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Muss der Bundespräsident zurücktreten?

PRO: Grüßaugust mit Gewicht

Von Markus Drescher

Seine Einflussmöglichkeiten halten sich sehr in Grenzen. Allein »die Macht der warmen Worte« begleitet ihn auf seiner Tingeltour zwischen »Ich werde heute eine Fähre taufen« und »Ich bin der Schirmherr dieses Krötentunnels« (Rainald Grebe): der Bundespräsident. Aber selbst ein im Prinzip politisch völlig überflüssiges Amt sollte mit einer Persönlichkeit besetzt sein.

Mit einem Rücktritt sollte Wulff den Platz freimachen für jemanden, den die einen lieben, die andern hassen oder alle ertragen können. Egal, aber in jedem Fall für jemanden, den man zumindest ernst nehmen kann - ob man seine warmen Worte nun gut findet oder nicht. Einen Grüßaugust mit Gewicht und Profil.

Bleibt Wulff im Amt, reist in den nächsten Jahren nicht nur wie bisher ein blasser, nur von Amts wegen halbwegs anerkannter Bundespräsident herum, sondern einer, der ständig von Spott und Hohn begleitet wird. Das dürfte erstens kein Mensch (auch kein Politiker) auf Dauer aushalten und zweitens wäre damit selbst das Wenige, was ein Staatsoberhaupt bewirken kann, vertan. Wenn es gut läuft, etwa gesellschaftskritische Äußerungen. Zwar sind die nur ein Symbol. Aber ein Symbol, über das debattiert wird, das zumindest für etwas Bewegung sorgen könnte. Äußerungen von jemandem, der derartig auseinandergenommen wurde wie nun Wulff, könnten wohl nicht einmal mehr das erreichen.

CONTRA: Falsche Ansprüche

Von Ralf Hutter

Was noch bezüglich Christian Wulffs Zeit als Niedersachsens Ministerpräsident herausgefunden wird, mag ihn als Bundespräsident untragbar machen. Was jedoch aktuell so ventiliert wird, ist unsachlich und kein Rücktrittsgrund.

Zum Einen geht es um einen angeblichen Angriff auf die Pressefreiheit. Fakt ist aber: Wulff konnte die Zeitungen des Axel-Springer-Verlags zu gar nichts zwingen. Die Pressefreiheit ist angetastet, wenn jemand institutionelle, legitime Macht dazu verwendet, einen Bericht zu beeinflussen. Hier liegt aber etwas anderes vor: Wulff wollte die Nähe des Springer-Konzerns zu seiner Partei nutzen. Bei anderen Zeitungen hätte er eine Intervention ganz anders gestaltet. Zudem kann solch ein Konzern, anders als kleine Zeitungen, nicht mit der Androhung langer Rechtsstreits eingeschüchtert werden. Wenn eine Springer-Zeitung auf Wulffs Intervention hin gekuscht hätte, wäre das Selbstzensur gewesen!

Zum Anderen erwecken viele Leute in Opposition und Medien den Eindruck, ein Bundespräsident habe über alles erhaben zu sein: keine parteipolitische Prägung, keine persönlichen Beziehungen zu Reichen und Mächtigen, keine negativen Emotionen. Das aktuelle billige Geschrei hinsichtlich der moralischen Ansprüche an dieses Amt reproduziert die Illusion eines überparteilichen Übermenschen. Einen solchen Führer hätten altbekannten Umfragen zufolge 20 Prozent der Deutschen gerne als starken Regenten.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Affäre um Bundespräsident Christian Wulff

    Ein umstrittener Privatkredit, sein Umgang mit den Medien und nun der Verdacht auf Vorteilsannahme. Bundespräsident Christian Wulff hat am 17. Februar seinen Rücktritt erklärt, nachdem die Staatsanwaltschaft die Aufhebung der Immunität Wullfs beantragt hat. Sie will wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung gegen das Staatsoberhaupt ermitteln.


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3 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Bernd.Kudanek, 06. Jan 2012 09:53

    § 90 StGB - Majestätsbeleidigung

    "PRO: Grüßaugust mit Gewicht"

    Lieber Markus Drescher, mal unabhängig von deiner Meinung bezüglich eines Wulff-Rücktritts, bewegst du dich mit der Titulierung "Grüßaugust" auf dünnem rechtlichen Eis. Denn es gibt ihn noch, den anachronistischen Straftatbestand der Majestätsbeleidigung bzw. der "Verunglimpfung des Bundespräsidenten" und zwar geregelt durch den § 90 StGB. Grüßaugust kann vom derzeit ohnehin in die Enge getriebenen Wulff durchaus als Beleidigung gewertet und verfolgt werden. Diese mögliche Genugtuung gönne ich Schwiegermamas (Ex-)Liebling nicht und schon gar nicht zu Lasten&Kosten einer Tageszeitung aus dem linken Spektrum.

    • Permalink

  • 2010sdafrika, 06. Jan 2012 12:31

    Der Fluch des Bundespräsidenten

    Das Amt des Bundespräsidenten erweist sich mittlerweile als reiner Bluff, wenn man bedenkt, dass nicht nur Horst Köhler sein Amt nicht verantwortungsbewusst genug führen konnte, sondern auch Christian Wulff. Beide Herren werfen ein negatives Licht auf das Schloss Bellevue. Ich möchte daran erinnern, dass der Bundespräsident stets eine Vorbildfunktion gegenüber Afrika eingenommen hat: wp.me/pNjq9-14e. Echt traurig!

    • Permalink

  • Berndchen, 06. Jan 2012 15:13

    Die wahren Gründe für die Wulff-Kampagne

    stellt Andreas Hauß auf medienanalyse-international.de dar. Zitiert wird eine politisch ziemlich unkorrekte Rede Wulffs auf dem Wirtschaftsnobelpreisträgertreffen im August 2011 in Lindau, in der er die Krisenpolitik der Merkel-Regierung kritisiert. Ein Warnschuss vor Wulff's Bug über die bild-Zeitung und dessen völlig falsche Reaktion darauf lösten die folgende Lawine aus.
    Lässt sich also in der Art ohne weiteres vergleichen mit den wirklichen Rücktrittsgründen Köhlers, der die Kriegsbeteiligungen der BRD als wirtschaftlich motiviert benannte.

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