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Von Hans-Dieter Schütt 04.01.2012 / Feuilleton

Bruder Dagobert

Morgen wird Uli Hoeneß, also der FC Bayern München, sechzig

Das Leben stellt, in verschiedenen Schattierungen, nur immer diese eine Frage: Geld oder Liebe? Die Kunst sagt: Liebe. Deshalb haben Geldleute gewöhnlicherweise nichts Gutes in der Kunst zu erwarten. Und deshalb gehören Manager auch nicht ins Feuilleton. Mit einer Ausnahme: wenn einer schillert. Nur dann. Dann aber unbedingt. Schillern ist mehr als glänzen.

Uli Hoeneß schillert sehr. Er ist unendlich reizvoller als die gesamte Gilde der Bayernkritiker, all dieser Obmännlein einer mühsam aufrecht erhaltenen Pflicht zur Kritik am Stammhaus des deutschen Profifußballs. Dem einzigen Zirkus. Dem einzigen Theater. Der einzigen Attraktion. Der einzigen wirklichen Massenorganisation. Dem einzigen Paradies mit angeschlossener Hölle.

Hoeneß, drei Jahrzehnte Manager, jetzt Präsident des FC Bayern München. Ein Letzter seiner Art. Ein Pate. Ein Tycoon. Ein Falstaff. Ein Temperamentsverschwender ganz aus der Kraft eines leib- und lederhosenfesten Dagobert-Duck-Talents. Aber kein Onkel Dagobert, eher Bruder. Der FC Bayern wurde durch ihn gelingender Kapitalismus, so wie jeder gute Hollywood-Film gelingender Kapitalismus ist, und gelingender Kapitalismus hat hohen Unterhaltungswert - noch die Krisen des Vereins bieten mehr Stoff als anderer Mannschaften lauwarme Arbeitssiege. Welch ein Talent, die Welt in zwei Teile zu hauen. Liebe und Hass, Pro und Kontra - der FC Bayern ist der letzte Auslöser ideologischer Kämpfe. Das muss man erst mal schaffen am sogenannten Ende der Geschichte.

Uli Hoeneß saß als Manager neben dem Trainer, auf der Mannschaftsbank. Union von Plebejer und Papst, von Malocher und Majestät. Da war Zornesmasse, Fieberexzess, festgeschnallte Ruhe (Ausdruck eines mühsam beherrschten Gefühlsstaus). Die Elf kämpfte im Schweiße ihres Angesichts, das Uli Hoeneß gehörte. Er passt nicht auf Tribünen, seine Präsenz hat dort etwas Angeschraubtes. Er verströmt als Bayer das stockbäurisch Hochgemute und das knochenhart Ortsfeste.

Vor Jahren hat er als Einziger von vier Insassen einen Flugzeugabsturz überlebt. Da er beim Unglück schlief, erlitt er es nicht bewusst und konnte fortan mit ungetrübtem Gemüt weiter fliegen. Auch bei einem Autounfall entkam er dem Tod nur knapp. Er ist seit diesen Erfahrungen ein Wurstfabrikant mit metaphysischer Tuchfühlung. Sebastian Deisler nennt ihn »gütig«, Mehmet Scholl bezeichnet ihn als »Freund«. Hoeneß hat der sozial abgestürzten Stürmer-Legende Gerd Müller und anderen zurück in den existenziellen Halt geholfen, er hat den kost-baren Bayern-Ruf in Spendengeld für den wegdriftenden FC St. Pauli verwandelt. Er ist tolerant, freilich: Seine Toleranz herrscht, sie lässt nicht bloß zu. Er ist unter Marktwirtschaftlern der charaktervoll soziale Marktwirtschaftler, er ist es wohl vor allem aus dem Geist der eigenen Tragödie.

Denn: Da war einer in seiner Kindheit und Jugend wie besessen dem Ball hinterhergerannt, war immer ein müder Schüler, weil er sich täglich um vier von seinem Vater für den Waldlauf wecken ließ, »ich war wie ein Tier«. Da trainierte einer also Kraft, Ausdauer. Da wurde einer zwar Welt- und Europameister (unvergessen sein verschossener Elfmeter im Finale der EM 1976) - aber die Fügung eines gnadenlosen Schicksals erlaubte ihm doch nur eine Frist von ganzen fünf Jahren schmerzfreier Profilaufbahn. Der Rest von vier Spiel-Zeiten, 1975 bis 1979: nur Flickwerk am Kniegelenk.

