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Von Tobias Lambert 10.01.2012 / Nord-Süd

Bewegte Territorien

Raúl Zibechi wirft in seinem neuen Buch einen Blick auf das emanzipatorische Potenzial in Lateinamerika

Raúl Zibechis neues Buch »Territorien des Widerstands« handelt von den städtischen Peripherien in Lateinamerika und den sich darin findenden Ansätzen für nicht-kapitalistische Lebensformen.

Seit einem guten Jahrzehnt wählt Lateinamerika überwiegend links. Den Wahlsiegen linker Politiker vorausgegangen waren häufig massive Mobilisierungen sozialer Bewegungen, die in vielen Fällen bis heute die neuen Regierungen stützen und gegen Versuche eines rechten Rollbacks verteidigen. Gemeinsam ist vielen dieser Mobilisierungen, dass sie ohne straffe Organisierung stattfanden. Zeigt sich in Lateinamerika also ein aus emanzipatorischer Sicht zu begrüßendes Modell für das Zusammenspiel von Regierungen und Bewegungen? Mitnichten, argumentiert der uruguayische Bewegungsintellektuelle Raúl Zibechi in seinem bereits 2008 veröffentlichten und nun auf Deutsch erschienenen Buch Territorien des Widerstands. Nicht kurzfristige Erfolge, sondern die langfristige politische Dynamik in den Peripherien der lateinamerikanischen Metropolen ist das, was ihn interessiert. Territoriale soziale Beziehungen, die vor allem aus ländlichen Räumen bekannt sind, seien mittlerweile auch in den Armenvierteln der Städte zu beobachten. Auf diese Territorien bezogen, in denen die maßgeblichen Aufstände der letzten Jahre ihren Ausgangspunkt hatten, verwirft der Autor die aus dem europäischen und nordamerikanischen Kontext stammende Analysekategorie »soziale Bewegung«. Stattdessen schlägt er den Begriff »Gesellschaften in Bewegung« vor. Diese verortet er in den autonomen und selbstverwalteten Räumen inmitten der hegemonialen Gesellschaftsform. In diesen Territorien sieht Zibechi Widerstand gegen das bestehende System, aber auch konkrete Ansätze für nicht-kapitalistische Lebensformen, in denen sich Gebrauchswerte gegen Tauschwerte durchsetzen. Die verbreitete Meinung, die linken Regierungen hätten Räume der Partizipation für Bewegungen geöffnet, hält der Autor für zu kurz greifend. Vielmehr seien die Bewegungen heute schwächer und fragmentierter als je zuvor. Sozialprogramme und die Einbeziehung von Aktivisten in Regierungsarbeit führten zu einer Schwächung, Spaltung und Einhegung des Widerstands.

Im Gegensatz zu den Strategien rechter Regierungen sei dafür keine Repression nötig. Die staatliche Durchdringung der Armenviertel und die »Kunst, die Bewegungen zu regieren« stelle jedoch einen ebenso »tiefgreifenden Angriff auf erkämpfte autonome Räume« dar. Die »Hoffnung auf einen radikalen antikapitalistischen Wandel« gehe somit nicht von Regierungen, sondern von diesen Territorien aus, in denen vielfältige soziale Beziehungen existierten, die als »Grundlage für eine Rekonstruktion der Gesellschaft« dienen könnten.

Zibechi zeichnet in seinem Buch kein umfassendes Bild des Kontinents. Die Analyse ist, wie er selbst schreibt, vorläufig und wirkt dementsprechend teilweise fragmentarisch. Die konkreten Beispiele beziehen sich meist auf die Andenländer, den Cono Sur und die Zapatisten im mexikanischen Chiapas. Das Verhältnis zwischen Regierungen und Bewegungen scheint tatsächlich durchaus differenzierter zu sein. Aber Zibechi bietet theoretische und praktische Ansatzpunkte, um sich der emanzipatorischen Dimension der Armenviertel ein Stück weit anzunähern. Anstatt umfassende Antworten zu geben, wirft er selbst viele Fragen auf. Und zwar konsequent jenseits der Regierungen formuliert.

Raúl Zibechi: Territorien des Widerstands. Eine politische Kartografie der urbanen Peripherien Lateinamerikas. Assoziation A, 2011, 176 Seiten, 16,90 Euro.

