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Von Karsten-Thilo Raab 14.01.2012 / Reise

Eisbein mit Sauerkraut unterm Vulkan

Die Region Los Lagos in Chile ist seit 150 Jahren Heimat von Deutschen und hält die Traditionen hoch

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Der ganze (bewohnte) Ort wirkt wie ein Museum.

Auf den ersten Blick gemahnt die Region Los Lagos an eine Mischung aus norwegischen Fjord-Landschaften und dem Sauerland. Hoch aufragende Berge, riesige Seen und ausgedehnte Mischwälder so weit das Auge reicht. Dazwischen grasen Kühe auf saftigen Weiden. Und ein Blick auf die Schilder an den Ladenlokalen von Puerto Varas lässt die Vermutung zu, das chilenische Seengebiet sei ein Teil von Deutschland. Da lädt das »Café Dresden« zu Kuchen und im »Club Aleman« wird Sauerkraut mit Eisbein serviert. Ein paar Straßenzüge weiter heißen die Restaurants, Supermärkte und Geschäfte »Peters«, »Kaisers« oder »Klein«. Eine deutsche Schule fehlt hier ebenso wenig wie eine deutsche Kirche und ein deutsches Krankenhaus. Selbst die Feuerwehr trägt auf ihren Fahrzeugen statt des spanischen Namens »Bomberos« die deutsche Bezeichnung. Nur die Palmen, der lang gezogene Strand und der Blick auf den schneebedeckten Osorno Vulkan lassen Zweifel aufkommen, dass die Region tatsächlich ein wenig bekanntes Stück Deutschland sei. Gleichwohl ist der deutsche Einfluss auf Architektur und Lebensart unverkennbar. Wohl auch, weil heute noch rund 200 000 deutschstämmige Chilenen in der Region Los Lagos leben.

»Ein Mann namens Bernado Eunom Philippe warb im Auftrag der chilenischen Regierung ab 1848 im deutschsprachigen Raum potenzielle Auswanderer an«, weiß Tatiana Held in perfektem Deutsch zu berichten. Die 48-Jährige ist Mitglied im deutschen Club von Puerto Varas. Ihre Vorfahren kamen aus Zittau im Landkreis Görlitz und sind wie Tausende andere vor gut 150 Jahren dem Lockruf der Chilenen gefolgt. Nahezu mittellos kamen sie nach Südamerika. Als Lockmittel und Starthilfe wurden ihnen 150 Hektar Land, ein Pferd, ein Ochsengespann, eine Kuh, 200 Bretter und Nägel, Werkzeug, Saatgut und Steuerfreiheit für 15 Jahre versprochen.

»Aus heutiger Sicht würde man wohl sagen, leider haben sie vergessen, das Kleingedruckte zu lesen«, so Tatiana Held weiter. Denn scheinbar niemand hatte den Einwanderer erzählt, dass das gelobte Land aus einer unerschlossenen Wildnis bestand und die zugewiesenen Grundstücke zum Teil gar nicht erreichbar waren. Über Jahre bestand der Alltag der Einwanderer darin, Bäume zu roden, Wege anzulegen und das Land urbar zu machen.

»Vom Strand bis zu den Bergen nichts als Urwald« schrieben daher auch die ersten Einwanderer über ihre neue Heimat zwischen Pazifik und Anden, in der sie nacheinander verschiedene Städte gründeten: Im Jahre 1852 Puerto Montt, 1854 Puerto Varas und 1856 Frutillar.

Letztere erinnert insbesondere in dem am 877 Quadratkilometer großen Llanquihue See gelegenen Stadtteil Bajo an ein großes Freilichtmuseum. Bunte Holzhäuser mit Schindeln gedeckt, Cafés mit Kuchen und Strudel, deutsche Clubs, Blumen in den Vorgärten und auf den Fensterbänken bestimmen das Stadtbild. Aus den Boxen der Geschäfte ertönen deutsche Schlager und Seemannslieder. Die liebevoll angelegte Musikstraße zieren rot getünchte Holzhäuser mit den Vornamen großer deutschsprachiger Komponisten wie Beethoven, Strauss und Mozart.

Das 1984 gegründete Museo Colonial Alemán widmet sich mit seinen Häusern der deutschen Siedlungsgeschichte im Süden Chiles. Auf drei Hektar präsentiert das kleine Museum verschiedene Wohnhaustypen der deutschen Einwanderer, aber auch eine funktionierende Wassermühle, eine Schmiede und eine kleine Kapelle. Und am Pier von Frutillar streckt sich das größte Konzerthaus in Chile fast 100 Meter weit ins Wasser des Llanquihue. Mit einer Breite von bis zu 50 Kilometern wirkt der beliebte Badesee wie ein riesiges Meer, von dessen Ufer aus immer wieder der Blick auf die Vulkane Osorno (2652 Meter) und Puntiagudo (2190 Meter) frei ist.