Jeden Donnerstag muss er damals punktiert werden, um am Wochenende spielen zu können. Bis ihm der Masseur zusteckte: Man wolle ihn, quasi über sein Knie hinweg, verkaufen. »Als ich das hörte, habe ich geschworen: Wo ich arbeite, darf ein Mensch so nie behandelt werden. Härte im Geschäft ja, aber nicht Herzlosigkeit«. Hoeneß im nd-Interview.

Ein planvoller Provokateur ist er, nicht nur Poltergeist aus bloßem Abgrund der Launen. Er hat mit offener, wohlüberlegter verbaler Attacke - die ihm ganz Deutschland zunächst übelnahm, bis Christoph Daum, zu selbstsicher, eine Haarprobe einreichte - einen koksenden Bundestrainer verhindert. Noch Fehleinkäufe hielten ihn menschlich, und wenn er seit zwei Jahren nicht mehr managt, ist dies Abgesang einer Handwerkskunst jenseits moderner Displayboys. Er hat keinen Computer im Büro, schrieb nie SMS; für Talks im Fernsehen lehnt er jedes Vorgespräch ab. Er redet, dass ihn der »Bild«-Leser versteht, aber die FAZ nicht die Lust verliert, ihn als klug zu interpretieren.

Momente im Hoeneß-Leben: In einem Hotel wartet die Juniorenmannschaft der Bayern lange auf ihren Kapitän Uli. Der Junge wird bei den Angestellten gefunden, sie umringen ihn, er macht ihnen aufstachelnd klar, dass sie unterbezahlt seien und also unbedingt mehr Lohn fordern müssten.

Mit Paul Breitner aus Freilassing bewohnt er drei Jahre eine WG, sie spielen gemeinsam in allen Schüler- und Juniorenmannschaften. An der Wand ein großes Che-Guevara-Plakat. Hoeneß wird den Wehrdienstverweigerer Breitner vor der Polizei verstecken.

Sein erster Arbeitsvertrag als Manager schließt Gewinnprozente ein. Er lässt ihn bald ändern. »Der FC Bayern hätte sich dumm, dämlich und arm an mich gezahlt.«

Bei einer Veranstaltung mit Theo Waigel ist es der CSU-Politiker, der am Ende fragt, ob auf dem Rand der begehrten Hoeneß-Autogrammkarten auch er unterschreiben darf.

Bei Hoeneß ist die Ausbeutung der Körper ein ehrliches Geschäft, das man gern mit Liebe, Leidenschaft, Tugend verwechseln darf. Man sieht seinen Geschäftssinn seit jeher völlig falsch, wenn man dahinter nur den Ab-Rechner, nicht aber den Utopisten des Spiels sieht. Nur ist er eben davon überzeugt, dass auch das Sportschöne und alles Hintergrundwirkliche der Ballkunst - wie alles im Leben der Kaufleute - nur mit handfest hohen Preisen zu bewegen ist. Als Trainer Jürgen Klinsmann im Fernsehen seine Meditations-Techniken mit Supervision und Buddha-Statuen präsentierte, staunte Hoeneß im Fernsehen ehrlich offenen Mundes. Dann schloss er den Mund, um einen einzigen Satz zu sagen. »Ich finde das ganz, ganz toll.« Pause, lange Pause. Nachsatz: »Leider schießt das alles keine Tore.«

Javier Marias, der spanische Schriftsteller, bezeichnete Hoeneß als »letzten Kaufmann mit Seele, der einzige, dem man nie übelnähme, wenn er statt von Menschen von Einkäufen redete«. Hoeneß redet nicht so. Wie es zu seinem Wesen zu gehören scheint, über das Gute, das er tut, wenig zu reden. Und das Gute in einem Geschäft ist immer der Gewinn, der es ermöglicht, ein Gebender zu sein.

Das reiche Leben, so erzählt die Causa Hoeneß, verrät sich an seinem Überfließen. Dieses Leben hat immer etwas übrig, ohne finanziell leichtsinnig zu werden. Es ermöglicht Spiele. Fußballspiele. Mehr nicht. So viel!

Morgen wird Uli Hoeneß 60.

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