Der Titel klingt sarkastisch: Ein »Paradies« mag versprochen gewesen sein, aber die Wirklichkeit »nach der Mauer« war alles andere als das. Allerdings war die Autorin 1989 noch viel zu jung, um sich derlei Illusionen zu machen. Mit fünf Jahren blickt man nicht auf den Mantel der Geschichte, da soll das ganze Umfeld mit Mama, Papa, Kindergarten wärmend und sicher sein. Wenn auf der Straße irgendwelche Leute brüllen »Rote Socken raus«, versteht man das nicht.
Wie nähme sich der Beginn des Buches aus der Sicht der Mutter aus? 1995, Februar, Faschingszeit: Sie hat der zehnjährigen Tochter ein Indianerkostüm genäht. Morgens ging Andrea damit zur Schule. Und als am Nachmittag der große Globus-Supermarkt eröffnet wird, ist sie mit der Mutter dabei. Als Indianer, aber das tut nichts zur Sache. Sie soll nicht stören und nicht nach Süßigkeiten quengeln. Die Mutter ist beschäftigt, das Angebot zu prüfen und bereut vielleicht schon, sich so ins Gedränge geworfen zu haben. Ihre Lebensfreude hat gelitten.
Einst promovierte Wissenschaftlerin in einem Weimarer Agrarinstitut, ist sie in die Arbeitslosigkeit gestürzt. Umschulung. Nun ist sie wenigstens Sachbearbeiterin. Ihrem Mann, auch Wissenschaftler, geht es noch schlechter. Ihm hängt seine SED-Funktion an und vielleicht noch eine weitere Akte. Er sitzt auf dem Sofa, schaut alte Filme und trinkt.
Kennen Sie Geschichten dieser Art? Zur Genüge! Aus der Sicht von Erwachsenen ist über das, was man »Wende« nennt oder »Umsturz«, schon oft geschrieben worden. Aber Andrea Hanna Hünniger ist die erste, die es so genau beobachtend aus der Sicht eines Kindes tut.
Das Kind, das mitgenommen wird in besagten Supermarkt, zum Arbeitsamt, zum Computerkurs - die Erwachsenen glauben es versorgt, es geht inzwischen auch schon zur Schule. Das kleine Mädchen, dem eigene Probleme nicht zugetraut werden, das dann aber doch in der Kinderpsychiatrie für die Mutter einen Seidenschal bemalt, das später irgendwann Gras raucht und sich mit psychogenen Pilzen beschäftigt. Die 14-, 20-, 25-Jährige, die alle Kraft zusammennehmen muss, die Welt zu verstehen. Wobei die Eltern, die Lehrer, überhaupt die Erwachsenen ihr wenig helfen.
Denn die haben mit sich selbst zu tun. Wer damals Mitte 30, 40 war und Kinder hatte, bekommt hier einen Spiegel vorgehalten: Ja, so waren wir in dieser spannenden Zeit. Wir wollten uns orientieren in fremder Umgebung, standen dauernd unter dem Druck, irgendetwas - was eigentlich? - nicht zu verpassen. Eine Frist, eine Lebenschance oder nur ein Sonderangebot? Verfolgten am Fernseher den Zusammenbruch der DDR und nahmen die Kinder mit ins West-Kaufhaus, um ihnen vielleicht vom Wühltisch für 10 Mark Trainingshosen auszusuchen. Verlangten, nachdrücklicher als früher, gute Noten, weil das die Weichenstellung wäre. Als ob es verschiedene Züge in die Zukunft gäbe und man schnellstens den richtigen erwischen müsste. Wir spürten früh, dass die guten Plätze nicht für alle reichen würden und wir uns beeilen müssten. - Und da legt sich im ersten Absatz dieses Buches ein 14-Jähriger mit einem Kissen auf die Schienen - als Indianerhäuptling - und wird vom ICE Richtung München »zermatscht«. Warum Florian das tat, Andrea Hanna Hünniger wird es uns nicht erklären, denn damals hörte sie von den Mutmaßungen der Erwachsenen nichts.
