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Da gibt es doch tatsächlich schon den »Duft zum Weltuntergang«: »Axe 2012 Final Edition« als Geschäftsidee aus dem Konzern Unilever. In einem der zahlreichen YouTube-Videos dazu sprüht sich ein junger Mann mit dem Deo ein, nachdem er beim Bau einer Arche Noah schwitzte. Da strömen ihm schöne Frauen in Scharen zu ...
Eternity, Evidence, Miracle, Revelation, Forever: Schon längst spielen die Kreationen der Parfümeure mit Sehnsüchten und Ängsten. Dieses Jahr kommen die Prophezeiungen des Maya-Kalenders hinzu, der am 21. Dezember 2012 endet. Tag der Apokalypse? Wer mag, kann per Internet darüber abstimmen. Wer wissenschaftliche Erklärungen sucht, erhält die Information, dass an besagtem 21. Dezember Sonne, Erde und weitere Planeten in Konjunktion zum Äquator unserer Milchstraße stehen - die seltene Ausrichtung könnte Folgen haben. Auch wird man auf Webseiten verschiedener Hellseher verwiesen. Denn wenn es doch nicht ganz das Ende der Welt ist, sondern ein Übergang, sollte man vorbereitet sein.
So ein Humbug, mag da mancher nd-Leser stöhnen. Amerikanischer »Kintop«! Hat uns also Roland Emmerich vor drei Jahren mit seinem Katastrophenfilm »2012« einen Floh ins Ohr gesetzt, auf den »Mann« jetzt nur noch dieses Deo zu sprühen braucht? Gehirnvernebelung!
Aber auch ohne Maya-Prophezeiung, Ängste grassieren. Wer wagt, angesichts drohender Klimakatastrophe die Achseln zu zucken? Wer hat nicht überlegt, was mit der Eurokrise auf ihn zukommt? Nie wieder Krieg - frommer Wunsch. Überall Kriegsherde auf unserem Planeten, Politiker, Militärs und Geheimdienste zündeln. Soldaten foltern, Kinder laufen Amok. Terroristen und Verrückte - wo wäre man sicher? Neonazis, die den Aufmarsch proben, und Rechtspopulisten, die sich noch verstecken. Schon wieder ein Bekannter an Krebs gestorben. Demenzerkrankungen nehmen zu, und es gibt noch kein Mittel dagegen. Wer sich von Schweinegrippe und Rinderwahn nicht bedroht sah, muss doch beunruhigt sein, wie sich AIDS und Malaria in der Welt ausbreiten. Erdbeben. Dürrekatastrophen. Alle drei Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger. Aber ein Prozent der Weltbevölkerung hält, laut Wikipedia, 40 Prozent des globalen Reichtums. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt von weniger als zwei US-Dollar pro Tag.
Es schreit zum Himmel. Da müsste sich jemand schon völlig verkriechen, um es zu überhören. Was soll ein Mensch, ein bejahrter zumal, dagegen tun. Sich in ein Zelt der Occupy-Bewegung einquartieren? Die nächste Demo nicht verpassen? Oder doch nur am Frühstückstisch laut werden, um sich wenigstens Luft zu machen?
Unter dem Titel »Die Angst der Woche« hat Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Dortmund, Angstmeldungen aus deutschen Zeitungen zusammengetragen - vom Allergieauslöser Verkehr über die Gefahr durch Schimmelpilze bis zu Umweltgiften in Babysocken. Ständig wechselnde Alltagswarnungen, die es im »nd« womöglich nicht auf die Vorderseiten schaffen würden, wo die wirklich großen Weltgefahren ihren Platz haben. Weil man die Stimme erheben, weil man aufrütteln muss.
Träumt noch jemand vor sich hin? Dazu müsste er sich in eine Blockhütte zurückziehen, wie es Henry David Thoreau tat und 1894 in seinem Buch »Walden« beschrieb. Aber Fernseher werden heute sogar in Campingwagen und Zelte mitgenommen. Mancher ist an die tägliche Dosis Aufregung schon so gewöhnt, dass er selbst am Mittelmeerstrand noch seine Bildzeitung braucht. Um sich ernsthaft zu informieren, wie er von sich meint. Doch eher kauft er sich das Blatt, damit ihm nicht langweilig ist.