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Kuchen, wie ihn die Vorfahren in Deutschland backten, gibt es im »Café Dresden« in Frutillar.

Nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt liegt Nueva Braunau. 120 Menschen aus Braunau in Böhmen haben hier Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Heimat gefunden und ein komplettes Dorf aus Alerce-Holz, einer seltenen Zypressenart, hochgezogen. Wichtigste Anlaufstelle für Besucher ist hier das deutsche Museum. Auf zwei Etagen zeigt die von Antonio Felmer Niklitschek gegründete Sammlung Werkzeug und Einrichtungsgegenstände deutscher Siedler aus gut 160 Jahren. Auch ein Stück Berliner Mauer fehlt nicht.

»Für mich ist das Museum ein reines Hobby, aber auch eine tolle Erinnerung an die eigenen Wurzeln«, sagt Pedro Felmer Aichele, der das Museum von seinem Vater übernommen hat. Nein, leben könne er davon nicht. Im Gegenteil. Ein Großteil seines Geldes, das er als Landwirt verdient, fließt in die Unterhaltung des Hauses und den Ausbau der Sammlung. Doch aufgeben will er das kostspielige Hobby nicht: »Das Museum ist ein Stück Zeitgeschichte voller Emotionen«, freut sich Pedro Felmer Aichele immer, wenn sich Besucher für das entbehrungsreiche Leben seiner Vorfahren interessieren.

Die fanden auf dem Friedhof des Dörfchens Llanquihue am Ufer des gleichnamigen Sees ihre letzte Ruhestätte. Jede Grabreihe ist hier einer anderen Familie gewidmet. Auf dem gegenüberliegenden Hügel erhebt sich ein Denkmal mit den Worten »Unsern Ahnen«, das den ersten Siedler aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gewidmet ist. Zwei Tafeln enthalten die Namen der ersten 120 Deutschen, die sich hier niederließen.

Doch nicht nur Deutsche kamen in die Region Los Lagos. Auch viele Schweizer fanden hier eine neue Heimat. So Alberto Schirmer. Bereits in dritter Generation betreibt seine Familie die Hotels in Petrohué und Puella an beiden Enden des Lago Todos los Santos. Auf Initiative von Schirmers Großvater Ricardo Roth wurde die Region 1925 zum ersten Nationalpark Chiles erhoben. Und der knapp 178 Quadratkilometer große See ist neben den Wasserfällen von Petrohué die größte Attraktion im Parque Nacional Vicente Perez Rosales.

Insbesondere das Dörfchen Puella mit dem 1896 eröffneten gleichnamigen Hotel 1896 und dem direkt angrenzenden Hotel Natura Patagonia ist ein beliebtes Ferienziel für alle Naturliebhaber. Besonderheiten hier sind die heißen Quellen von Vaso Vurdriloche, die erst nach einem dreitägigen Marsch durch den Urwald zu erreichen sind und ein Naturphänomen in absoluter Abgeschiedenheit präsentieren. Hier tummeln sich Tiere, die ursprünglich nicht in Chile heimisch waren, sondern von Siedlern hierher gebracht wurden: Lamas, Schweine und amerikanisches Rotwild, aber auch Pumas, die allerdings nur schwer zu sehen sind.

»Trostlos schön«, beschreibt der 73-jährige Alberto Schirmer die Region rund 25 Kilometer von der argentinischen Grenze. Wohl auch, weil hier die größten Niederschläge landesweit registriert werden. Im Schnitt fallen 1800 Milliliter Niederschlag pro Jahr, in den Bergen sogar bis zu 3000 Milliliter. »Deswegen ist es in Puella auch so herrlich grün«, lacht Alberto Schirmer, der wie viele seiner Vorfahren nie einen Gedanken daran verschwendete, dieses Paradies zu verlassen und nach Europa zurückzukehren.

  • Infos: Generalkonsulat von Chile, Wirtschaftsabteilung - Pro Chile, Kleine Reichenstr. 1, 20457 Hamburg, Tel.: (040) 33 58 35, E-Mail: tourismus@prochile-hamburg.de, www.chileinfo.de
  • Sehenswürdigkeiten: Museo Aleman, Casilla 544, Nueva Braunau, Puerto Varas, Chile, Telefon 0056-(0)65-330831, www.museoaleman.cl

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