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Von Ulli Traub 14.01.2012 / Reise

Familienbande - das Erbe der Gonzagas

Reise in die Renaissance nach Mantua - eine Stadt, wie aus dem Bilderbuch, die seit 2008 UNESCO-Weltkulturerbe ist

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Spitz, rund und eckig - Architekturimpression in der Altstadt von Mantua

Das ist ein Bild von einer Stadt: Wer über die Brücke, die den Fluss Mincio überquert, der sich hier in Form mehrerer Seen richtig breitmacht, die Altstadt von Mantua ansteuert, wird vom ungetrübten historischen Panorama der Paläste und Türme beeindruckt sein. Und viele Italienfans werden sich fragen, warum sie hier, wenige Kilometer südlich vom Gardasee nicht schon früher Station gemacht haben.

Ein paar Schritte hinter der Stadtmauer betritt man das alte Zentrum der lombardischen Provinzhauptstadt Mantua, die sich auf einer Halbinsel erstreckt. Die Piazza Sordello wird gesäumt vom Palazzo Ducale, dem nach dem Vatikan größten Gebäudekomplex in Italien. Gegenüber wirkt der Dom fast ein wenig verschüchtert angesichts dieser steinernen Wucht. Wer weiter ins Herz Mantuas vorstößt, wird erfreut feststellen, dass eine Piazza der nächsten folgt. Italien wie aus dem Bilderbuch. Verwunderlich, dass die UNESCO erst 2008 der Stadt den Titel eines Weltkulturerbes verliehen hat. Der Vorteil ist, dass man die Stadt noch mit größerer Ruhe entdecken kann als etwa das nahe Verona.

Als nächstes erreicht man die intime Piazza Broleto im Schatten des Stadtturmes. Unter Arkaden spaziert man weiter zum Salon der Stadt, der Piazza Erbe. Bars und Trattorien sind beliebte Treffpunkte. Das Geläut der Klingeln auf dem Kopfsteinpflaster signalisiert: Auch die Italiener haben das Fahrrad als urbanes Fortbewegungsmittel entdeckt. Das historische Zentrum ist weitgehend autofrei.

Auf der benachbarten Piazza Mantegna begegnet man einem berühmten Künstler, der in Mantua gewirkt hat: Andrea Mantegna. Der Maler kam wie viele andere Künstler auf Einladung der Gonzagas nach Mantua. Dieser mächtige Clan regierte die Stadt über 300 Jahre lang und gestaltete sie in der Renaissance nach seinen Vorstellungen. Ihr ständig erweiterter Palast umfasst üppige 34 000 Quadratmeter. Familie Gonzaga musste im Labyrinth der über 500 Räume, der 15 Höfe, Gärten und der Hofkirche einen ausgeprägteren Sinn für Orientierung gezeigt haben als heutige Zeitgenossen, die ohne Navigationsgerät kaum den richtigen Weg finden.

Auch die Gonzagas versicherten sich zur Mehrung ihres Ruhmes der Unterstützung berühmter Künstler. Die illusionistischen Fresken von Hofmaler Mantegna - das 3-D-Erlebnis des 15. Jahrhunderts - ziehen noch heute die Betrachter in ihren Bann. Renaissance-Kollege Leon Battista Alberti baute die Kirche Sant’Andrea, deren riesiges Tonnengewölbe und die weithin sichtbare Kuppel dem Duomo Konkurrenz machen.

Und dann gab es da noch Giulio Romano, dessen Arbeiten in Mantua an vielen Orten zu finden sind. Sein Hauptwerk ist die Sommerresidenz der Gonzagas, der Palazzo Te. Der am anderen Ende der Altstadt gelegene Palast wurde von dem Schüler Raffaels errichtet und mit monumentalen Fresken ausgeschmückt. Vom Fall der Titanen, der das ganze Haus zum Einsturz zu bringen scheint, wird ebenso bildmächtig erzählt wie die Liebesgeschichte von Amor und Psyche. Die Wände des Palazzo Te sind das bunteste Bilderbuch der Stadt.

Die lebendige Renaissancestadt Mantua, in der man auch die Wohnhäuser der prägenden Künstler Romano und Mantegna findet, hat eine kleine Schwester, die sich tief in der Provinz versteckt und mit der sie sich den Weltkulturerbetitel teilt. Auch das 40 Kilometer entfernte Sabbioneta geht auf das Wirken der Gonzaga-Dynastie zurück. Hier schwebte ihnen nicht weniger als die Errichtung einer idealen Stadt nach menschlichem Maß vor. Da die kleine Gemeinde nach dem Tod des Provinzherrschers Vespasiano Ende des 16. Jahrhunderts schnell in Vergessenheit geriet, findet der Besucher sie heute noch fast im Originalzustand vor: Ein entrückter Ort, der erst allmählich zu neuem Leben erwacht. Ein seltsamer Schwebezustand zwischen Gestern und Heute kennzeichnet die Atmosphäre.

Auf geometrischem Grundriss angelegt, von Verteidigungsanlagen umgeben und mit Palästen und Kirchen, Gemäldegalerie und Theater (eines der ältesten in Europa), die man besichtigen kann, war das aus dem Bauernland gestampfte Sabbioneta der Renaissance die Stein gewordene Utopie, gestaltet nach dem Willen eines Provinzpotentaten. Im Herzogpalast am rechteckigen Marktplatz empfängt eine lebensgroße Abordnung der Gonzagas zu Pferd den Besucher. Auch hier sind die mit Wandmalereien reich geschmückten Säle die schönsten erhaltenen Zeugnisse des Kunstwillens Vespasiano Gonzagas. Leichter zu transportierende Schätze sind von späteren Herrschern wie den Österreichern einfach mitgenommen worden.

Die Reise nach Mantua und Sabbioneta ist nicht lediglich eine in die Renaissance, sondern vor allem eine, die dem Erbe einer mächtigen Familie nachspürt, die ihre Stellung erfolgreich mit Kunst zu untermauern verstand. Besondere Fantasie, wie bei vielen anderen Spurensuchen, ist nicht vonnöten. Man muss nur seine Augen öffnen.

  • Infos: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Barckhausstraße 10, 60325 Frankfurt am Main, Tel.: (69) 23 74-34, Fax: -94, www.enit.it
  • Mantua-Tourismus: www.turismo.mantova.it
  • Tourismusbüro Sabbioneta: www.sabbioneta.org

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