Türken leben nicht nur in Deutschland oder in der Türkei. Auf diese bei allfälligen Migrationsdebatten hierzulande etwas unterbelichtete Tatsache macht die Gruppenausstellung »Zwölf im Zwölften« in der von einem türkischen Kulturgroßinvestor finanzierten und dem Berliner Großkurator René Block geleiteten Galerie Tanas in der Heidestraße aufmerksam. Unter dem etwas kabbalistisch anmutenden Titel werden Arbeiten von einem Dutzend türkischer Künstler vorgestellt, die es in alle Weltgegenden verschlagen hat.
Vahap Avsar etwa lebt nach längerem Londonaufenthalt nun in New York, Canan Tolon in San Francisco, Servet Koçyigit und Ahmet Ögüt in Amsterdam und Nilbar Güres in Wien. Es sind aber auch Berliner Künstler wie Nevin Aladag und die Hamburgerin Sakir Gökçebag eingeladen. Für sie alle gilt freilich, dass sie mit der Erwartung konfrontiert werden, türkische Kunst zu produzieren. »Ich weiß gar nicht, was das sein soll: türkische Kunst?«, beschrieb leicht verzweifelt Koçyigit während eines Künstlergesprächs in der Galerie über den Zusammenhang zwischen Geografie und Kultur die Situation. »Ich kann nur sagen, dass ich als ein in der Türkei geborener und sozialisierter Künstler jetzt in den Niederlanden tätig bin«, meinte er.
Seine in der Ausstellung präsentierte Arbeit »Truth« könnte sowohl als holländisch oder als türkisch, wohl besser noch als global zeitgenössisch aufgefasst werden. Denn Koçyigit verfolgt in der aus einem Videofilm und mehreren Fotoprints bestehenden Arbeit einfach einen Pulk von Journalisten. Die richten ihre Objektive auf einen vermutlich in ihrer Mitte befindlichen Gesprächspartner. Die Gruppe übernimmt dabei die Bewegungen der Person in der Mitte. Jedenfalls hat man das als Erklärung parat, wenn die Kameramänner nach links oder rechts schwanken, vor- und zurückweichen. Dabei entsteht der Eindruck, als würden sich die Journalisten zu einem Großkörper formieren, der den Bewegungsimpulsen eines Kerns folgt. Charmant ist nun, dass der Beobachter nie die Person in der Mitte zu Gesicht bekommt. Sichtbar ist nur der Medienmenschenhaufen - eine Blase, die eine Blase erzeugt.
Genuin türkisch hingegen mutet auf den ersten Blick die Arbeit von Vahap Avsar an. Er hat alte Postkarten von Atatürk-Denkmälern vergrößert und präsentiert den türkischen Staatsgründer nun hoch zu Ross und als aufrechten Fußgänger. »Meine Generation ist mit diesen Postkarten aufgewachsen. Sie haben sich regelrecht ins Gehirn gebrannt«, erzählt Avsar »nd«. Als er vor einem Jahr aus den USA in die Türkei zurückkehrte, waren jedoch die Postkarten verschwunden. Die Firma hatte bereits 1999 mangels Nachfrage die Produktion eingestellt. Avsar spürte noch das Archiv auf, das kurz vor der Vernichtung stand, und sicherte 24 000 Postkarten und deren Negative. Nach Berlin brachte er eine Serie von Motiven, die von Wiener und Berliner Bildhauern geschaffen wurden. »Atatürk hat diese Künstler extra ausgesucht, damit sie die ersten Denkmäler schufen. Nach ihrem Vorbild durften dann die türkischen Künstler arbeiten«, erzählt Avsar. Zu den Protagonisten dieses deutsch-österreichisch-türkischen Kulturtransfers gehörte auch der Bildhauer Josef Thorak, der in der NS-Zeit als »Bildhauer Nr 2« gleich hinter Breker galt und dessen Skulptur »Faustkämpfer« noch auf dem Gelände des Berliner Olympiastadions steht. Thoraks damaliger Nachbar Max Schmeling soll für diesen Athletenheros Modell gesessen haben. »In der Türkei will man von dieser besonderen Note in der Repräsentationskunst nicht mehr viel wissen«, versichert Avsar. Umso schöner, dass der Künstler - der zu Beginn seiner Laufbahn zum Geldverdienen ebenfalls an der Produktion von Atatürk-Bronzen beteiligt war - auf diesen Aspekt hinweist und gewissermaßen Thorak zu Thorak transportiert.
»Zwölf im Zwölften« ist eine klug zusammengestellte Ausstellung über das Spiel mit Erscheinungen, Erwartungen und Sinnestäuschungen.
Bis 3.3., Tanas, Heidestraße 50, Dienstag-Samstag 11-18 Uhr
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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