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Von Kurt Pätzold 12.01.2012 / Literatur
Politisches Buch

Worüber die Täter nicht reden wollen

Werner Röhr untersuchte die Abwicklung der DDR-Geschichtswissenschaft

Dieses Buch ist Ergebnis einer Kärrnerarbeit. Und es fällt einem schwerlich ein zweiter Autor ein, der diese mit den notwendigen Kenntnissen, mit dieser Hingabe und Ausdauer hätte bewältigen können als der Berliner Historiker Werner Röhr.

Abwicklung - das Allerweltswort geriet in den politischen Sprachgebrauch der eben-noch-DDR-Bürger Anfang der 90er Jahre. Bis dahin verbanden sie mit diesem Wort zumeist die Erledigung eines beliebigen Geschäfts- oder Arbeitsganges, die Wolle verstrickenden Großmutter eingeschlossen. Heute muss Nachgeborenen die Vokabel in der Bedeutung, die sie damals erhielt, wohl erklärt werden. Die auf die seinerzeitigen Vorgänge am ehesten zutreffende wäre »Liquidation«. Dabei waren Ziel und Resultat freilich nicht, wie sich aus der Herkunft des Wortes (lat. liquidare) schließen ließe, eine »Verflüssigung«, sondern die ersatzlose Schließung von Einrichtungen und die Entlassung von Angestellten und Arbeitern, ohne dass jenen die Chance gelassen wurde, Rechtsansprüche geltend zu machen, geschweige denn durchzusetzen.

Die abgewickelten Historiker der DDR fanden sich zumeist als Arbeitslose auf Arbeitsämtern wieder; die wenigsten ergründeten und erhielten Möglichkeiten, ihr Fachwissen weiter einzusetzen. Andere Akademiker kamen in prekären Arbeitsverhältnissen unter, z. B. als Organisator in einer Baufirma, als Passagier- und Gepäckkontrolleur auf einem Flughafen, als »Unternehmerin« im eigenen Kosmetik-»Studio«. Die älteren wurden Vorrentner, mit deutlicher Reduzierung der finanziellen Bewertung ihres Arbeitslebens, ein Teil mit »Strafrenten wegen Staatsnähe«.

An seine Mitwirkung bei dieser Abwicklung will heute kein Täter - es waren maßgeblich westdeutsche »Kollegen« - erinnert werden, noch weniger an deren Folgen. Gleiches gilt für die propagandistisch-demagogische Rechtfertigung der Abwicklung durch die Behauptung, in der einstigen DDR sei eine Wissenschaftswüste vorgefunden worden - eine These, die vorzüglich zu dem Versprechen des einstigen Bundeskanzlers passte, die Ostdeutschen würden alsbald blühende Landschaften erleben. In Wahrheit hatte die »Abwicklung« mit dem Zustand der DDR-Geschichtswissenschaft zu tun. Von deren teils international gewürdigten Leistungen zeugt die Fortführung von Unternehmen über die Abwicklung hinaus. Röhr hätte da allein aufführen können die Marx-Engels-Gesamtausgabe (Heinrich Gemkow, Martin Hundt, Rolf Dlubek u. a.), die Publikationen zu Rosa Luxemburg (Annelies Laschitza), die Darstellung der Geschichte Deutschlands im Ersten Weltkrieg (Fritz Klein), die Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft (Dietrich Eichholtz) oder die Dokumentation Europa unterm Hakenkreuz, deren Fortführung Röhrs eigenes Verdienst war.

Nicht die Unwissenheit von Kolonialpionieren, die unbekanntes Terrain betraten, missleitete die »Abwickler«, sondern ein strategischer Vorsatz: die Ausschaltung einer Strömung geschichtswissenschaftlichen Denkens, Forschens und Lehrens, deren theoretischer Ausgangspunkt der historischen Materialismus war.

