Nicht nur gegenüber dem Abgeordneten Bodo Ramelow beklagten sich Thüringer Polizisten, die mit den Untersuchungen zu der sogenannten Zwickauer Zelle betraut sind, dass ihnen Leute aus den »Diensten« auf »den Füßen herumstehen«. Klar, dass der Landes- wie der Bundesverfassungsschutz ein gesteigertes Interesse haben, als erste zu wissen, was die Kriminalisten über Verwicklungen des Inlandgeheimdienstes in die rechtsextremistische Terrorzelle ermitteln. Dass der Militärische Abschirmdienst (MAD) in Erfahrung bringen möchte, ob die Terroristen über Sprengstoff aus Bundeswehr-Depots verfügen und wer sich als Reservist »fit« hält, macht auch noch Sinn. Was aber interessiert den Bundesnachrichtendienst (BND)?
Offiziell hat der Auslandsgeheimdienst bislang nichts zu tun mit Neonazi-Terroristen, die in Deutschland Banken überfallen und zehn Menschen ermordet haben sollen. Wofür es übrigens bislang keinen gerichtsfesten Beweis gibt. Die Ceska-Pistole, die bei den in Eisenach angeblich durch eigene Hand zu Tode gekommenen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gefunden wurde, kann nur als Indiz gewertet werden. Sie ist bei acht Morden benutzt worden. Von wem?
Die Untersuchungsgefangene Beate Zschäpe, Dritte im Terror-Bund, schweigt. Eine Bekenner-DVD, gleichfalls nur Indiz, verweist auf die beiden Toten. Doch an den Tatorten gibt es keine Spuren, die diese These stützen. Verschwommen ist das Motiv der Morde. Das Bundeskriminalamt (BKA) verweist auf rassistischen Wahn und Ausländerfeindlichkeit. Das klingt wahrscheinlich, erklärt aber nicht den gewaltigen Aufwand, den die mutmaßlichen Mörder jedes Mal betrieben haben. Sie fuhren für die Hinrichtungen Hunderte Kilometer, scheuten kaum Kosten, überließen nichts dem Zufall.
So verhalten sich für gewöhnlich Auftragskiller, die für das Organisierte Verbrechen arbeiten oder die Drecksarbeit von Geheimdiensten erledigen. Wie man unter anderem aus Erinnerungen des Top-Terroristen Carlos weiß, ist das ein einträglicher Job. Die Aufklärung solcher Netzwerke ist nicht nur eine Nummer zu groß für Thüringer Verfassungsschützer oder Ermittler des Erfurter Landeskriminalamtes.
Die fragen sich aber schon, wovon das untergetauchte, nicht arbeitende Terrortrio fast 14 Jahre lang lebte. Was sie bei ihren Raubzügen in Banken erbeutet haben, reichte - gewaschen - vermutlich gerade fürs Urlaubsgeld. Dabei sollen die Zellemitglieder auch noch braune Kumpane rechtsextremer Kameradschaften mit Spenden bedacht haben.
Völlig aus dem Rahmen fällt der Mord an der jungen Polizistin Michéle Kiesewetter, die am 25. April 2007 in Heilbronn hingerichtet und deren Kollege schwer verletzt worden war. Im Gegensatz zu den anderen Tatorten fand man dort DNA-Spuren einer »unbekannten weiblichen Person«. Sie wurde als »Phantom« europaweit gesucht. Plötzlich erkannte jemand, dass die für die DNA-Analyse benutzen Wattestäbchen mit dem DNA-Profil einer Packerin eines Unternehmens für Medizinalbedarf kontaminiert waren. So ein Pech. Alle nach der Aufdeckung der NSU-Zelle folgenden BKA-Polizistenmord-Erklärungen - zuletzt die Mär vom Waffenbeschaffen - erzeugen bei Erfurter Ermittlern nur einen Fingerzeig Richtung Stirn.
Und bei Abgeordneten wie Bodo Ramelow? Der kann dazu gar nichts sagen, denn seine Nachfragekompetenz endet an der Landesgrenze. Gleiches gilt für die Kollegen und Hunderte andere Gerüchte. Die zuständigen Abgeordneten addieren vor allem Medienberichte, sammeln Fragen, stellen sie - und erfahren kaum etwas. Vermutlich ist es gescheiter, beim »Spiegel« anzurufen, knurrt Ramelow. Auch die in Thüringen eigens zur Aufklärung staatlicher Pannen eingesetzte »Schäferkommission«, auf deren Arbeit der Linkspolitiker nichts kommen lässt, stößt an zu enge föderale und rechtliche Grenzen. Gleiches gilt für die Polizei.
Nachdem der Generalbundesanwalt die Ermittlungen - sehr zu Recht - an sich gezogen hat, obliegt ihm die Deutungshoheit. Nur er und das BKA können Spekulationen beenden. Durch Fakten. Dazu gehört eine schlüssige Antwort auf die Frage, wie und wo sich die Täter die für derartige »Morde im Nahbereich« notwendige Kaltblütigkeit antrainiert haben. Der BND könnte einen Beitrag zur Aufklärung leisten.
In Südafrika lebt ein Dr. Claus Nordbruch. Er ist Jahrgang 1961, stammt aus Deutschland, war Leutnant bei der Bundeswehr, wanderte 1986 aus und ist nach seinem Selbstverständnis »Referent, freier Journalist und vor allem Autor von Fach- und Sachbüchern«. Nordbruch unterstützt die rassistische Vereinigung »Hilfskomitee Südliches Afrika«, ist ein Waffenfanatiker, kann Fallschirm springen und tauchen. Ab und an hält er Vorträge in Deutschland, erhält einen Preis vom rechten Rand und lädt »Freie Kameraden« in seine neue Heimat ein - zu Feldarbeit und militärischem Drill.
Es gibt ein Foto, das zeigt ihn 2001 mit Tino Brandt, dem Verfassungsschutzspitzel, der den Thüringer Heimatschutz (THS) aufgebaut hat, in Rudolstadt. Zwei Jahre zuvor waren Andreas Kapke, ein THS-Hauptakteur und sein Kumpan Mario Brehme in ein Flugzeug gestiegen. In Sofia war ein Treff mit den international gesuchten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt geplant. Gemeinsam wollte man mit Bulgarian Airlines nach Kapstadt fliegen. Das BKA hatte eigens seinen Südafrika-Verbindungsbeamten zum Zielflughafen geschickt. Der hat wohl keine der gesuchten Personen ausmachen können. Auch auf der Passagierliste fanden sich die Namen nicht. Sollte das wirklich erstaunen, wo sich doch der Verfassungsschutz sogar finanziell an der Beschaffung falscher Pässe beteiligt hat?
Die Mordserie von Neonazis wirft weiter Fragen auf. Täglich kommen neue Details ans Licht. Doch vor allem die Arbeit von Polizei und Verfassungsschutz gibt Rätsel auf. Mehr
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Aktuelle Ausgabe: 21.05.2012
Auf dem rechten Auge blind Verfassungsschutz und Regierung in der Kritik
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