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Von Tom Mustroph 06.01.2012 / Berlin / Brandenburg

Propagandabombardement

Hans-Werner Kroesingers »Wellenartillerie Telefunken« im Hebbel am Ufer

Der Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger untersucht in einer besonderen Art von Heimatkunde den Zusammenhang von smarter Technik, wüster Propaganda und einem fast vergessenen Kapitel extremer Ausbeutung. Für seine neue Produktion »Wellenartillerie Telefunken« hat er - auf Initiative von HAU-Intendant Matthias Lilienthal - tief in der Geschichte des Hauses Tempelhofer Ufer 10 gegraben. Hier befindet sich heute die kleinste der drei Spielstätten des Kreuzberger Off-Theater-Verbundes.

Anfang der 40er Jahre waren an diesem Ort allerdings Französinnen untergebracht, die in den nahen Produktions- und Forschungsstätten von Telefunken als Zwangsarbeiterinnen tätig sein mussten. »Jeder siebte Einwohner Berlins war in den 40er Jahren ein Fremdarbeiter. Sie waren deutlich sichtbar für die Berliner Bevölkerung. Sie mussten an ihrer Kleidung Kennzeichen anbringen - ein P für Polen, ein O für Ostarbeiter, ein R für Russen«, erzählt Kroesinger. Fremdarbeiter bildeten seinen Recherchen zufolge die ersten Räumkommandos nach den Bombenangriffen. »Sie verrichteten die schwersten und gefährlichsten Arbeiten. Sie waren mitten in der Stadt unterwegs. U-Bahn-Fahrten und Restaurantbesuche waren ihnen aber verboten«, stellt er fest. Das Ausmaß der Zwangsarbeit zumindest in Kreuzberg ist mittlerweile durch das Kreuzbergmuseum gut aufgearbeitet. Dortige Mitarbeiter stießen auf Adressen von 365 Lagerstandorten allein in den Postleitzahlbereichen, die das alte Kreuzberg ausmachen. Zwangsarbeiter für Daimler und Bürgerbräu, AEG, Borsig und DeTeWe, Sarotti, und Kodak, Mauser und Knorr waren dort untergebracht.

Bei Telefunken, das damals noch nicht zur AEG gehörte, wurden die Frauen in der Montage eingesetzt. Das weckt Erinnerungen an die ersten türkischen Gastarbeiterinnen in den 60er Jahren. Die fanden nur wenige Schritte entfernt in der Stresemannstraße eine erste karge Aufnahme. Die Gemeinsamkeiten gehen noch weiter: »Deutsche Unternehmen griffen nach dem Krieg auf die früheren Erfahrungen im Umgang mit ungelernten Arbeitern ohne Deutschkenntnisse zurück. Sie setzten zum Teil genau dieselben Personen, die den Fremdarbeitereinsatz organisiert hatten, für die Anleitung der Gastarbeiter ein«, berichtet Kroesinger. Der Regisseur, der in seinen Arbeiten den Völkermorden an den Armeniern, den Herero und den Tutsi, aber auch der Tätigkeit der Wahrheitskommissionen im Südafrika der Post-Apartheid, dem globalen Kriegsbusiness und den Machenschaften der Treuhand nachging, untersucht in seiner jüngsten Produktion auch die Technikgeschichte von Telefunken. Die Bedeutung der Kommunikationstechnik für den Krieg spiegelt sich im Titel »Wellenartillerie« wider. Die wurde vom deutschen Generalstab geprägt, weil der Funkverkehr gerade für das Dirigieren von Artillerieverbänden, aber auch Flottengeschwadern nützlich war und zudem den Gegner einem Propagandabombardement aussetzen konnte. Später leistete die Firma Pionierarbeit bei der Entwicklung des Fernsehens. Ab den 50er Jahren war die »Wellenartillerie« wieder in Kampfflugzeugen präsent. Retrofans hegen und pflegen noch heute ihre formschönen Telefunkenradios.

7., 9.-11.1., 20 Uhr, HAU3,

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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