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Von Anouk Meyer 05.01.2012 / Berlin / Brandenburg

Hamlet im Sturm

»Lost Love Lost«: Theater RambaZamba spielt Shakespeare

Hamlet hat die Nase voll. »So kann ich nicht arbeiten!«, ruft er erzürnt. Sein Kollege fuchtelt unablässig mit den Händen herum, ein anderer »will immer nur den scheiß Löwen spielen«, der dritte versteht nichts. Da kann man selbst als Profi mal die Fassung verlieren, zumal wenn man um sein Leben spielt.

Und Profis sind sie alle, die wunderbaren Darsteller des Theaters RambaZamba. Zwar haben sie durchweg mit Handicaps zu kämpfen, leiden unterm Down-Syndrom oder sitzen im Rollstuhl. Doch machen sie kein mitleidig belächeltes Behinderten-Theater, sondern echte Bühnenkunst, vielfach ausgezeichnet. Etliche große Stoffe haben sie schon auf die Bühne gebracht, von »Orpheus und Eurydike« bis »Medea«; diesmal wagt sich die Truppe an Shakespeare. Zum ersten Mal hat Regisseurin Gisela Höhne in »Lost Love Lost« mit den beiden Theatergruppen gearbeitet, lässt mehr als 30 Darsteller im »Sturm« aufeinanderprallen und einen Streifzug durch Shakespeares große Tragödien unternehmen: Hamlet, Richard III und Othello bekommen hier ein neues Gesicht, und doch sind die Kernfragen dieselben - es geht um die Abgründe menschlicher Gefühle, um Liebe, Eifersucht, Rache, es geht um ungebremste Lust am Spiel und um Kommunikation: Wann glückt diese, wann nicht?

Geschickt haben Höhne und Dramaturg Hans Nadolny, letzterer vielen vom DT bekannt, die Klassiker des großen Elisabethaners zu einem Stück verwoben, das voller magischer Momente steckt und ebenso voll Witz - nicht selten auf eigene Kosten. Offensiv treibt die Truppe Späße mit den eigenen Schwächen, etwa wenn Antonio auf die Forderung seines Bruders Prospero, dessen Geschichte nachzuspielen, murrt: »Da kann ja jeder kommen! Machen wir gleich ne Therapiestunde.«

Denn klar, im Theater RambaZamba wird Shakespeare nicht klassisch nachgespielt. Als Rahmenhandlung dienen Versatzstücke aus »Der Sturm«: Eine Schauspielertruppe reist per Schiff zu einem Festival, als ein Sturm sie auf eine wüste Insel verschlägt. Dort herrscht der frühere Theaterleiter Prospero, den das Ensemble Jahre zuvor von seinem Posten vertrieben hat und der nun Rache üben will. Er zwingt die Schiffbrüchigen, Shakespeare zu spielen, um ihr Leben zu retten. Doch Rollen und Realität vermischen sich. Prosperos gehörlose Tochter Miranda (Rosemarie Walter) verliebt sich in Othello (Moritz Höhne), Antonio, der Regisseur der Truppe, spinnt Intrigen, selbst Monster Caliban zeigt menschliche Gefühle.

Bunt und emotional geht es in dieser Shakespeare-Variante zu, man muss die Originalstücke nicht kennen, um Spaß an der Inszenierung zu haben. Und wie immer in den Stücken dieses Theaters wird für Respekt im Umgang mit Behinderten geworben. Etwa wenn eine Diskussion darüber entsteht, ob ein »Krüppel« den Romeo spielen könne. »Blutet er nicht, wenn Du ihn stichst, stirbt er nicht, wenn er Gift trinkt? Kann er nicht den Romeo spielen?«, argumentiert einer, worauf Schurke Antonio knapp antwortet: »Na klar, wenn er den Text behalten und auf den Balkon klettern kann.«

Dabei hat es eine Weile gedauert, erzählt Gisela Höhne, die zwei Gruppen des Theaters zu einer zusammenzuschweißen. Die Neueren hatten zuerst eine Riesenscheu vor den erfahrenen Bühnenprofis. Jetzt aber sind sie eine große Truppe, geeint durch die gleiche unmittelbare Spielfreude.

Bis 10.Januar, 19 Uhr; Theater RambaZamba

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