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5 Kommentare zu diesem Artikel

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  • OBJZ, 10. Jan 2012 21:00

    Naive Theoretiker erklaeren Lateinamerika 2012 ?

    Raul Zibechi hat eine tadellose linke und anti-imperialistische Vergangenheit. Ein Veteran des intellektuellen Widerstands gegen die damaligen "rechten" von USA kontrollierten Diktaturen in Suedamerika. Seine heutige Meinung, soweit sie in dieser Buchvorstellung beschrieben ist, zeigt einen soziologischen Theoretiker und Forscher. Er meint: "Sozialprogramme und Einbeziehung von Aktivisten in Regierungsarbeit fuehrten zu eine Schwaechung, Spaltung und Einengung des Widerstands...". Er meint, die "Nachbarschaft" im ethnischen Elendsviertel mit "Ausstausch" sollte Widerstand entwickeln gegen die Sozialprogramme der "linken" Regierung - welche natuerlich die Mittel fuer die Sozialprogramme nicht von einigen "Gutmenschen" in Deutschland erhalten, und zunaechst und fuer die absehbare Zukunft nur durch weitere Entwicklung der NATIONALEN Wirtschaft - private, und staatliche Unternehmen. Die "linke" Regierungen in Lateinamerika (Brasilien, Argentinien, Uruguay, Bolivien, Venezuela, Nicaragua) bestehen aus Kaolitionen von Parteien der Linke und der Mitte. Die "Mitte" besteht aus nationalistischen Unternehmern, kleine und grosse, Familienunternehmen und Landwirtschaften, Selbstaendige. Diese Koalitionen bestimmen die sozialpolitische Richtung der nationalen Verwaltung. Die Linke hat gar nicht die Waehlerschaft, oder den Einfluss fuer eine von Zibechi geforderten "radikalen Abwendung vom Kapitalismus". Die Linke in Lateinamerika will auch ihren Nationalismus beweisen: Sie ist nicht die "alte" Linke welche von Moskau gesteuert wurde, und dann ploetzlich erkannte - genau so wie nationalistische Rechte: Wir haben uns von der USA und von den Soviets gegeneinander hetzen lassen! 2012 sehen sie beide die USA und NATO-Europa als den Gegner der unabhaengigen Entwicklung, und die die Kirchen und NROs der USA und NATO-Europas als die allgegenwaertigen Agenten der Subversion in Lateinamerika. Das von Zibechi bewunderte Rezept der eingebroetlerischen Nachbarschaft ist fuer Gartenzwerge!

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  • Ani-metaber, 10. Jan 2012 22:12

    (Wir) Gartenzwerge haben auch ein Recht auf Leben, Land und Ressourcen

    und in Lateinamerika wird man wohl auch betrachten müssen, ob eine einheimische Ausbeutungskultur nach einem Jahrhundert der US-Dominanz, lediglich wieder stärker in die eigene Tasche wirtschaften möchte.
    Gemeinwohl bestimmte Lebensformen mögen da durchaus ein Widerstandsmomemt darstellen und Hoffnung geben.

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  • OBJZ, 11. Jan 2012 00:33

