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Von Marcus Meier 05.01.2012 / Inland

Wenn das Pflichtgefühl treibt

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft könnte Kanzlerkandidatin werden

Zufälle nutzen ihr, ihr Zaudern schadete nicht: Hannelore Kraft stieg in Nordrhein-Westfalen und der SPD kometenhaft auf. Wird die NRW-Ministerpräsidentin nun sozialdemokratische Kanzlerkandidatin?

In der SPD mehren sich die Zeichen, dass es einen weiteren Kanzler-Kandidaten-Kandidaten geben wird neben der »Männer-Troika« aus Parteichef Sigmar Gabriel, Helmut-Schmidt-Liebling Peer Steinbrück und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Der mögliche vierte Kandidat ist eine Kandidatin: Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens und stellvertretende Vorsitzende der Bundespartei, wird in diesen Tagen auffallend oft gelobt.

So preist SPD-Vorstand Aydan Özoguz die Erfolge der Mülheimerin, nämlich Krafts »hervorragendes Ergebnis« bei deren Wiederwahl zur stellvertretenden Parteichefin. Kraft konnte Anfang Dezember in der Tat 97,2 Prozent der Parteitagsdelegierten hinter sich bringen. »Die SPD ist längst reif für eine Kanzlerin«, sagte Özoguz nun dem »Hamburger Abendblatt«.

Noch weniger diplomatisch trat kurz darauf Veith Lemmen in die Pedale: Die SPD »wäre gut beraten, Hannelore Kraft als Kandidatin um das Kanzleramt ernsthaft in Betracht zu ziehen«, so der Chef der Jungsozialisten in NRW. Kraft leiste gute Arbeit, genieße »hohes Ansehen in Land und Bund« und würde bei einer Bundestagswahl »beste Chancen« haben. Auch die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) warf sich für Genossin Kraft in die Bresche. Eine Kandidatin sei überfällig, betonte ASF-Vorsitzende Elke Ferner. »Das könnte dann mit Sicherheit Hannelore Kraft sein.«

»Kraft ist der neue Liebling der SPD«, befand unlängst selbst der »Berliner Kurier«, der Frauen ansonsten eher leicht bekleidet denn im türkisen Sakko der Macht schätzt. Das »Traumergebnis« der »Kandidatin der Herzen« bei ihrer Wiederwahl zur SPD-Bundesvize sei »für viele bereits der K-Ritterschlag der Basis«.

Offiziell will die SPD die Kandidatenfrage erst zur Jahreswende klären, doch Altkanzler Gerhard Schröder mahnte unlängst zur Eile. In Umfragen liegt Steinmeier vor Steinbrück und Gabriel, der sich offensichtlich gerade als starker Mann seiner Partei profilieren will. Das könnte erklären, warum Krafts Truppen gerade jetzt in Stellung gehen.

Was die Politik betrifft, ist Kraft Quer- und Späteinsteigerin; gleichwohl führte ihr Weg steil nach oben. Im Jahr 2000 kandidierte die damals 39-jährige Ökonomin erstmals für den NRW-Landtag. Von der Partei nominiert worden sei sie »zur allgemeinen Überraschung«, auch der eigenen, plauderte Kraft offenherzig auf ihrer Webseite.

Im April 2001 berief Wolfgang Clement Kraft zur Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten. In ihrer ersten Pressekonferenz entfleuchte ihr im Angesicht der Journalistenmeute gut vernehmbar der Satz »Ach, du Scheiße«. Im Jahr darauf wurde sie Ministerin für Wissenschaft und Forschung und führte erstmals landesweite Studiengebühren ein. Die unsoziale Unimaut galt zunächst nur für sogenannte »Langzeitstudenten«, war dennoch ein Dammbruch.

Nach der (übrigens von Peer Steinbrück) aus SPD-Sicht verlorenen Landtagswahl 2005, als diese Jobs als wenig attraktiv galten, rückte Kraft zur Fraktions- und Landeschefin, schließlich zur Spitzenkandidatin der NRW-SPD für die Landtagswahl 2010 auf.

Beim Urnengang verlor die SPD weniger Stimmen als die CDU. Kraft galt als Siegerin. Doch alle Sondierungsgespräche mit CDU, FDP und Linkspartei scheiterten. Die zunächst zaudernde Kraft wurde von den Grünen (und vielen Genossen) solange bedrängt, bis sie die Macht im Rahmen einer rot-grünen Minderheitsregierung übernahm.

Eine Kanzlerkandidatin Kraft? Ralf Michalowsky ist von dieser Idee nur ein Stück weit begeistert: »Immerhin, Nordrhein-Westfalen würde einiges erspart bleiben«, sagt der LINKE-Landtagsabgeordnete. »Frau Kraft kann nicht regieren, hat keine stringente Linie, ist nach allen Seiten offen.«

Kraft selber tut derweil das, was sie am besten kann: Sie zaudert. Zur K-Frage hat sie sich bisher nur ausweichend geäußert, eine Kandidatur weder angekündigt noch ausgeschlossen. »Vertraute« lassen sich mit den Worten zitieren, ihr Pflichtgefühl könnte Kraft zu einer Kandidatur treiben.

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