In klarer Sprache berichtet sie, was sie in jener Neubausiedlung in Weimar erlebte und später im Dorf jenseits des Ettersberges, wohin ihre Eltern zogen. Wobei die Erinnerungen, von heute aus erzählt, bisweilen einen Unterton haben, der aus jetziger Einschätzung kommt. Detailgenaue Beobachtungen: wie ABM-Leute Stiefmütterchen pflanzten und es noch im Herbst nach »Bergfrühling« roch. Als ob man glücklicher werden würde, »nur weil es Weichspüler für alle gibt«. Wie sich die Frauen plötzlich blonde Strähnen färben ließen. Wie in den Plattenbauten bald keine Kinder mehr wohnen, wie aus dem Kindergarten ein Jugendzimmer wurde, das die Neonazis besetzten. Die mit den weißen Schnürsenkeln kämpften gegen die mit den roten. Wie irgendwelche alten Männer mit roten Nelken im Knopfloch sich zu einem Begräbnis versammelten und über ihre Zeit bei der Kampfgruppe palaverten. Wie ein Abgesandter der Friedrich-Naumann-Stiftung den Schülern die DDR erklären wollte. Wie der Rechtsanwalt aus dem Westen von den Frauen des Dorfes angehimmelt wurde. Wie ein Prinz ein verfallenes Schloss kaufen und zum Weingut machen wollte, aber die Bauern waren dagegen. (Wer aus Weimar stammt wie ich, hat von dem Geschehen in Kromsdorf schon gehört und wird auch manch anderes wiedererkennen.) Friedrich Schorlemmer, Christa Wolf, Markus Wolf und Manfred Krug kommen vor, so unterschiedlich, wie die Erwachsenen sie sehen. Wie der Vater aus einem Parkhaus in Cannes nicht herausfand, weil er das Wort »Sortie« nicht kannte. Immer wieder Befremden: Als ob zwischen den Generationen schon eine Kluft oder eine Mauer sei.
Es liegt in der Kunst der Autorin - oder in ihrer Wahrhaftigkeit -, nicht zu dick aufzutragen. Wenn es einen Konflikt mit den Eltern gibt, dann nur unterschwellig. Sie wirft ihnen nichts vor, eher tun sie ihr leid, weil sie so eingeknickt sind. Nur langsam richten sie sich im neuen Alltag ein. Dann aber möchten sie nach vorn blicken und nicht mehr nach der DDR gefragt werden.
»Für mich ist die DDR so weit weg wie das Inkareich Tawantinsuyu«, bekennt Andrea Hanna Hünniger. Wäre es wirklich so, hätte sie dieses Buch nicht geschrieben. Die Vergangenheit, so sagt sie an anderer Stelle, sei »wie eine verscharrte Leiche, die nur als Zombie in Form von Talkshows oder Quizshows zu uns zurückkehrt und die wir nicht verstehen. Die Geschichten in - sehr gut recherchierten Fernsehdokumentationen decken sich nicht mit dem, was wir in den Gesichtern unserer Eltern sehen, aber nicht entschlüsseln können. Wir wissen nicht, wer unsere Eltern sind, wir wissen nicht, aus welchem Land sie kommen, wir wissen manchmal nicht, was wir ihnen zum Geburtstag schenken sollen. Denn das teure Zeug lehnen sie natürlich ab ...«
Wir: Die Autorin spricht für eine Generation. In die Erinnerungen eingebaut sind gelungene essayistische Passagen, die ihre verdichtete Erkenntnis sind. Sie hätte nichts dagegen, wenn man ihr widerspricht. Sie will die Debatte und müsste eigentlich, mehr noch als Charlotte Roche, im Lande herumgereicht werden. Ihr Buch müsste auf Bestsellerlisten stehen. Aber dazu ist es wohl zu widerborstig, unbequem gegen diese und jene Seite.
Lange sei es ihr erschienen, als ob »die Einheit ... ein Raubzug, ein Kahlschlag... eine Brandrodung« gewesen sei. Aber wie sie uns gegenübertritt, ist sie nicht versehrt. Sie ist frei - sogar von Ängsten. Ist mit allen widersprüchlichen Erfahrungen so herangewachsen, dass sie keine Utopie und dennoch Ideale hat. Dass sie nicht hinnimmt, was man ihr sagt, sondern sich ihre eigenen Gedanken macht - über den Kapitalismus, über Revolutionen, den Zweiten Weltkrieg, den Großkonzern SED und die psychologischen Folgen, wenn Menschen von einer Gesellschaftsordnung in die andere fallen. Sie möchte nicht mit der DDR identifiziert werden, weil sie diese nicht bewusst erlebte. Aber das Buch handelt genau davon: vom Nachklang und von den Fragen, die bleiben.
Andrea Hanna Hünniger: Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer. Klett-Cotta. 217 S., geb., 17,95 €.
haben mich schon zu DDR-Zeiten angestunken. Direkt aus Genthin und nicht zu knapp.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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