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Von Gabriele Oertel 11.01.2012 / Wirtschaft

Zwischen Euphorie und Erwartung

Bauindustrie erlebte 2011 einen unerwarteten Aufschwung

Die gute Nachricht zuerst: 2011 war ein tolles Jahr für die deutsche Bauindustrie - wie seit 17 Jahren nicht mehr. Die schlechte: Das kann 2012 nicht ganz so bleiben. Deshalb erwartet deren Berufsverband von der Bundesregierung, finanz-, wirtschafts- und ordnungspolitisch »marktwirtschaftlichen« Kurs zu halten.

Sein Schlüsselerlebnis hatte der Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Professor Thomas Bauer, schon vor Beginn der gestrigen Pressekonferenz. Vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben hat der Mann aus Bayern im Gebäude der Berliner Bundespressekonferenz Vertreter der Piratenpartei gesehen, die zeitgleich vor Journalisten traten - und mit feinem Zynismus in der Stimme festgestellt, sie seien tatsächlich in Anzügen erschienen.

Dass man nicht nur mit politischen Vorurteilen daneben liegen kann, gab Bauer denn auch bereitwillig auf seinem eigentlichen Gebiet zu. Immerhin habe es eine auch für den Hauptverband »überraschend gute Baukonjunktur« 2011 gegeben, konstatierte er. Nicht nur, dass die Umsätze so stark gestiegen seien, wie seit 1994 nicht mehr - »auch die Umsatzverluste aus den Jahren der Kapitalmarktkrise 2009 und 2010« hätten »mehr als ausgeglichen werden« können. Und: Die zunehmende Angst vor einer weltwirtschaftlichen Rezession hat für die Bauindustrie durchaus positive Effekte. Sie habe, so Bauer, viele Anleger dazu veranlasst, ihre Anlegepolitik neu auszurichten - weshalb die Wohnimmobilie im Jahr 2011 »eine unerwartet starke Renaissance« nicht nur im Inland erlebt habe. Auch Kapitalanleger aus dem Süden Europas hätten die deutsche Wohnimmobilie »als sicheren Hafen« neu entdeckt. Im Ergebnis all dessen stieg der Umsatz im Wohnungsbau um 14 Prozent - bei Immobilien für Unternehmen um 11 und im öffentlichen Bau, wo nach dem Auslaufen der Konjunkturprogramme ein Einbruch befürchtet worden war, immerhin noch um 4 Prozent.

Für das laufende Jahr, in dem mit zunehmenden gesamtwirtschaftlichen Risiken gerechnet werden müsse, erwartet der Präsident zwar nachlassende Dynamik, aber dennoch ein Umsatzwachstum von 2,5 Prozent. Fast jedes dritte Bauunternehmen rechnet mit einer Verschlechterung der Geschäftslage im ersten Halbjahr 2012, erklärte Bauer - nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Baubetriebe vorbereitet seien und gute Chancen hätten, das erste Halbjahr »halbwegs unbeschadet« zu überstehen.

Ganz abgesehen davon, dass der Bauindustrieverband auch fürderhin mit den segensreichen Wirkungen der Finanzkrise rechnet. Für den Wohnungsbau, jubelt Bauer schon mal vorab, eröffneten sich 2012 »die besten Wachstumsperspektiven«. Nichts deute darauf hin, dass die Entwicklung kurzfristig abbrechen könne. Im Gegenteil. »Die anhaltende Unsicherheit auf den Kapitalmärkten wird auch 2012 Kapital in Wohnimmobilien lenken.«

Wer aber glaubt, Thomas Bauer und mit ihm die Bauindustrie seien wunschlos glücklich, der irrt. Der Forderungskatalog an die Politik ist lang. Da ist der Ruf nach der Abschaffung einer Regelung, laut der zuerst im Inland nach Arbeitskräften gesucht werden muss. Da ist die Erwartung, dass Infrastrukturinvestitionen künftig mehr vom Bürger über Nutzergebühren finanziert werden. Da ist der Vorschlag für eine Erweiterung der Lkw-Gebühr und die Einführung einer elektronischen Vignette für Pkw. Und da ist das Plädoyer für neue öffentlich-private Partnerschaften - bei der Modernisierung von Truppenstandorten im Zuge der Bundeswehrreform und beim Ausbau des Schienennetzes.

Und da ist vor allem die Hoffnung, dass die Bundesregierung ihren marktwirtschaftlichen Kurs halten möge. Verständlich! Sonst würde aus all den anderen Erwartungen der Bauindustrie kaum etwas - und der Präsident müsste womöglich dereinst nicht nur in der Hauptstadt Piraten ertragen.


Zahlen & Fakten

  • Für 2012 rechnet die Bauindustrie mit einem Umsatzwachstum von 2,5 Prozent. Bei einer erwarteten Preissteigerung von 1,5 Prozent wäre das real ein Plus von einem Prozent.
  • Im vergangenen Jahr stiegen die Umsätze so stark wie seit 1994 nicht mehr: um 9,5 Prozent. Vor allem der Wohnungsbau legte kräftig zu, dort erhöhten sich die Umsätze um 14 Prozent.
  • 2011 stieg die Zahl der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe um 18 000 auf 743 000. Die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter sank um 22 Prozent auf 43 000, die der arbeitslosen Bauingenieure um 17 Prozent auf 3000. nd

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