Die Kontroverse um die neue, Ende Oktober letzten Jahres in Betrieb genommene Nordwest-Landebahn des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens hat neue Nahrung erhalten. So gab die Flughafenbetreibergesellschaft Fraport dieser Tage in einem Antwortschreiben an eine Bürgerinitiative in der Anliegergemeinde Eddersheim zu, dass schon am 21. November letzten Jahres mindestens zwei Flugzeuge wegen Vogelschlags nicht auf der neuen Bahn landen konnten. Dieses Eingeständnis erfolgte allerdings mit großer Verzögerung.
Noch in einer Sitzung des Wirtschafts- und Verkehrsausschusses Anfang Dezember im hessischen Landtag hatte der für Verkehr zuständige Ministerialdirigent Bernhard Maßberg im Auftrag von Wirtschafts- und Verkehrsminister Dieter Posch (FDP) den Abgeordneten auf Anfrage unmissverständlich mitgeteilt: »Es war kein Vogelschlag.« »Nach den jüngsten Angaben von Fraport zu den Vorgängen am 21. November 2011 war diese Aussage eine Lüge«, empört sich nun der Abgeordnete Hermann Schaus (Linksfraktion).
Der Parlamentarier sieht sich in seinen bereits vor Jahren geäußerten Warnungen vor einem gestiegenen Vogelschlagsrisiko im Zusammenhang mit der neuen Landebahn bestärkt. Die Regierung handele »hochgradig verantwortungslos, wenn die Nordwestbahn ohne sicher funktionierendes Vogelschlag-Frühwarnsystem in Betrieb gehen sollte«, so seine Warnungen im letzten Sommer.
»Die neue Landebahn hätte nie gebaut werden dürfen«, sagt Schaus. Denn die Landesregierung habe »nicht nur auf Teufel komm raus den Bau der Nordwestlandebahn durchgesetzt«, sondern zudem »eine frühzeitige Prüfung wichtiger Sicherheitsfragen, zu der das Vogelschlagrisiko gehört, unterlassen.« Nun dürften die Sicherheitsinteressen der Menschen in der Region nicht länger »den Profitinteressen der Fraport untergeordnet« werden und müsse bis zur Klärung des bestehenden Vogelschlagrisikos die Nutzung der neuen Landebahn untersagt werden, verlangt Schaus.
Vor einem Vogelschlagrisiko nach erfolgter Inbetriebnahme der neuen Landebahn hatten in den letzten Jahren auch Umweltverbände wie der BUND sowie örtliche Bürgerinitiativen gewarnt. »Die größte Gefahrenquelle für den Flugverkehr durch die Kreuzung des Vogelflugweges über dem Main in geringer Höhe wurde im Fraport-Gutachten nicht erkannt«, sagte BUND-Vorstandssprecherin Brigitte Martin schon vor zehn Jahren. Diese Warnung stützte sich auf Erkenntnisse von Ornithologen, die das nahe gelegene Mainufer als wichtigen Lebensraum für viele Vögel kennen. Es sei »absolut unüblich«, so die Sprecherin, dass Fraport vor der Inbetriebnahme »das Vogelschlaggutachten von einem Verein erstellen ließ, dessen 2. Vorsitzender der zuständige Vogelschlag-Mitarbeiter der Fraport AG ist«.
Der Flughafenbetreiber habe »völlig übersehen, dass unmittelbar südlich eines geplanten EU-Vogelschutzgebietes am Main bei Eddersheim die Flugzeuge den Fluss im Takt von wenigen Minuten in nur 120 m Höhe überflögen«, kritisiert der hessische BUND-Naturschutzreferent Thomas Norgall: »Ein Fachmann darf dieses Problem nicht übersehen.« Vogelschlag sei vor allem dann ein Problem, wenn mehrere Vögel gleichzeitig von den Turbinen angesaugt werden und dies Triebwerkausfälle verursache. Unmittelbar vor einer Landung sei aber auch schon der Ausfall eines Triebwerks ein erhebliches Risiko. Möwen und Krähen, am Main häufig gesichtete Vogelarten, gehörten zu den »besonders problematischen Arten«.
Vogelschlag ist für die Luftfahrt weltweit eine permanente Gefahrenquelle. Nach BUND-Angaben kamen dadurch in den Jahren 1995 und 1996 weltweit 79 Menschen ums Leben und wurden 12 Flugzeuge völlig zerstört. Ende Oktober 2011 erzwang ein in das linke Triebwerk einer Boeing 757 geratener Vogelschwarm am Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel wenige Minuten nach dem Start eine Sicherheitslandung. Die Passagiere kamen mit dem Schrecken davon. Weltweit Aufmerksamkeit erregte Anfang 2009 die durch Vogelschlag erzwungene - und geglückte - Notwasserung eines Passagierflugzeugs im eiskalten Wasser des Hudson River in New York.
Vogelschlag dürfte nun auch ein Thema sein, wenn Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am kommenden Mittwoch in der Wiesbadener Staatskanzlei Vertreter regionaler Bürgerinitiativen zum »Flughafengespräch« empfängt. Am kommenden Montagabend wollen die Initiativen ihre »Montagsdemos« gegen Fluglärm und Umweltbelastung mitten im Terminal 1 des Rhein-Main-Flughafens fortsetzen.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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