Die Jugend ist jünger geworden in den vergangenen 100 Jahren. Als Pierre Baron de Coubertin 1894 das Internationale Olympische Komitee gründete, wurde klar formuliert, wer zwei Jahre darauf an den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit teilnehmen sollte: Athen 1896 und die Spiele der kommenden Olympiaden sollten ein »Treffen der Jugend der Welt« sein, im Sinne des Friedens und des fairen Wettkampfs.
Anno 2012 ist dem »Schneller, Höher, Stärker!« von einst noch ein Jünger! hinzuzufügen, denn olympische Karrieren sollen heutzutage früher beginnen als zu Coubertins Zeiten: 15 bis 18 Jahre alt sind die mehr als 1000 Athleten aus 70 Nationen, die heute Abend in Innsbruck die Eröffnung der 1. Olympischen Jugend-Winterspiele miterleben.
Um 18.30 Uhr ereignet sich vor 15 000 Zuschauern und den 700 geladenen Gästen an der ausverkauften Bergisel-Schanze Historisches: der Beginn der 1. Jugendspiele im Winter. Zugleich wird der Bergisel die erste Sportstätte, an der jemals drei olympische Veranstaltungen stattfanden.
Wer heute Abend schließlich die dritte Olympische Flamme von Innsbruck entzünden darf, ist noch geheim - so wie es auch bei den »großen« Spielen Usus ist. Die Skisprung-Olympiasieger Karl Schnabl und Toni Innauer sollen als Träger der Olympischen Fahne fungieren, OK-Chef Peter Bayer verspricht, einen Bogen zu spannen von den Olympischen Spielen 1964 und 1976 zu Innsbruck 2012.
Deutlich besser als 1964 und 1976 verspricht das Wetter zu werden, massenhaft Schnee ist in den letzten Tagen über Österreich niedergegangen. Die olympischen Wettkampfstätten in Innsbruck (Alpinski, Eissportarten), Igls (Bob, Rodeln, Skeleton), Seefeld (Nordisch, Biathlon) und Kühtai (Snowboard, Freestyle) sind bestens präpariert. Wenn IOC-Präsident Jacques Rogge, 69, bei den Spielen von Innsbruck die Runde macht, um die Ausführung seines Lieblingsprojektes Jugendspiele in Augenschein zu nehmen, wird vieles zur Zufriedenheit ausfallen.
Bevor das Projekt Jugendspiele bei der IOC-Session von Guatemala im Jahr 2007 beschlossen wurde und 2010 die ersten Sommerspiele in Singapur veranstaltet wurden, hatte sich der Belgier Rogge für seine Idee vom Teenager-Olympia so manche Kritik anhören müssen. Wieso den Druck auf die Jüngsten erhöhen? Kann man mit einer Idee aus dem 19. Jahrhundert das Nachwuchsproblem der olympischen Bewegung lösen? Lotsen solche Spiele die Jugendlichen vom Funsport zurück ins olympische Wettkampftreiben? Sind die Jugendspiele nicht nur ein weiterer Versuch, auch den Sponsorenmarkt im Nachwuchssport zu vereinnahmen? Wird nicht gar zu noch mehr Doping in jungen Jahren angestachelt?
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Fackellauf durch ganz Österreich
Foto: Innsbruck 2012
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Längst nicht alle Fragen sind geklärt. Rogge, der es zähneknirschend hinnehmen musste, dass entgegen seinen Wünschen nun auch Medaillen, Hymnen und Podien dazugehören, sagte einmal, die Jugendspiele bräuchten ihre Zeit, schließlich seien auch die Spiele von 1912 erst »richtig gut« gewesen. Dass die Sommerspiele in Singapur 2010 ziemlich gut gelangen, verschaffte Rogge Luft, zumal das IOC in Innsbruck wieder größten Wert auf das Kultur- und Bildungsprogramm legt. 30 Millionen Euro lässt sich das IOC die Spiele 2012 kosten, alle Sportler weilen die gesamten zehn Tage in Innsbruck, von wo sie neben einer Vielzahl von neuen Facebook-Freunden auch neues Wissen mitnehmen sollen: über Umweltarbeit und Nachhaltigkeit, über Medienarbeit und duale Karriere.
Aufs Gewinnen komme es nicht an, wird gebetsmühlenartig versichert. IOC-Vizepräsident Thomas Bach sagt, das Wichtigste sei, »Motivation zu schöpfen für die weitere leistungssportliche Laufbahn, das olympische Flair zu schnuppern, den Geist kennenzulernen«. Der Spagat zwischen Siegen- und Dabeiseinwollen bleibt schwierig, schon verbal. Thomas Bach versucht es so: Die Deutschen Athleten würden »optimal betreut, aber es werden keine Medaillen gezählt«.
Geschichte: 2007 wurde in Guatemala von der IOC-Session die Einführung von Jugend-Olympia beschlossen. Nach den Jugend-Sommerspielen in Singapur 2010 (3522 Jugendliche aus 205 Nationen) erlebt nun Innsbruck die Premiere der Winterspiele. 2014 ist Nanjing (China) Sommergastgeber.
Visionen des IOC: u. a. »die besten Athleten der Welt zusammenbringen, den Olympismus mit einem einzigartigen Event fördern, die olympischen Werte innovativ vermitteln und verbreiten, die Kulturen der Welt in festlicher Atmosphäre teilen, ein Sportereignis von höchstem Niveau veranstalten«.
Vergabe: Die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck setzte sich im Dezember 2008 mit 85:14 Stimmen gegen Kuopio (Finnland) durch.
Sport: Die Jugendlichen treten in 15 olympischen Winterdisziplinen an: Alpinski, Biathlon, Bob, Curling, Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Freestyle Ski, Nordische Kombination, Rodeln, Shorttrack, Skeleton, Skilanglauf, Skispringen, Snowboard. Jede Nation darf pro Disziplin in der Regel nur einen Kandidaten nominieren, die Starter mussten sich in internationalen Wettbewerben qualifizieren. Ausgetragen werden die Wettbewerbe auf den Olympiaanlagen von 1964 und 1976. Seit 27. Dezember ist die Fackel mit dem Olympischen Feuer in Österreich unterwegs.
Kultur- und Bildungsprogramm: Neben den Sportwettkämpfen stellt es das zweite zentrale Element von »Innsbruck 2012« dar. Medienworkshops, Musikprojekte (Tanz, Trommeln), Karriereseminare, Umweltprojekte, dazu ein eigenes Musikfestival. Die »World Mile« (Weltmeile) stellt die Teilnehmerländer vor. grl
O Sport, Du bist der Friede!
Du schlingst ein Band um Völker,
Die sich als Brüder fühlen in gemeinsamer Pflege
Der Kraft, der Ordnung und der Selbstbeherrschung.
Durch Dich lernt Jugend selbst sich achten,
Und auch Charakter Eigenschaften anderer Völker
Schätzen und bewerten.
Sich gegenseitig messen, übertreffen, das ist das Ziel
Ein Wettstreit in dem Frieden.
Aus: Ode an den Sport Georges Hohrod und M. Eschbach (Mit diesem Text unter Pseudonym wurde IOC-Begründer Pierre Baron de Coubertin 1912 Olympiasieger in der Disziplin Literatur)
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 11,95 €
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