    Re: (Wir) Gartenzwerge haben auch ein Recht auf Leben, Land und Ressourcen

    Es ist hoffnunglos, die wirklichen politischen Umstaende in Lateinamerika zu erklaeren, an Leser, welche ihre Information ueber Lateinamerika von "deutschen" Interessen serviert bekommen, oder von diesen Interessen vorsaetzlich dafuer benutzten und diensteifrigen Lateinamerikanern, welche wiederum ihre eigenen persoenlichen Interessen in Verbindung mit "deutschen" Interessen suchen. Leider ist das hier nicht der Ort manches unter das geopolitische Mikroscop zu zeigen. Was aber stutzig machen sollte: In den von deutschen NROs und Kirchen betriebenen "Informationsquellen" - von welchen leider 90% der Information fuer "Gutmenschen" (auch linke!) in Deutschland komponiert wird, erscheint fast kaum etwas intelligentes von wirklichen "Linken" in Lateinamerika welche im "Weichen Krieg" Lateinamerika gegen die USA und NATO-EU verteidigen. Wenn man dann in den Hintergrund mancher dieser "deutschen" Lateinamerikajournalisten - herumstoebert, versteht ein wirklicher Linker in Lateinamerika, warum die "Autonomien" fuer Indigene so eifrig gefoerdert werden. Das Wort "Autonomie" ist sofort die Alarmsirene welche heult und dann - hier kommt der Helikopter mit Mr. Ayana von USA im Auftrag der noch von USA und ihren NATO-Partnern dominierten UN. Das ist schon seit Jahren von linken und rechten Nationalisten in Lateinamerika erwartet und wird jeden Tag in Lateinamerika analysiert (Sieh youtube PROFECIA SERTANISTA ORLANDO VILLAS BOAS, und A INVASAO TERRITORIAL DO BRASIL (RORAIMA) - in diesen Thema besteht heute 100% Uebereinstimmung zwischen den Kommunisten, Sozialisten, Mitte, Rechte, Militaer. Aber um das zu verstehen muss man direkt lesen oder hoeren was ihre Meinung ist, und das wird von den "deutschen" Journalisten nicht berichtet - weil das nicht ihre geopolitische Auftrag ist fuer die "Interessen" in BRD BND, NATO-EU, USA. Einer hat sogar fuer die Familie Santos in Deutschland gewirkt. Die Familie besitzt Kolumbien seit Generationen. Jetzt wirkt er als "links"...

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  • Ani-metaber, 11. Jan 2012 04:52

    Re: Re: (Wir) Gartenzwerge haben auch ein Recht auf Leben, Land und Ressourcen

    Nicht hoffnungslos........

    Aber man darf vielleicht eine gewisse Skepsis bewahren, wenn einem die Ähnlichkeiten zu verbreitetem kapitalistischem Wachstums- und Entwicklungsglauben sehr, sehr groß erscheinen.

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  • OBJZ, 11. Jan 2012 21:48

    Re: Re: Re: (Wir) Gartenzwerge haben auch ein Recht auf Leben, Land und Ressourcen

    Wachstums- und Entwicklungswuensche sind weder kapitalistisch noch sozialistisch noch kommunistisch. Die Frage ist: Wie ist die Entwicklung und fuer wen ist der Wachstum und die Entwicklung? Der "gruene" Wahn welcher in Deutschland blindlinks gegen Entwicklung wuetet, aehnelt der "Inquisition" der katholischen Kirche welche manchen Wissenschaftlern das Leben gekostet hat. Teilweise stammt dieser Wahn aus einer lebensverzagten, verdrossenen Haltung einer kinderfeindlichen, veraltenden Gesellschaft. Der typische 45+ Deutsche in seiner Mietwohnung will nur Ruhe (kein Kindergeschrei!) und mehr oder weniger so bald wie moeglich "in die Rente" und dann noch bischen Herumtrotteln und im Schrebergarten herumsitzen. Das ist nicht der Wunsch in anderen Voelkern, aber davon sieht der 45+ Deutsche in seiner Mietwohnung oder seinem Schrebergarten kaum etwas: Vom gesteuerten Fernsehen und NROs/Stiftungen bekommt er nur entsprechen ausgesuchtes Elend von "drausen" serviert. Als Tourist hat er nur Kontakt mit Bettelkinder, Dienstpersonal, oder was vom Tourbus entlang der Landstrasse beobachtet. Die Haelfte der 560 Millionen Lateinamerikaner lebt heute zumindest auf, viele ueber dem Stand des typischen Mitwohnungsdeutschen. 2020 faellt Deutschland als Wirtschaft hinter Brasilien. Die Mitte-Links-Regierungen in Lateinamerika werden sich nicht von deutschen Theoretikern oder "Gruenen" hemmen lassen, und die Entwicklung und Wachstum weiter unbeirrt foerdern - mit den nationalen Elementen welche dazu beitragen koennen - auch wenn notwendig die nationalen Unternehmer soweit die ihre eigenen Interessen in der Entwicklung mit sozialer STABILITAET erkennen. Die "gruenen" Traeume der Deutschen, und die "Theorien" ihren Akademiker - genau sie wie die rueckstaendige Wirtschafts-und-Sozialpolitik der USA, sind "aus der Mode" in den von Mitte-Links regierten Nationen in Lateinamerika. Leider ist das noch nicht "erkannt" von "Gruenen" und missinformienten "Linken" in Deutschland.

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