In einer der fünf Erzählungen führt die Fantasie auf erschreckende Abwege. Aber das liegt daran, dass der Geschichtslehrer Maurice Plisson so gar nicht darin geübt ist. »Fakten, nichts als Fakten!« war stets seine Devise. »Ich, und Romane lesen? Niemals!« Doch dann sieht er sich in einem einsamen Ferienhaus plötzlich doch zu einem Thriller verführt, weil von einem geheimnisvollen Manuskript die Rede ist. Wird ihm womöglich eine historische Entdeckung versprochen? »Miserable Bücher« - der Titel der Geschichte klingt ironisch, denn Eric-Emmanuel Schmitt macht sich einen Spaß mit dem armen Verstandesmenschen Plissot. Andererseits wäre es nur zu verständlich, wenn er sich selbst von jenen Schökern abgrenzen wollte, die in Supermärkten liegen.
Eric-Emmanuel Schmitt darf seit seinem ersten Roman »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran« zwar durchaus als Bestsellerautor gelten, doch könnten ihm gerade deshalb Berufskollegen suspekt sein, die ihre Bücher wie am Fließband verfertigen und damit ebenfalls Erfolg haben. Der promovierte Philosoph (Thema »Diderot und die Metaphysik«) und Gewinner des »Prix Goncourt de la Nouvelle« von 2010 ist auf Fotos stets verschmitzt lächelnd zu sehen. Er schreibt, weil es ihm Spaß macht, hatte aber in seinen Romanen immer auch ein aufklärerisches Anliegen. Den »Leser in Gebiete zu führen, in die er sonst nicht vordringen würde«, so nannte er es in einem Interview. Wir sollen etwas durchdenken, was als Frage schon lang in uns ist, könnte man hinzufügen. Und dann möglicherweise etwas klarer sehen.
Dieser Glaube, etwas klären zu können, unterscheidet Eric-Emmanuel Schmitt sicher von anderen Autoren, denen das Verworrene in sich selbst und in der Welt so undurchdringlich scheint, dass es nur kunstvoll konstatiert werden kann. Alles andere würde als Beschwichtigung inneren Aufruhrs, als Verkleisterung äußerer Misere erscheinen. Vielleicht ist Schmitt weniger verquält, hat er das glückliche Naturell, in sich zu ruhen und deshalb an der Welt auch Freude zu haben. Aber er kommt uns nicht mit Lebensrezepten. In klarer Sprache werden die Klärungen dennoch nicht fertig serviert. Alles bleibt in sich widersprüchlich, es könnte einem aber geholfen werden, das Widersprüchliche zu durchschauen. Erbauung - der langjährige Hochschullehrer wischt den Argwohn beiseite, der sich heute mit diesem Begriff verbindet. Warum nicht, er will uns was sagen.
Das neue Buch handelt, wie der Titel ahnen lässt, von Gedankenwelten. Abbildungen von Realität, die mit dieser nicht übereinstimmen müssen. Projektionen, Vorstellungen, Wünsche, Träume eben. Subjektive Spiegelungen, das macht die Verständigung schwierig. Dinge, die der Mensch für sich behält, die auszusprechen riskant ist. Jemand kann sich täuschen und aus solcher Überzeugung handeln, später dann absichtsvoll andere belügen und dadurch ganz den Boden unter den Füßen verlieren (»Ein perfektes Verbrechen«). Oder: Wenn man einer Frau oft genug sagt, sie sei schön, wird sie es glauben und sich durch diesen Glauben womöglich tatsächlich verändern (»Die Heilung« - eine wunderbare Geschichte über die Macht der Affirmation).
Manchmal aber muss der Zweifel übermächtig werden, wie in der Titelgeschichte »Die Träumerin von Ostende«. Emma van A., eine alte Jungfer im Rollstuhl, vertraut dem Ich-Erzähler das Geheimnis ihrer großen Liebe an. Sie sei als junges Mädchen beim Spazierengehen am Strand (sie hinkte damals schon merklich, was sie verschweigt) einem nackten Mann begegnet. Nicht irgendeinem, sondern einem blendend schönen, einem echten Prinzen obendrein, mit dem sie bald eine Liaison verband, die nicht an die Öffentlichkeit durfte. Eine Leidenschaft, die ihre spätere Einsamkeit vergoldete und die hier in allen Farben ausgemalt wird. Der Ich-Erzähler, Schriftsteller wie der Autor, kann es verstehen, zumal er die Frau von Büchern umgeben sieht. Vermag Lektüre nicht, Unausgelebtes auszugleichen? Innere Realität, die der äußeren überlegen ist? Wir meinen zu wissen, worauf der Autor hinauswill, und werden dann doch überrascht, aus unserem Konzept gebracht ...
Was möglich und was unmöglich ist, niemals können wir ganz sicher sein. Und so kommt uns am Schluss »Die Frau mit dem Blumenstrauß« entgegen, um uns den Triumph eines Glaubens zu verkünden, mit dem sie die Wirklichkeit womöglich bezwungen hat.
Eric-Emmanuel Schmitt. Die Träumerin von Ostende. Erzählungen. Aus dem Französischen von Inés Koebel. S. Fischer Verlag. 285 S., geb., 18,95 €.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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