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Von Jürgen Amendt 06.01.2012 / Feuilleton

Klassentreffen im Zweiten

»Reich und obdachlos«, Doku-Soap im ZDF: Die schöne Illusion von sozialer Annäherung

Ein verbreiteter Irrtum über den TV-Moderator Günther Jauch besagt, dass Jauch der Junge von nebenan sei. Jauch sieht sich selbst gern als Anwalt des kleinen Bürgers, ist aber alles andere als ein gewöhnlicher Bürger. Der TV-Talker stammt aus einem alten hanseatischen Kaufmannsgeschlecht, seine Vorfahren waren Domherren, Höflinge von Fürsten und Herzogen, Angehörige der Hamburger Oberschicht, sein Großvater war Freikorpsführer, sein Vater ein renommierter konservativer katholischer Journalist in der frühen Bundesrepublik. Von vergleichsweise niederem Stand ist dagegen Thomas Gottschalk, Sohn eines Rechtsanwalts, der samt Familie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus Oberschlesien flüchtete. Das Massenmedium Rundfunk, jener große soziale Nivellator, der die Illusion von Gleichheit erzeugt, führte die beiden in den 1970ern zusammen. In der Medienindustrie kam es zum Klassentreffen.

In der Bundesrepublik ab den 1970er Jahren war diese Illusion von der Annäherung der sozialen Klassen zwar Illusion, aber doch auch mediale Wirklichkeit. In der sozial-liberalen Ära mit ihren teils zweistelligen Lohnzuwachsraten, der formalen Öffnung des Bildungssystems, blieben die sozialen Schranken zwar erhalten, doch sie wurden unsichtbar, gläserne Trennwände, durch die man hindurchblicken konnte. Im Rückblick war das eine vergleichsweise egalitäre Epoche: Noch Anfang der 1980er Jahre konnten die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung lediglich knapp 49 Prozent des Privatvermögens ihr Eigen nennen, die untere Hälfte hatte zusammengerechnet immerhin noch 2,5 Prozent des Gesamtvermögens im Sparstrumpf. 2007 dagegen verfügten die oberen zehn Prozent der Deutschen über fast 62 Prozent des privaten Vermögens, die unteren 50 Prozent waren - statistisch - mittellos geworden.

Je stärker aber sich die soziale Schere öffnete, desto stärker wurde die Präsenz der sozialen Untersicht im Fernsehen. Die Unterschicht nahm auf den Billigsesseln des billigen TV-Talk Platz. Der Mittelschicht ist dies simple Unterhaltung und seufzende Selbstvergewisserung des eigenen Platzes in der sozialen Hierarchie zugleich. Hießen solche Sendungen Anfangs noch ganz bürgerlich etikettiert »Hans Meiser«, wird heute bei »Britt« gezankt; einen Nachnamen, jenes bürgerliche Identitätsmerkmal, braucht die Sendung nicht mehr.

Stets waren die Macher des Privatfernsehens die Pioniere des Trash-TV. Jetzt senkt das öffentlich-rechtliche ZDF das Niveau in neue Untiefen ab. »Reich und obdachlos« nennt sich eine sogenannte Rollentausch-Soap. Fünf Freiwillige aus dem Jetset haben dafür für neun Tage die Präsidenten-Suite im Nobel-Hotel gegen Pappkarton und Parkbank eingetauscht. Heute läuft die erste Folge, morgen und übermorgen Teil zwei und drei. Begleitet von einer versteckten Kamera (und einem diskret im Hintergrund bleibenden Bodyguard) zogen die Probanden durch die kalten Straßen deutscher Großstädte: zerzaust, zerlumpt, mit abgetragenen Kleidern. Ihnen wurden Bargeld und Kreditkarte abgenommen. Das soll suggerieren: Nimmt man einem Menschen seinen Reichtum wird er zum Ausgestoßenen.

Ein reichlich verbreiteter Irrtum wie der über den Herrn Jauch, der zum guten Jungen von nebenan wird, wenn man ihn nur in einen grauen Moderatoren-Anzug steckt. Eine der am Experiment Beteiligten, die Hamburger Unternehmerin und Galeristin Frida Kappich, erzählte dieser Tage einer Zeitung, sie habe in den neun Tagen Existenz als Obdachlose ein Gefühl dafür entwickelt, wie weit das Oben und Unten in Deutschland auseinanderliegen.

Auch das ein Trugschluss, das Fernsehen, der große Gleichmacher der Neuzeit, erzeugt. Um einen Menschen nach unten zu stoßen, braucht es mehr als zerlumpte Altkleider und eine ungepflegte Frisur. Man muss dem Menschen das Wertvollste rauben, das er besitzt: seine Würde. Es ist ein ehernes Gesetz: Der gesellschaftliche Stand eines Menschen macht sich an dessen Körpergeruch fest. Wer arbeitet, stinkt, wer nicht arbeitet verfault, es sei denn, er verfügt über die Möglichkeiten, den Geruch der Verwesung wie weiland der Adel mit allerlei teuren Püderchen und Parfümdüften zu überdecken. Für die Mittelschicht gibt es heute - den Deoroller.

