Am 16. Januar wird der Plenarsaal des Abgeordnetenhauses kein Ort für hitzige Debatten sein. Schweigen wird aber auch niemand, denn das Plenum tagt an diesem Abend als Bühne gegen das Vergessen. Auf der Abschlussveranstaltung des Jugendforums »denk!mal'12« zeigen Berliner Jugendliche mit ihren Projektideen, wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte ist und bleibt. Ihre Theaterstücke, Zeichnungen, Collagen oder Dokumentarfilme übertragen die Auswüchse des einzigartigen historischen Desasters auf aktuelle Themen wie Fremdenhass, Intoleranz, Anderssein oder Integration. Manche decken sogar auf, welche weißen Flecken in unserer Erinnerung geblieben sind.
Zwei der eingereichten Arbeiten vergrößern durch ihren Fokus auf leise Einzelschicksale lupenartig die ganze Abartigkeit. Einer dieser Beiträge ist das Filmprojekt »(K)eine Spur von Marianne Cohn«. SchülerInnen der gleichnamigen sonderpädagogischen Oberschule in Tempelhof haben in Zusammenarbeit mit der Schuldirektorin und engagierten Lehrern einen Kurzfilm gedreht, der sich in Form einer Detektivgeschichte mit dem Schicksal der jüdischen Widerstandskämpferin auseinandersetzt. Bis zu ihrer Verhaftung 1944 hatte sie fast 200 Kinder und Jugendliche unentdeckt in die Schweiz geschleust und so vor der Deportation gerettet. Aus vielen kleinen Puzzleteilen und szenischen Einspielern setzt sich nach und nach ein Bild ihres mutigen Engagements zusammen. Im Wechselspiel zwischen Interview, Theater und Diskussionsrunden erspielen sich die Schüler einen ganz persönlichen Eindruck vom Leben in der Nazidiktatur. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Warum: »Sie musste sterben, weil sie Kinder beschützt hat? - Was ist das denn für eine Zeit?«, fragt der immer tiefer in die zeitlichen Umstände hinein ermittelnde Inspektor.
Von unerzählten Geschichten verfolgter Migranten im Nationalsozialismus handelt die Ausstellung »Vergessene Biografien«. Jugendliche des »Jugendcafé Nightflight« in Charlottenburg sind zusammen mit der pädagogischen Betreuerin Judith Rahner auf Spurensuche gegangen. Viele bislang unbekannte Lebensläufe hoben sie aus Bibliotheksarchiven, reisten zu Zeitzeugen nach Kiew. Am Ende bekommen diese Menschen zumindest ein Gesicht oder, wenn noch nicht mal ein Foto übrig geblieben ist, wenigstens einen Namen. »Egal, wie wenig man über diese Personen wusste - und wenn es nur das Geburtsdatum war. Wir wollten sichtbar machen, was übrig geblieben ist«, erzählt Rahner und steht dabei vor einem leeren Bilderrahmen. Daneben nur der Name der in Kamerun geborenen Josefa van der Want und eine biografische Notiz, die aus einem Satz besteht. »1943: Konzentrationslager Bromberg, danach wieder deportiert, weshalb sich ihre Spur verliert.« Es geht vor allem um Schicksale türkischer Juden und afrodeutscher Einwanderer, sogenannter Kolonialmigranten. Die Jugendlichen, von denen viele selbst Kinder ehemaliger Einwanderer sind, haben ausführlich zu den einzelnen Biografien recherchiert und Texte von ihren Familien zu Hause übersetzen lassen.
Alle eingereichten Arbeiten sind vom 16. bis 23. Januar im Casino des Abgeordnetenhauses zu sehen. Niederkirchnerstraße 5, 10117 Berlin, Tel.: 030 232 50
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
Keine weißen Flecken Christin Odoj will eine lebendige Erinnerungskultur
"Eine äusserst gefährliche Entwicklung"
US-Kriegsveteranen demonstrieren gegen das Kriegsbündnis
Preis: 3,50 €
Preis: 75,00 €
Werbung:
Werbung: