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Von Caroline M. Buck 07.01.2012 / Berlin / Brandenburg

Charismatische Kratzbürste

Das Kino Arsenal widmet der Schauspielerin Sandrine Bonnaire eine Filmreihe

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»A nos amours«⋌

Lange vor Kate Winslet wurde Sandrine Bonnaire mit einer Filmszene berühmt, die sie am Bug eines Dampfers zeigt, auch wenn’s in dem Fall eine bloße Fähre war und kein titanischer Ozeanriese. Gleich für diese erste Rolle wählte die französische Filmakademie die Sechzehnjährige zur Nachwuchshoffnung des Filmjahrgangs 1983. Mit Unterstützung des Institut Française zeigt das Arsenal ein Dutzend Filme aus rund drei Jahrzehnten mit Bonnaire vor (und mittlerweile auch hinter) der Kamera.

Die Titelsequenz von »A nos amours« (»Auf das, was wir lieben«) mit einer noch recht tapsigen Bonnaire in »Titanic«-Manier vor offenem Wasser ist schon wegen der Musik interessant, die Bonnaires Eintritt in die Filmgeschichte begleitet. Da singt Klaus Nomi Henry Purcells »The Cold Song«, und ein ziemlich heißkalter Film folgt denn auch: die Chronik der Suche eines Teenagers nach Halt und Liebe jenseits ihrer zerfallenden Familie. Eine Suche, die wiederholt in fremden Betten endet, ein ebenso unbeholfenes wie selbstgesteuertes Weglaufen vor der inneren Einsamkeit. Sie, die zum Vorsprechen für »A nos amours« eigentlich nur eine ihrer Schwestern begleitet hatte, verdanke Regisseur Maurice Pialat, ihrem Entdecker und filmischen Ziehvater, die Tiefe, mit der sie in sich zu schürfen gelernt habe, um eine Rolle zu spielen, hat Bonnaire gesagt - eine praktische Anleitung, die ihr die Schauspielausbildung ersetzen musste.

Aus der Anfängerin mit der spröden Frische, die sich den ausgebildeten Wettbewerberinnen unterlegen fühlte, weil sie nicht auf Zuruf lachen oder weinen und das dann noch viermal nach Belieben wiederholen konnte, wurde binnen zwei Jahren die jüngste Schauspielerin, die je den französischen Filmpreis für die beste Hauptdarstellerin erhielt. Als Bonnaire 1985 für das Obdachlosendrama »Sans toit ni loi« (»Vogelfrei«) von Agnès Varda mit dem César ausgezeichnet wurde, war sie neunzehn. Es sollte nicht ihr letzter Filmpreis bleiben. Die beißende Gesellschaftssatire »La cérémonie« (alternativ »Biester« oder »Blutiger Engel«) von Claude Chabrol brachte Bonnaire 1995 in Venedig den Preis für die beste Schauspielerin ein. Der Film nach einem Roman von Ruth Rendell, inspiriert vom Mordfall Papin, erzählt die Geschichte eines Hausmädchens, dessen dienende Geduld nachhaltig erschöpft ist, als die Herrschaft ihr wohlgehütetes Geheimnis entdeckt: dass sie nicht lesen und schreiben kann.

Für Jacques Rivette hat Bonnaire im zweiteiligen »Johanna von Orléans« die Titelrolle gespielt, und eine kantigere Jungfrau von Orléans war nie. Meisterdokumentarist Raymond Depardon ließ sie in einem seiner Spielfilme eine Geisel spielen, die Jahre lang in der Sahara festgehalten wird (»La captive du désert«). In Claude Sautets sozialkritischer Tragikomödie »Quelques jours avec moi« (»Einige Tage mit mir«) lässt sie sich auf Daniel Auteuil ein, den Chef ihres Chefs, und landet dann doch in einer zwielichtigen Bar. Bonnaire hat mit Téchiné gearbeitet und mit Doillon, mit Philippe Lioret und Patrice Leconte. Aber nicht Lecontes viel beachtete Simenon-Adaption »Monsieur Hire« wird im Arsenal zu sehen sein, in der Bonnaire eine Frau spielte, die von einem Voyeur erst ausspioniert und dann vor einem Frauenmörder bewahrt wird, sondern mit »Confidences trop intimes« (»Intime Fremde«) eine Komödie der Irrungen und Wirrungen, die gut für den leichteren Ton ihrer jüngeren Filme stehen kann.

Aus dem ungeschliffenen Rohdiamanten der frühen Filme, aus der Tochter einer kinderreichen Arbeiterfamilie, in der das Geld am Monatsende oft knapp war, ist eine der führenden Schauspielerinnen Frankreichs geworden. Sie hat oft eigenwillige Frauen gespielt, die nicht den leichten Weg wählen, aber auch im wirklichen Leben ihren Teil an Schicksalsschlägen verkraften müssen. Ihre beste Freundin verunglückt jung mit dem Auto, ihr Vater stirbt, ein Bruder auch, und ihre vielgeliebte, autistische Schwester Sabine entwickelt ein so aggressives Verhalten, dass die Familie keinen anderen Ausweg sieht, als sie in eine psychiatrische Klinik zu geben.

Über ihre Kindheit, ihre Karriere und auch die brutale Attacke, die sie vor zwölf Jahren von einem ungenannten Mann in ihrer näheren Umgebung erlitt, berichtet Sandrine Bonnaire in einem biografischen Gesprächsband, den sie zum Auftakt der Filmreihe signieren wird.

7.1.-9.2., Kino Arsenal

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26.05.2012 | Marcus Meier

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