Bundesamt: »Die Erwerbslosenquote allein betrachtet, bildet das mögliche Arbeitskräfteangebot jedoch nur unvollständig ab.«

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