Gegen die abstruse Rechtfertigung, das Vorgehen gegen die Kader der DDR sei eine Lehre aus dem verfehlten Umgang mit den Nazis nach dem Kriege gewesen, argumentiert Röhr: Die Weiterverwendung der Diener des faschistischen Regimes nach 1945 und die Entfernung der Protaganisten des frühsozialistischen Staates nach 1990 zielte auf Gleiches - auf die Stabilisierung der bürgerlichen Gesellschafts- und Staatszustände. Dabei wurde indes den ostdeutschen »Schwestern und Brüdern« verweigert, was in der sich formierenden westdeutschen Nachkriegsgesellschaft Nazis zugestanden wurde: die Einzelfallprüfung, die eine Geste war und damals mit den bekannten großzügigen Urteilen endete. Der Umgang mit den Sozialisten erfolgte (und erfolgt bis heute) anders als der mit den »Nationalsozialisten«. Wie anders, das lässt sich nun im Detail in diesem Band nachlesen, um den nicht herumkommen wird, wer sich mit Wissenschaftsgeschichte in Deutschland befasst. Es gehört keine prophetische Gabe zur Voraussage, dass dieses Buch auf Seiten der Sieger indes Ignoranz erfahren wird, trübt er doch das Bild der »glücklichen Vereinigung« gewaltig.

Röhr setzt mit einer nahezu lexikalischen Aufnahme der Wissenschaftslandschaft ein und beschreibt sodann Struktur, Aufgaben, Personal und Arbeitsresultate der historischen Institute der Akademie, der SED, der Volksarmee, sowie der Universitäten und Pädagogischen Hochschulen. Er charakterisiert die Gremien, die Schwerpunkte der Forschungen und Lehrinhalte bestimmten. Der Autor stellt die Ansprüche dar, welche die führende Partei an die Historiker stellte. Darauf folgt seine Sicht auf deren Haltung in der Krise und während des Untergangs der DDR. Die fasst er in die Begriffe »Selbstpreisgabe« und »Umsattlungseifer«. Dafür jedoch bleibt er Beweise schuldig. Mehr noch: In seiner Darstellung der Abwicklung an der Humboldt-Universität gibt er mit dem Verweis auf den Widerstand der Betroffenen selbst ein Gegenbild.

Fakten- und detailreich schildert Röhr dann den Ablauf der Abwicklung, der Evaluierung, Auflösung und feindlichen Übernahme der Geschichtsinstitute und die Rolle der Akteure (Wolfgang Mommsen, Eberhard Jäckel, Christian Meier, Heinrich August Winkler u. a.). Dokumentiert wird der sich 1990 rasch vollziehende Wechsel von bekundeter Kooperationsbereitschaft zum kompromisslosen Liquidatorentum. Das verbindet Röhr mit einer Charakterisierung des Verlustes an wissenschaftlichem Potenzial. Beispielhaft wird auf die Schließung des Akademie-Instituts für Wirtschaftsgeschichte unter der Leitung von Thomas Kuczynski und die Liquidierung des Forschungszentrums in Leipzig verwiesen, das sich mit den Namen Walter Markov und Manfred Kossock verbindet. Je mehr zu fürchten war, dass solche Türme geschichtswissenschaftlicher Leistung im größeren Deutschland als Maß dienen und als Konkurrenz wirken könnten, umso rigoroser das Bestreben, tabula rasa zu machen.

Röhr rekonstruiert, wie Regierung, Ministerialbürokratie in Bund und Ländern, Verwaltungen und Wissenschaftler, die »aus dem Westen« einzogen, einträchtig zusammenwirkten. Er durchmustert schließlich deren Antriebe, die vom antikommunistischen Eifer bis zu eigensüchtigen Vorteilsgründen reichten. Geschaffen wurden so wie allerortens auch auf dem speziellen Feld der Geschichtswissenschaft Voraussetzungen und Bedingungen dafür, dass die gesellschaftlichen, politischen und geistigen Verhältnisse der alten Bundesrepublik in die neuen Bundesländer bruchlos übertragen werden konnten. Dies musste unweigerlich auf den Zustand der Geschichtswissenschaft in Neudeutschland zurückwirken. Wie dieser sich ihm darstellt, beschreibt Röhr am Schluss des Bandes indes mit einer Neigung zu Verallgemeinerung und Verabsolutierung.

Dem Band soll bald ein zweiter folgen, in dem der Autor die Resultate der DDR-Historiographie inspizieren will.

Werner Röhr: Abwicklung. Das Ende der Geschichtswissenschaft der DDR. Bd. I: Analyse einer Zerstörung. Edition Organon, Berlin 2011. 504 S., geb., 30 €.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 12. Jan 2012 16:50

    Irre ich mich?

    Ist die westdeutsch-neudeutsche Geschichtsforschung längst weitgehend zur Hure mutiert?

    • Permalink

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Frisch gebloggt
24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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