Zeitungsmacher wissen das. Überschriften müssen originell sein, Bilder ins Auge fallen. Kampf um Aufmerksamkeit. Wer nicht mithalten kann, ist irgendwann weg vom Markt. Auch Journalisten, deren Credo ernsthafte Aufklärung, demokratische Einmischung ist, dürfen sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der so angesprochene mündige Bürger nach seinem Gusto wählt, was er zur Kenntnis nimmt und was nicht. Interessant muss es aufbereitet sein, das Spiel mit Reizen wird Pflicht. Wo vielleicht Skepsis angebracht wäre, ist Agieren verlangt. Was die Nachrichtenagenturen verbreiten, kann kommentiert, aber nicht zurückgehalten werden. Meinung ersetzt oft Analyse, Zuspitzung gehört zum Geschäft. Das hat schon weniger mit rationaler Aufklärung als mit Emotionen zu tun. Emotionen und Bedürfnisse, die Menschen verbinden und trennen, die ihnen selbst womöglich nicht mal als solche bewusst sind, die sie für objektive Tatsachen halten.
Medien sind Waren, und Medienmacher stecken mittendrin in den emotionalen Befindlichkeiten der Gesellschaft, in der sich derzeit besonders gut verkauft, was mit Angst oder Genuss verbunden ist. »Alarmdilemma« nennt das Gerhard Schulze, Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung und Wissenschaftstheorie in Bamberg. Weil Angst uns in den Genen steckt, würden uns Schreckensmeldungen faszinieren: »Wie die meisten Lebewesen ist auch der Mensch auf ständige Alarmbereitschaft programmiert. Besser man riskiert 99 Fehlalarme bei 100 Gelegenheiten als eine einzige übersehene Gefahr.« Krisen habe es immer schon gegeben. Hungersnöte, Epidemien, Kriege, Naturkatastrophen setzen sich bis in die Gegenwart fort. Zudem wird in der Moderne ständig alles umgepflügt. Revolutionen, Paradigmenwechsel, Reformen und Innovationen - mit jedem Schritt ins Unbekannte seien »unvorhergesehene oder bewusst riskierte Krisen« verbunden. Die, wie gesagt, von den Medien immer wieder als spektakulär herausgestellt werden.
Aber: Wenn bei einem Auto ständig die Alarmanlage anspringt, wird sie überhört oder abgeschaltet; Diebe haben dann leichtes Spiel. In permanenter Krisenstimmung können Warnungen auch zur Abstumpfung führen, zumal wenn sie sich später als unbegründet erweisen. Wem soll man trauen? Steht nicht hinter allem ein Zweck? Außerdem: Wer Machtverhältnisse durchschaut - nicht jeder tut es - muss sich fragen, was überhaupt getan werden kann angesichts erkannter Gefahren. Demonstrieren für oder gegen, mittels Wahlschein der herrschenden Politik eine Abfuhr erteilen? »Empört Euch!«, forderte Stéphane Hessel. Dagegen hat die Journalistin Silke Burmester, nicht ohne diverse Horrorszenarien auszumalen (sie nutzt das »Alarmdilemma), ein »Beruhigt Euch!« gesetzt. Ihr Rat: den Fernseher ausschalten, nicht jede Panik mitmachen.
Aber ist es nur Panik? Ist die Situation im Lande und in der Welt so, dass wir beruhigt sein können? Früher hätte es gewichtigere Gründe für Ängste gegeben? Gewiss. Möglich auch, dass der Mensch, so er weitgehend von existenziellen Bedrohungen verschont ist, sich Ersatzaufregungen sucht. Es heißt, dass dies in Deutschland besonders verbreitet sei. Den Begriff »German Angst« gibt es im angelsächsischen Sprachraum schon lange; in hiesigen Büchern und in Feuilletons wird er herauf und herunter dekliniert.
