Für die Kinder steht der Held am Ende fest: Weder der unbeirrbare Geologie-Professor Lidenbrock noch sein Neffe Axel, aus dessen Perspektive die »Reise zum Mittelpunkt der Erde« in der gleichnamigen Aufführung am Theater in der Parkaue erzählt wird, können zu solcher Begeisterung hinreißen wie der Eiderentenjäger Hans. Vor allem, wenn Anton Bermann die Rolle des wortkargen Dänen fahren lässt und zum Düsterrocker wird, samt kehligem Gebrüll, wilden Sprüngen und Schlägen mit dem Stromkabel.
»Ein famoser Mensch«, findet auch Professor Lidenbrock, der in dieser gelungenen Mischung aus altmodischer Abenteuergeschichte und anregender Wissenschaftsrevue den (fast) allwissenden Superforscher gibt. Äußerlich der Typ zerstreuter Wissenschaftler, kämpft er sich in der Bühnenfassung von Jules Vernes' 1864 erschienenem Roman unermüdlich durch codierte Runen-Texte, Vulkanschlote, endlose Gänge und unterirdische Meere. Sein Neffe und Assistent Axel macht zwar gezwungenermaßen mit, doch so ganz wohl ist ihm nicht bei dem Trip, der durch einen isländischen Vulkan ins innerste Innere der Erde führen soll - bangt er doch ständig, nicht mehr an die Oberfläche und so zu seiner großen Liebe Grete zurückzufinden. Doch zum Glück ist ja der Entenjäger Hans dabei, dem Taten vor Worte gehen.
Wie in ihrer ersten gemeinsamen Inszenierung »Radau!« setzen der Regisseur und Bühnenbildner Thomas Fiedler und der Musiker und Schauspieler Anton Bermann auch in ihrer Jules Vernes-Adaption auf einen Mix aus Erzählung und Action, angereichert mit Soundcollagen, Live-Musik und allerlei Effekten. Da blitzt, pufft und qualmt es, wenn die Entstehung der Erde chemisch erklärt wird, und um die lange Wanderung ins Erdinnere anschaulich zu machen, kraxeln die Darsteller an den Bühnenwänden entlang, bevor sie auf einen - per Lichteffekt sichtbar gemachten - gigantischen unterirdischen See stoßen. Ebenfalls per Projektion herbeigeholt werden die Überbleibsel riesiger Ur-Tiere, und zwischendurch darf Bermann auch mal als mit Fellen behängter Steinzeitmensch durch Farne stapfen.
Das alles ist mit viel Fantasie umgesetzt; lediglich die anfänglichen Dechiffrierungs-Szenen im Studierzimmer von anno dazumal verlangen den jungen Zuschauern etwas Geduld ab. Doch diese eher theoretischen Momente sind schnell vergessen, wenn die drei Entdecker auf ihrem Floß einem Sturm trotzen und die Dunkelheit von (Neon-)Blitzen durchzuckt wird. Oder wenn am Ende mit großem Getöse der Vulkan ausbricht, dessen Urgewalt die drei Darsteller mit E-Gitarren, kehligem Gejaule und peitschenden Kabeln in Darkrock-Manier darstellen, so dass man sich direkt ins mystisch-wilde Island versetzt fühlt. Und doch bleibt genug von der altmodisch-behaglichen Spannung übrig, die Jules Vernes Literatur auszeichnet. Dass das Stück nicht krampfhaft in der Jetzt-Zeit angesiedelt wurde, zeigen schon die Kostüme - Reisemantel, weißes Hemd und Schnürstiefel für den wunderbaren Helmut Geffke als Professor, Reiterhose und hohe Stiefel für Andrej von Sallwitz als Neffe Axel. Und Axel Bermann, der erst im zweiten Drittel seinen Platz an Klavier und Laptop verlässt und in die Rolle des rothaarigen Dänen Hans schlüpft, trägt Weste überm Hemd, wie es sich damals gehörte. Vermutlich hätte er aber auch im Turnhemd auftreten können - die »Zugabe!«-Forderung am Ende ist den dreien gewiss.
12.1, 28.3., 21. und 23.4., 10 Uhr; Theater an der Parkaue
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Dem Bösen Gestalt geben E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen »Der Sandmann« im Theater an der Parkaue
Preis: 4,00 €
Preis: 7,95 €
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