In dem Film »Glücksritter« (1983) schließen zwei ältere Börsenmakler eine Wette ab: Hängt Lebenserfolg von den Genen oder vom sozialen Umfeld ab? Um die Frage zu beantworten, tauschen sie ihren versnobten Geschäftsführer Louis Winthorpe mit dem zufällig ausgewählten Bettler Billy Ray Valentine aus. Der Film ist eine Komödie, hat aber mehr Gespür für soziale Realitäten als »Reich und obdachlos«. Den beiden Alten nämlich ist klar, dass es zu wenig ist, Winthorpe Geld, Kreditkarte und schöne Anzüge zu nehmen. Winthorpe ist auch noch nicht unten angelangt, als er wegen angeblichen Drogenbesitzes verhaftet wird und zu stehlen beginnt. In die Gosse stößt er sich erst, als er - volltrunken, verdreckt, stinkend - bei seinen High-Society-Freunden um Mitgefühl winselt.

Bei »Reich und obdachlos« ist es der Baseler Selfmade-Millionär Ivar Niederberger, der um den Unterschied zwischen Oben und Unten weiß. Schon sechs Stunden nach seinem Aufschlagen auf dem Berliner Asphalt hatte er 40 Euro erbettelt. Mit der Zeit kam ein erkleckliches Sümmchen zusammen. So viel, dass er in einem billigen Hotel übernachten konnte und ab und an ein kleiner Imbiss im KaDeWe drin war. »Mit Schlauheit und ein wenig Charme lebt es sich gut auf der Straße«, sagte Niederberger nach Abschluss der Dreharbeiten. Erst der, dem seine Würde genommen wurde, ist für das Leben in der Gosse bereit!

ZDF, heute, 17.05 Uhr, Samstag und Sonntag, jeweils 17.45 Uhr.

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3 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Manni, 06. Jan 2012 08:04

    Guter Beitrag

    mein Herz schlägt höher bei solch realer Darstellung des Charackters - jetzt auch "unserer" - privatwirtschaftlich dominierten Unterhaltungsindustrie. Von den Privaten (Sendern) sind wir ja schon einiges gewöhnt. Und manch Unverblendeter tut das längst mit einer Einstellung dazu ab: Was soll man von solchen Sendern auch schon anderes erwarten.
    Aber was ein großer Teil, der an diese System Glaubenden, nicht war haben will, ist, dass ihre Öffentlich-Rechtlichen, einschließlich ihres kontollierenden Fernsehrates, längst das Lied des einflußreichen Kapitals singen. Die Öffentlich-Rechtlichen unterliegen eben, wie dieser Beitrag eindeutig belegt, nicht einer unabhängigen Kontrolle. Dass hier im Sinne von Eigentum und Kapital Meinung gemacht wird, kann eigentlich nur damit erklärt werden, dass sogenannte regierungsfähige Parteien, erst dann regierungsfähig sind, wenn sie Politik im Sinne und zum Wohl von Kapital und Eigentum machen. Deshalb bestimmen auch bei den Öffentlich-Rechtlichen Eigentum (Kapital) und Geld, wie bei den Privaten, was Otto Normalbürger in sein Wohnzimmer gesendet bekommt. Naja, da sind wir ja in "guten" Händen. Gut das es diese Zeitung hier noch gibt. Der Pressefreiheit, wie sie sein sollte, sei Dank.

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  • Rotspoon, 06. Jan 2012 18:52

    Oh manni

    Als sie damals im ersten Golfkrieg einen anderswo verölten Kormoran über den Bildschirm meines dedeerrischen Schwarzweißfernsehers flimmern, ließen, gab der sein Dasein auf. Seit dem geht es mir WESENTLICH besser

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  • kraberg36, 10. Jan 2012 17:55

    Flachgebürstete Realität

    Ich denke ich lüge. Wieder einmal wurden wir von den Medien – wie bereits üblich – inhaltlich flachgebürstet. Es geht um die Serie im ZDF “Reich und obdachlos.“ Gut so: Reiche probieren das Armsein. Aber nur für paar Tage. Eine erste Erkenntnis einer Teilnehmerin dieses „epochemachenden Experimentes“: Man ist als Armer ein Nichts. So eine Verachtung, die dir entgegengeschleudert wird, so eine Mißachtung des anderen Menschen. Du bist als Obdachloser der letzte Dreck. Und der Reiche: Er bescheißt, erschwindelt sich Geld, um den „Obdachlosen“ zu helfen und geht in ein Hotel mit dem erschwindelten Geld der „nichtsahnenden Leute“, um dort endlich wieder - nach der ersten Nacht im Freien - richtig zu nächtigen. Eine „Urwaldstory“, extra vom TV organisiert. Welches Fazit wird es vom ZDF geben? Stoßen sie nach – in das Problem der immer stärker klaffenden Schere zwischen Arm und Reich? Oder bleibt alles im flachen Bereich? Ein Hingucker allemal! Und dann…? Der Reiche – widerlich in seiner Arroganz und mit seiner Meinung, jeder kann was aus sich machen, er müsse es nur tun… Keiner fragte nach den tieferen Ursachen, keiner übte Systemkritik. Warum eigentlich nicht? (Die Diskussion zum Beitrag wurde verschoben.) Blödeleien und kein Ende. Da soll man sich noch empören? Hauptsache, die Quote stimmte wieder beim ZDF. Herzlichen Glückwunsch.
    Harry Popow

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