Angst: ein Machtmittel. Auch, wo von Repression wenig spürbar ist. Und vielleicht gerade dort, wo Wohlstand herrscht. Angst vor Verlusten. Angst vor sozialem Abstieg. Angst, einem Leistungsdruck nicht gewachsen zu sein. Und spiegelt sich in apokalyptischen Vorstellungen nicht auch das, was für jeden einzelnen unausweichlich ist: das Ende seiner Welt?
Die Welt: Wir beginnen erst, sie als ein Ganzes zu sehen - besorgt, gewissenskrank, als ob wir persönlich schuld wären an Armut und Gewalt. Jedes Foto von Hungernden, jedes gesunkene Flüchtlingsboot - ein Menetekel. »Wacht auf, Verdammte dieser Erde« - auf welcher Seite dieser Aufforderung stehen wir, die wir ebenso soziale Ungerechtigkeit beklagen, aber auf einem anderen Niveau? Eine Welt, wie sie sein sollte: Die Vorstellungen sind schon so real. Aber dazu bedarf es grundlegender Veränderung von Machtverhältnissen, global. Wie soll das gehen? »Es rettet uns kein höh'res Wesen« - so oft gesungen, und zu wenig darüber nachgedacht, was denn das Selber-Tun sei, das freie Handeln ohne Weisung, das Zusammenwirken mit anderen, eine Freiheit von Unterdrückung, die sich nicht selbst bald der Unterdrückung bedient. Lässt sich das vorstellen: eine Menschheit ohne Gier?
Wir rennen durch unsere Tage wie die Mäuse im Laufrad, ängstigen und beruhigen uns. Halten uns fest an dem, was wir haben. Meinen, die Wirklichkeit wissenschaftlich zu durchschauen und kennen uns oft selber nicht. Geschweige denn unsere Möglichkeiten. Kleinmütig sind wir und überheblich zugleich.
»Es gibt also als spezifisch menschliches Element eine existenzielle Grund-Angst, die Ver-nichtungsgefühle beinhaltet. Wir verdanken sie dem Umstand, dass wir als vorausdenkende Wesen auf das Nichts und den Tod stoßen und dass wir aus der instinktgebundenen Ordnung der Welt herausgefallen sind. Daher stehen wir vor einem Nichts, treten wir nicht in eine andere, nämliche eine kulturelle, Ordnung ein. In der Lücke, die sich auftut zwischen den verlorenen Instinkten und der symbolischen Ordnung, sitzt die menschliche Angst.«
Peter Möring in dem Sammelband »Angst« (Psychosozial-Verlag, 375 S., geb., 36 €).
»Im 16. Jahrhundert eignete sich die medizinische Fachsprache das griechische Wort crisis an. Ursprünglich, in der Antike, bedeutete es Entscheidung. Daraus wurde in der frühen Neuzeit ein Begriff für den Höhepunkt oder die Wendephase einer Krankheit. Die anfänglich wertneutrale Bedeutung von Krise verwandelte sich in eine pathologisierende, verbunden mit Hoffnung. Im 18. Jahrhundert übersprang das Wort die Grenzen der Medizin, behielt jedoch genau diesen ambivalenten Charakter bei. Von da an spricht man auch von politischen, sozialen, ökonomischen, ökologischen oder demographischen Krisen, in Analogie zum Arzt, der eine Krankheit diagnostiziert um sie zu heilen.
Gerhard Schulze in seiner Analyse »Krisen. Das Alarmdilemma.« (S. Fischer Wissenschaft. 251 S., geb., 19,95 €).
»Solange wir nämlich nicht mehr Übung darin besitzen, logisch zu denken und Wahrscheinlichkeiten zumindest näherungsweise abzuschätzen, wird jeder Versuch der Risikobewältigung, der darauf hinausläuft, die Menschen besser zu informieren, ein Schuss in den Ofen werden. Wie sich nämlich immer wieder zeigt, gehen unter den aktuellen Rahmenbedingungen mit einer besseren Information der betroffenen Bürger die Angst und Panik nicht zurück, sie nehmen eher zu.«
Walter Krämer im Band »Die Angst der Woche. Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten« (Piper. 283 S., geb., 19,99 €).
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