Der Dirigent Günter Wand stirbt im Februar 2002. Weltweite Anteilnahme. Kent Nagano, damals Chef des Deutschen Symphonieorchesters (DSO), leitet das Konzert auf den Tod in der Philharmonie. Zehn Jahre später. Derselbe Ort. Nagano wiederum am Pult. Diesmal freudiger Anlass. Der Abend gedenkt eines hundertjährigen Symbols und sagt: Günter Wand ist nicht vergessen, schaut hin, hört, so musizieren wir heute, hochklassig, geistig anspruchsvoll, also im Sinne des Meisters, seinem Ethos folgend. Das klingt kitschig. Ist es aber nicht. Allzu ramponiert ist der Betrieb, sind die verschiedenen Szenen, wo alle alles kennen und nichts. Wand, wer ist das?
Da geistert eine Geistesverwandtschaft, die nicht vergessen ist. Wand sei ihm stets Vorbild gewesen, sagt Kent Nagano, Mann, an Eleganz kaum zu übertreffen, der am Schluss, als einige Leute schon gingen, Worte zu Günter Wands Bedeutung für das Orchester sprach. Und: Er habe dessen menschliche Größe schätzen und bewundern gelernt (zu lesen im Programmheft). Günter Wand war Erster Gastdirigent und seit 1996 Ehrendirigent des DSO. Die beiden so unterschiedlichen Künstler besprachen etwa Probleme der Bruckner-Interpretation (verschie-dene Symphoniefassungen waren abzugleichen). Wand, Eurozentrist, wie er im Buche steht (immerhin hat er Charles Ives dirigiert), machte seinerzeit in Berlin vornehmlich deutsche, österreichische Klassik und Romantik: Beethoven, Schubert, Brahms, dirigierte mit Vorliebe das symphonische Oeuvre Anton Bruckners.
Daran orientierte sich das Programm glücklicherweise nicht. Es äffte nicht das Repertoire des toten Jubilars. Allein Schuberts 5. Sinfonie hat Wand öfter dirigiert, die anderen beiden, Alban Bergs Violinkonzert und Arnold Schönbergs symphonisches Drama »Pelleas und Melisandes« nach Maurice Maeterlinck op. 5, wohl nicht.
Wand soll im Wuppertal der 20er Jahre Bergs »Woyzeck« gesehen haben, mehr ist über Berg bei ihm nicht zu finden. Berg-Werke blieben ihm womöglich ein Buch mit sieben Siegeln. Ebenso Mahlersche, erklärtermaßen. Die Musik Mahlers sei ihm zu privat, hat Wand einmal gesagt, »ihre Aus- und Abbrüche, ihre Sentimentalitäten, ihre manchmal bis zur Hysterie gehenden Aufschwünge vermag ich nicht nachzuvollziehen«. Derlei Charakteristik trifft auf den an Mahler überreichlich geschulten Alban Berg ziemlich genau zu, namentlich auf dessen Violinkonzert. Darum wohl hat Wand das Werk, obwohl er mit großen Geigern gearbeitet hat, die es musizierten, nie aufgeführt. Allein Mahlers Orchester-Lieder hätten ihn interessiert. In anderer Art der klare, strukturale Webern (»Erste Kantate« op. 29), die frühe Atonalität Schönbergs (»Fünf Orchesterstücke« op. 16).
Wand in kühner Formulierung: Bruckner spreche nie von sich. Ein herrlicher Satz. Nun knüpft Schönbergs »Pelleas und Melisande«-Musik keineswegs an Bruckner, wohl aber an Mahler und Richard Strauss an. Das also waren Günter Wands Werke nicht. Um so schöner, dass sie zu seinem Hundertsten in Philharmonie zu Gehör kamen.
An Schuberts Fünfter, einem Jugendwerk, klassisch einfach, übersichtlich gebaut, hob Kent Nagano nur den teils dramatischen Finalsatz hervor, gab knappe Zeichen, während die ersten drei Sätze, ganz unspektakuläre melodiebetonte Sätzchen, sie wirkten durchaus langweilig, fast wie von alleine liefen.
Hochkonzentriert, konsequent, den Partituren allseits gewachsen Nagano bei den folgenden Werken. Ein Besserer als Thomas Zehetmair lässt sich als Solist in Bergs Violinkonzert »Dem Andenken eines Engel« von 1935, längst zum Repertoirerenner geworden, kaum denken. Dutzende Male hat der seinem hohen Handwerk alle Ehre machende Solist das viersätzige, Dreiklangswelten montierende Zwölfton-Werk gespielt. Diesmal vielleicht besonders elanvoll. Vom quasi Einstimmen am Beginn über konfliktgeladene, volkstümliche Modi integrierende Soli-Tutti-Beziehungen bis zu den Choralpartien auf Bachs »Es ist genug!« im apokalyptischen Allegro-Schlussteil. Eine Art Totenmusik erklang.
Unübertroffen Schönbergs Symphoniedrama, 1902/03 entstanden, hinter dem die tragische Fabel von »Pelleas und Melisande« steckt, in der Wiedergabe durch das DSO unter Nagano. Ein Prachtwerk, das in manchen Konstellationen schon auf den modernen Schönberg weist (neuartige Posaunenglissandi, scharfe Bläsersignale, harte Klangschnitte, zwölftönige Akkordbildungen etc.) in blitzsauberer, alle Ecken und Kanten spitzender, außerordentlich inspirierter Umsetzung. Ein hocherfreulicher Abend.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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